Die Schere im Kopf

Oft fragt man sich, wie es dazu kommt, dass der Medien-Mainstream häufig als gleichgeschaltet erscheint und von bestimmten Meinungskorridoren Abweichendes keine Chance auf Veröffentlichung hat. Schließlich gibt es niemanden, der direkt diktiert, was zu schreiben ist. Meiner Erfahrung nach entwickeln die Redakteure ein feines Gespür für das, was geht, und was nicht, und lektorieren entsprechend.

Eigentlich müsste es möglich sein, als Autorin einseitig zu schreiben, besonders als Antwort auf wahrgenommene andere Einseitigkeiten. Durch die Meinungsfreiheit gedeckt ist darüber hinaus fast alles, auch der größte Quatsch und beispielweise Pro-Russisches (das aber sanktioniert wird). Das verantwortet man als Autorin selbst.

Eine Publikation indessen, auch eine, die sich die Ausweitung enger Meinungskorridore auf die Fahne geschrieben hat, muss natürlich auf journalistische Qualitätsstandards achten, um seriös zu sein. Aber bis wann wird zur Einhaltung von Qualitätsstandards und zur Vermeidung von Verkürzungen oder zu einseitigen Darstellungen lektoriert, und wann beginnt die Abschwächung oder sogar Zensur von vom Mainstream abweichenden Sichtweisen? Damit musste ich mich in der Vergangenheit immer wieder auseinandersetzen. Ich habe dabei viel gelernt und meine Schreibweise verbessert; allerdings musste ich auch klarer definieren, was ich eigentlich sagen möchte und was meine spezifische Schreibweise ausmacht und ausmachen soll.

Hier ein anschauliches Beispiel zum Text Der Iran-Krieg mit Carl von Clausewitz. Teil 2: Die äußerste Anwendung von Gewalt. Weiterlesen

Warum wurde dieser „harmlose“ Kommentar nicht freigeschaltet?

Als Antwort auf diesen Kommentar zu einem Artikel im Tagesspiegel zum Gerichtsurteil zur Auslieferung von Assange

Was für ein Unrecht…
Sollte er ausgeliefert werden, dann können sich auch die Journalisten vom Tagesspiegel warm anziehen – vorbei die Pressefreiheit….

schrieb ich gestern

Das müssen sie mit Sicherheit nicht. Sie halten sich an die Vorgaben. Es wäre z.B. undenkbar, dass die Journalisten des Tagesspiegel eine gemeinsame Erklärung verfassen und veröffentlichen, in der sie – im Interesse der Glaubwürdigkeit des Westens – die sofortige Freilassung von Julian Assange fordern. Sie wären ihren Job los. Auf der anderen Seite können sie auch keine Artikel verfassen, z.B. in der Form eines Kommentars im Tagesspiegel, in dem sie das Vorgehen gegen Assange rechtfertigen. Ein echtes Dilemma, aber ein wohlverdientes, wie ich meine.

Das wurde nicht freigeschaltet. Auch auf die Nachfrage, inwiefern das gegen die Community-Richtlinien verstieße, ebenfalls keine Antwort.

Dabei gab es in den anderen freigeschalteten Kommentaren keinen Mangel an Kritik, wie z.B.

Im Fall von Assange werden nicht die Kriegsverbrecher und deren Befehlsgeber zur Verantwortung gezogen, sondern Assange, der die Welt über die Kriegsverbrechen informierte.

Es ist also interessant, warum gerade dieser Kommentar nicht veröffentlicht wurde. Vielleicht, weil er die Frage aufwirft, welchen Spielraum die Journalisten in einem solchen Medium tatsächlich haben. Sicher sind die meisten Journalisten auch in den Mainstreammedien privat der Meinung, dass Assange lieber freigelassen werden sollte, anstatt in die USA ausgeliefert zu werden. Aber es ist in der Tat undenkbar, dass alle Journalisten des Tagesspiegel (oder anderer großer Medien), die dieser Meinung sind, eine gemeinsame öffentliche Erklärung mit dieser Stoßrichtung abgeben. Genauso undenkbar ist es, dass in diesen Medien ein Artikel nach dem anderen mit dem Grundton der Empörung nach der Freilassung von Assange ruft, wie das für Nawalny selbstverständlich war. Vielmehr ist recht genau reguliert, was geht und was nicht. Kritik in den Kommentaren geht, minimale „neutrale“ Berichterstattung bei wesentlichen Ereignissen wie jetzt anlässlich des Gerichtsurteils geht, einzelne Journalisten dürfen auch ausnahmsweise eine Gegenposition beziehen, wie z.B. Harald Schumann vom Tagesspiegel, der ohnehin dort ein krasser Außenseiter ist. Totales Verschweigen geht nicht (wie bei dem OPCW-Skandal und dem veröffentlichten Briefwechsel zu Minsk 2). Ich habe keinen Zweifel, dass die Mainstreamjournalisten hier den Hauch der Macht spüren, auch wenn einige (viele? die meisten?) das in ihrer Überidentifizierung mit derselben abstreiten würden.

Steve Donziger und Julian Assange: updates

29.10.2021: Das Assange-Urteil wird im Januar erwartet.

Um es mit Brecht zu sagen: „… gingen wir doch durch die Kriege der Klassen […], verzweifelt, wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.“

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Heute und morgen findet in London die Berufungsverhandlung im Falle Julian Assange statt. Gegen die Entscheidung in 1. Instanz im Januar dieses Jahres, Assange nicht auszuliefern, legte die US-Regierung Berufung ein, Assange ist weiterhin im Gefängnis. Er folgt der Verhandlung per Video vom Gefängnis aus, weil sein Antrag, persönlich an der Verhandlung teilnehmen zu dürfen, abgelehnt wurde.

Aktuelle Live-Infos zu Assanges Verhandlung siehe hier und hier (thread runterscrollen) und hier.

Die Argumente der Verteidigung sind hier nachzulesen.

Gestern entschied das Berufungsgericht gegen Steve Donzigers Antrag, bis zur endgültigen Berufungsentscheidung unter Hausarrest bleiben zu dürfen, und nicht ins Gefängnis zu müssen. Er muss heute ‚einrücken‘.

Weiter Informationen zu Donziger hier. Auch Katie Halper hält uns nicht nur diesbezüglich gut auf dem Laufenden. Weiterlesen

Dass in Israel Apartheid herrscht, hört man gar nicht gerne

Vor zwei Wochen erschien im Tagesspiegel ein Artikel, in dem Aktivisten von Fridays for Future wegen ihrer Parteinahme für die Palästinenser kritisiert wurden, die zum Teil auch die Unterstützung der BDS-Bewegung beinhaltete. Im Artikel kommt fünf Mal das Wort „antisemitisch“ bzw. „Antisemitismus“ vor, ohne der deutschen FFF-Sektion direkt Antisemitismus vorzuwerfen. Das Wort „Apartheid“ kommt natürlich nicht vor.

Ich habe folgenden Kommentar abgegeben, der aber nicht freigeschaltet wurde:

Der Tagesspiegel hat es bisher nicht einmal geschafft zu erwähnen, dass Human Rights Watch die israelischen Zustände als Apartheid charakterisiert hat. Vermutlich werden das viele Kommentatoren in diesem Zusammenhang aufgegriffen haben; in den Kommentaren ist aber das Wort „Apartheid“ kein einziges Mal zu finden. Vermutlich will man nicht, dass die Leser es auf diesem Weg erfahren. Ich nehme also an, dass auch dieser mein Kommentar nicht freigeschaltet wird, würde mich aber freuen, wenn doch. Jeder informierte Mensch weiß es ohnehin, die Aktivisten von Fridays for Future mit Sicherheit. Um so peinlicher für den Tagesspiegel.

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