Superintelligenz: Monster, Macht und Moneten … und Marx

Vom Gespräch über den KI-Hype zur politischen Ökonomie einer neuen Produktivkraft

  • 16. Juli 2026: das KI-Unternehmen Hugging Face gibt in seinem Blog bekannt, dass es Ziel eines Cyberangriffs geworden sei, der „sich von allem unterschied, womit wir bisher zu tun hatten“. Das Unternehmen, das Open-Source-KI-Modelle und Datensätze hostet, erklärte, dass ein autonomer Agent Zugriff auf einen Teil seiner internen Daten erlangt habe.

  • 2. September 2026: Das „Wall Street Journal“ berichtet, dass der ehemalige Trump-Berater Steve Bannon „einen Vorschlag von Senator Bernie Sanders (I-VT) und der Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez (D-NY) unterstützt, den Bau neuer Rechenzentren zu verbieten“.
  • 3. September 2026: OpenAI veröffentlicht GPT-6 Astra, das das Unternehmen als „das intelligenteste und am besten abgestimmte Modell der Welt“ beschreibt. Am selben Tag kündigen US-Senator Bernie Sanders (I-VT) und der US-Abgeordnete Greg Casar (D-TX) den „Ban Artificial Superintelligence Act“ an. Der Entwurf soll Superintelligenz dauerhaft verbieten und die Entwicklung fortgeschrittener KI vorübergehend aussetzen, bis eine neue Bundesbehörde Sicherheitsregeln festgelegt hat.
  • 8. September 2026: Der Anthropic-Forscher Jacob Coxon veröffentlicht eine Meldung, in der es heißt: „Ich habe heute bei Anthropic gekündigt. Ich habe die letzten drei Jahre mit Vortrainings-Forschung verbracht, sowohl bei OpenAI als auch bei Anthropic Keines der beiden Unternehmen handelt verantwortungsbewusst. Sie rasen geradewegs auf eine sich selbst verbessernde Superintelligenz zu und spielen mit unserem Leben“, und „die Menschen, die KI entwickeln, glauben ernsthaft, dass sie uns alle bis zum Ende des Jahrzehnts töten könnte“.

Kommt jetzt die Superintelligenz, die sich – immer leistungsfähiger geworden – menschlicher Kontrolle entzieht, einen eigenen Willen entwickelt und schließlich uns alle töten wird?

Im Mittelpunkt dieses Beitrags steht die Wiedergabe eines Gesprächs des Technologiekritikers Ed Zitron und des Wettbewerbsexperten Matt Stoller mit dem Journalisten David Sirota. Ausgehend von dem oben beschriebenen Vorfall, bei dem sich KI-Agenten von OpenAI bei der Suche nach Sicherheitslücken Zugang zu Systemen der Plattform Hugging Face verschafft hatten, führt es über die Funktionsweise von KI-Agenten zum Verhalten der Medien, zu Regulierungsfragen und chinesischer Konkurrenz schließlich zu einer ganz anderen Vorstellung von der möglichen KI-Krise: „Big Short, not Terminator.“

Vor allem in den Rabbit Holes vertieft dieser Beitrag jedoch die im Gespräch aufgeworfenen Fragen: Was geschieht, wenn Tech-Konzerne und Staat immer enger verflochten sind? Wie lässt sich eine Technologie profitabel verwerten, deren Leistung zugleich immer billiger und allgemeiner verfügbar wird? Und entwickelt sich dieselbe neue Produktivkraft unter anderen institutionellen Bedingungen – anderen gesellschaftlichen Verhältnissen also – anders?

Rabbit Hole: Gastgeber und Gäste: David Sirota, Ed Zitron und Matt Stoller

David Sirota ist ein US-amerikanischer Investigativjournalist, Autor und politischer Publizist, Jahrgang 1975. Er studierte Journalismus und Politikwissenschaft an der Northwestern University. Vor seiner journalistischen Laufbahn arbeitete er in der US-Politik, unter anderem für Bernie Sanders; im Präsidentschaftswahlkampf 2020 war er zeitweise dessen Redenschreiber. Später konzentrierte er sich auf investigativen Journalismus, insbesondere auf das Verhältnis von Wirtschaftsmacht, Finanzsektor und Politik. 2020 gründete er The Lever, ein leserfinanziertes investigatives Medium. Dort moderiert er auch den Podcast Lever Time, aus dem unser Gespräch stammt. Daneben war er an der Entwicklung der Geschichte für Adam McKays Film Don’t Look Up beteiligt und wurde dafür mit McKay für einen Oscar nominiert.

Ed Zitron, geboren 1986 in England, kommt ursprünglich aus Journalismus und Public Relations. Er schrieb zunächst über Videospiele, wechselte in die PR-Branche und gründete später seine eigene PR-Agentur EZPR. Seit 2020 schreibt er den Newsletter Where’s Your Ed At?; außerdem moderiert er den Podcast Better Offline. Er ist inzwischen vor allem als scharfer Kritiker der US- Techindustrie und des gegenwärtigen KI-Booms bekannt.

Matt Stoller ist ein US-amerikanischer Autor und Wettbewerbs- bzw. Monopolismuskritiker. Er war unter anderem Policy Adviser beim Haushaltsausschuss des US-Senats und arbeitete während der Finanzkrise für ein Mitglied des Finanzausschusses des Repräsentantenhauses. Heute ist er Forschungsdirektor des American Economic Liberties Project, einer Organisation, die sich mit wirtschaftlicher Machtkonzentration und Wettbewerbspolitik beschäftigt. Bekannt wurde er insbesondere durch sein Buch Goliath: The 100-Year War Between Monopoly Power and Democracy. Außerdem schreibt er den Newsletter BIG, in dem er Unternehmensmacht, Kartelle und Wettbewerbspolitik untersucht.

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USA versus China: Chips und Seltenen Erden

Die neueste Entwicklung:

Wie Moonofalabama berichtet, übernahm die niederländische Regierung die Chipfirma Nexperia,
weil die chinesischen Eigentümer Washingtons Sanktionsliste auf den Plan riefen. Schon vor Monaten hatten US-Beamte ihren niederländischen Amtskollegen signalisiert, der chinesische CEO müsse „ersetzt werden“, damit Nexperia von den Restriktionen befreit werden könne, wie kürzlich veröffentlichte Gerichtsdokumente zeigen. Peking antwortete prompt mit Exportverboten für entscheidende Bauteile, die in den Niederlanden für die Produktion essenziell sind. Für Nexperia, die jährlich rund 90 Milliarden Komponenten liefert, könnte das das Ende bedeuten – mit direkten Folgen für die europäische Hightech-Industrie.

Mein heute bei Makroskop erschienener Artikel dazu:  Weiterlesen →

Der große TikTok Disput

Der folgende Artikel erschien heute bei Makroskop in Anspielung an den Begriff „Minsky-Moment“ unter dem Titel „Der große Tiktok Moment“. (Ein Minsky-Moment ist der Zeitpunkt, an dem die Wirtschaft zusammen- und eine schwere Krise ausbricht.) Der bessere Titel wäre jedoch „Der große Xiaohongshu Moment“. Wie auch immer – Es ist jedenfalls interessant zu beobachten, wie der Versuch der US-Gesetzgeber, ihre Bürger vor Cyber-Angriffen und chinesischer Propaganda zu schützen, nach hinten losging – und in einem großen Fest der Völkerverständigung endete. Es gibt sogar schon die passende Hymne. 

Ob die Vertrauenskrise systemrelevant wird, bleibt abzuwarten. Ob sich die Bürger beider Länder nach dieser Erfahrung wieder vollständig voneinander abschotten lassen werden, ist fraglich.

Hier geht es zum vollständigen Artikel.

P.S.: Am 6. Februar erschien unter dem Titel „Unverhoffte Völkerfreundschaft“ dazu ein kürzerer Artikel von mir bei Der Freitag. Mit schöner Grafik. Weiterlesen →

Xi Jinping belehrt Scholz

Hier ein seriöser Bericht:

Olaf Scholz in China: Zumindest die Chinesen scheinen ihn zu schätzen

Und hier Mercouris‘ Bericht und Kommentar (Übersetzung und Hervorhebung von mir – Konnte ich mir nicht verkneifen):

Nun muss ich mich einem faszinierenden Treffen in Peking zwischen dem deutschen Bundeskanzler Scholz und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping zuwenden. Es war eine der niederschmetterndsten an einen westlichen Staatsführer gerichteten Belehrungen zur Ukraine-Politik des Westens, die ich je von einem Chinesen gehört habe. Darin tat Xi Jinping alles, um Olaf Schulz absolut klar zu machen, dass Deutschland seiner Meinung nach mit seiner gesamten Ukraine-Politik völlig falsch liegt. Es ist schwierig, dem, was Xi sagte, in vollem Umfang gerecht zu werden, aber der chinesischen Verlautbarung zufolge hielt er Scholz einen Vortrag, in dem er dargelegte, was zur Lösung der Ukraine-Krise zu tun wäre.

Alle Parteien sollten sich zu einer baldigen Wiederherstellung des Friedens verpflichten, um zu verhindern, dass der Konflikt eskaliert und sogar außer Kontrolle gerät. Dazu sollten eine Reihe von Grundsätzen befolgt werden:

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US-amerikanische Strategiedebatten

In seinem täglichen Briefing vom 22.8.2023 spricht Alexander Mercouris das „Big Power Game“ des US-Imperiums an und wie die entsprechenden Strategien in den USA diskutiert werden.

Die drei großen Zeitschriften, in denen diese debattiert werden, sind: Foreign Policy, Foreign Affairs und National Interest.

Grundsätzlich sei man sich bei den Eliten einig, dass China die große Gefahr für die amerikanischen Interessen darstelle. Aber wie soll man inzwischen mit Russland umgehen?

2021 forderte das Strategiepapier des Atlantic Council „Toward A New American China Strategy“ Zugeständnisse an Russland.

„ Allowing Russia to drift fully into China’s strategic embrace over the last decade will go down as the single greatest geostrategic error of successive US administrations,“ schreiben die Autoren.

Dem wurde z.B. in dem am 14.3.2022 in National Interest erschienenen Artikel von Wess Mitchell „To Prevent China from Grabbing Taiwan, Stop Russia in Ukraine“ vehement widersprochen (der Originalartikel sei inzwischen mehrfach redigiert und entschärft worden, sagt Mercouris).

„The whole point should be to keep U.S. power applied as surgically as possible to the weaker of the two rivals, with a view to decisively draining it and being able at a later date to face China with greater strength as a result.“

Heute schienen mehr und mehr Strategen zu der Einsicht zu kommen, dass letztere Strategie dabei sei zu scheitern. Weiterlesen →

Antwort auf Jörg Goldberg

Jörg Goldberg hat in der Zeitschrift Z vom Juni 2023 einen Artikel mit dem Titel „Weltordnung zwischen Globalisierung und Nationalstaaten“ geschrieben. Meine Antwort darauf ist relativ ausführlich ausgefallen.

Antwort auf Jörg Goldberg (Fassung vom 2.7.2023)

Jörg Goldbergs Analyse 1

Fragen 2

Superimperialismus 4

Der Staat als eigenständiger Akteur im Kapitalismus 5

Bipolare Welt und „goldenes Zeitalter des Kapitalismus“;
neoliberale Globalisierung und unipolarer Moment 6

Modernisierung des „Rests der Welt“ 7

Multipolarität 10

Perspektiven 11

Fazit  13

Quellenverzeichnis 15

Der Konflikt zwischen USA und China ist unvermeidbar und unvermeidlich

Mein fiktives Gespräch mit Kishore Mahbubani ist heute bei Makroskop erschienen.

Die gesamte Ausgabe ist sehr lesenswert mit einem Beitrag von Thomas Fazi dazu, inwiefern die Sprengung von Nordstream 2 Teil eines bewussten Wirtschaftskriegs gegen Deutschland ist u.v.m.

Mit meinem Buch wollte ich zur Vermeidung eines offenen Konflikts zwischen den USA und China beitragen, indem ich zeige, dass man sich nicht auf ein Nullsummenspiel einzulassen braucht, sondern dass es möglich ist, mit China ein Positivsummenspiel zu haben, das den amerikanischen Arbeitnehmern, dem amerikanischen Volk und der ganzen Welt zugutekommt. Heute mehr denn je erscheint ein Zusammenprall jedoch unvermeidlich, denn die USA – unabhängig davon wer an der Spitze steht – und mit ihnen die Europäer scheinen strukturell unfähig zu einer Kursänderung zu sein und setzen weiter auf Konfrontation.

Hier der gesamte Text: Weiterlesen →

Die EU bläst zum Letzten Gefecht

Mit Dank an Christian
O-Ton Josep Borell:

 

Our prosperity has been based on cheap energy coming from Russia. Russian gas – cheap and supposedly affordable, secure, and stable. It has been proved not [to be] the case. And the access to the big China market, for exports and imports, for technological transfers, for investments, for having cheap goods. I think that the Chinese workers with their low salaries have done much better and much more to contain inflation than all the Central Banks together.
So, our prosperity was based on China and Russia – energy and market.

This is a perfect storm. First, the prices increasing. Second, the reaction of the Central Banks raising interest rates in the United States. Everybody has to follow, because otherwise their currency will be devaluated. Everybody is running to raise interest rates. This will bring us to a world recession.

everything is being weaponised. Everything is a weapon: energy, investments, information, migration flows, data, etc. There is a global fight about access to some strategic domains: cyber, maritime, or outer space.

This is a battle that we are not winning because we are not fighting enough. We do not understand that it is a fight. Apart from conquering a space, you have to conquer the minds. The Russians and the Chinese are very good in that.
It is a big battle: who is going to win the spirits and the souls of people?
When we say that China is our rival, systemic rival, systemic rival means that our systems are in rivalry. And the Chinese are trying to explain to the world that their system is much better. Because, well, maybe you are not going to choose your head of government, but you will have food, and heat, and social services, you will improve your living conditions. Many people in the world, yes, they go and vote and choose their government, but their material conditions are not being improved. And in the end, people want to live a better life.

Frühstück der Autokraten Teil 2

Mein Artikel „Frühstück der Autokraten“ über das jüngste Treffen der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) sollte ein Zweiteiler werden. Nachdem klar ist, dass er nur auf unserem Blog veröffentlicht wird, fehlt mir die Motivation, den zweiten Teil professionell auszuarbeiten. Aber die wesentlichen Inhalte sollen doch hier einmal festgehalten werden. Denn was sich dort tut, wird in den westlichen Medien kaum zur Kenntnis genommen. Wenn es zur Kenntnis genommen wurde, dann nur mit einem besonderen Framing, das zeigen sollte, wie isoliert Putin ist. Dem habe ich im ersten Teil einige O-Töne entgegengehalten, die zeigen sollten, dass es gute Gründe gibt, das zu bezweifeln.

Wer die Entwicklung ernst nimmt, ist der Neocon Robert Kagan, der darüber ein Buch geschrieben hat (The Return of History and the End of Dreams). Er beobachtet die Geschehnisse im asiatischen Raum mit Sorge. Denn es zeige sich, dass wirtschaftliche Entwicklung nicht automatisch zu liberal-demokratischen Systemen führe, wie man im Westen bisher angenommen habe. Seine These, dass wir uns in einem Zeitalter der Auseinandersetzung zwischen Autokratien und Demokratien befinden, ist ja inzwischen als offizielles Framing mainstream und auch Teil der NATO-Strategie 2022.

Aber was tut sich wirklich und wie sehen denn die Beteiligten selbst ihre Politik? Weiterlesen →

Europäischer Nabelschau-Pessimismus vs. asiatischer Optimismus

Ausschnitt aus einem Interview mit Kishore Mahbubani

Beginn der Übersetzung:

Kishore Mahbubani, Distinguished Fellow am Asia Research Institute der National University of Singapore, spricht über sein neuestes Buch The Asian 21st Century, [freier download] in dem er den Niedergang der USA mit dem Aufstieg der Plutokratie und den erneuten Aufstieg Asiens – nachdem es in den letzten 200 Jahren zurückgefallen war – mit seiner wachsenden Dynamik, seinem Optimismus und seiner Vielfalt in Verbindung bringt. Dies ist die 200. Folge des Podcasts Economics and Beyond mit Rob Johnson.

Der Armut entkommen

Kishore: Wissen Sie, ich bin in Singapur geboren und aufgewachsen und wissen Sie, als ich geboren wurde, war das Pro-Kopf-Einkommen in Singapur etwa so hoch wie das von Ghana, etwa 500 $, und Singapur war ein armes Dritte-Welt-Land. Und ich lebte in einer armen Familie in einem armen Dritte-Welt-Land, so dass ich im Alter von sechs Jahren in ein spezielles Ernährungsprogramm gesteckt wurde, weil ich technisch gesehen unterernährt war. Ich kann Ihnen sagen, dass der größte Wendepunkt in meinem Leben kam, als wir im Alter von 13 Jahren eine Toilette mit Wasserspülung bekamen, denn das Gefühl der Würde in Ihrem Leben verbesserte sich dramatisch, als Sie es einfach wegspülen konnten, anstatt zusehen zu müssen, wie dieser Berg im Laufe eines Tages in einem Kübel wuchs, der sich nie bewegte. Weiterlesen →