Die Schere im Kopf

Oft fragt man sich, wie es dazu kommt, dass der Medien-Mainstream häufig als gleichgeschaltet erscheint und von bestimmten Meinungskorridoren Abweichendes keine Chance auf Veröffentlichung hat. Schließlich gibt es niemanden, der direkt diktiert, was zu schreiben ist. Meiner Erfahrung nach entwickeln die Redakteure ein feines Gespür für das, was geht, und was nicht, und lektorieren entsprechend.

Eigentlich müsste es möglich sein, als Autorin einseitig zu schreiben, besonders als Antwort auf wahrgenommene andere Einseitigkeiten. Durch die Meinungsfreiheit gedeckt ist darüber hinaus fast alles, auch der größte Quatsch und beispielweise Pro-Russisches (das aber sanktioniert wird). Das verantwortet man als Autorin selbst.

Eine Publikation indessen, auch eine, die sich die Ausweitung enger Meinungskorridore auf die Fahne geschrieben hat, muss natürlich auf journalistische Qualitätsstandards achten, um seriös zu sein. Aber bis wann wird zur Einhaltung von Qualitätsstandards und zur Vermeidung von Verkürzungen oder zu einseitigen Darstellungen lektoriert, und wann beginnt die Abschwächung oder sogar Zensur von vom Mainstream abweichenden Sichtweisen? Damit musste ich mich in der Vergangenheit immer wieder auseinandersetzen. Ich habe dabei viel gelernt und meine Schreibweise verbessert; allerdings musste ich auch klarer definieren, was ich eigentlich sagen möchte und was meine spezifische Schreibweise ausmacht und ausmachen soll.

Hier ein anschauliches Beispiel zum Text Der Iran-Krieg mit Carl von Clausewitz. Teil 2: Die äußerste Anwendung von Gewalt. Weiterlesen

Der Iran-Krieg mit Carl von Clausewitz. Teil 2: Die äußerste Anwendung von Gewalt

Der erste Teil dieses Beitrages beschäftigte sich mit dem hinter „dem Akt der Gewalt“ des Iran-Kriegs stehenden „politischen Willen“. Lesen sie nun wie im Krieg „zwei lebendig Kräfte gegeneinander“ stoßen, gekennzeichnet durch die jeweilige „Größe der vorhandenen Mittel“ und ihre „Stärke der Willenskraft“. (Carl von Clausewitz)

Die Entwaffnung oder das Niederwerfen des Feindes, wie man es nennen will, [muß] immer das Ziel des kriegerischen Aktes sein.“ – Carl von Clausewitz

Am 28. Februar 2026 eröffneten die USA und Israel mit massiven Luftangriffen ihre Operationen „Epic Fury“ und „Roaring Lion“ gegen den Iran. Das Staatsoberhaupt Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei und weitere Führungspersönlichkeiten wurden getötet, Raketenstellungen, Polizeistationen und sogar eine Schule bombardiert. US-Präsident Donald Trump erklärte, man werde „verhindern, dass diese sehr böse, radikale Diktatur Amerika […] bedroht“, ihre Raketen zerstören, die „terroristischen Stellvertreter“ neutralisieren und sicherstellen, „dass der Iran nicht in den Besitz von Atomwaffen kommt“. Dazu Kriegsminister Pete Hegseth: „Tod und Zerstörung vom Himmel den ganzen Tag lang. Das sollte nie ein fairer Kampf sein, und es ist kein fairer Kampf. Wir schlagen auf sie ein, während sie am Boden liegen, und genau so sollte es auch sein.“ Weiterlesen

Der Iran-Krieg mit Carl von Clausewitz. Teil 1: Die „ursprüngliche Motive“ des amerikanisch-israelischen Angriffskriegs

„Das ursprüngliche Motiv des Krieges“ ist sein „politische[r] Zweck“, schreibt Carl von Clausewitz. Er „ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.“
Ein Krieg ist für Clausewitz ein Mittel von vielen im Rahmen einer bewussten politische Strategie. Der Kampf selbst „besteht eigentlich aus zwei verschiedenen Elementen, dem feindseligen Gefühl und der feindseligen Absicht.“ Steht hinter dem unberechenbar wirkenden amerikanischen Präsidenten, der eher nach seinen Gefühlen zu handeln scheint, eine Gruppe mit einem rationalen Plan? Wir wissen es nicht. Aber es ist möglich, verschiedene Interessenlagen, feindselige Gefühle und Muster zu benennen, die die amerikanische Außenpolitik prägen. Keineswegs münden diese jedoch zwangsläufig in einen militärischen Konflikt.
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Jeffrey Sachs: Offener Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz

Der Ökonom und Diplomat Jeffrey Sachs fordert Bundeskanzler Merz auf, unverzüglich Gespräche mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über den Frieden in Europa aufzunehmen. Di. 02 Jun 2026 

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,

als ich Ihnen vor einem halben Jahr einen offenen Brief schrieb, habe ich an Deutschland appelliert, die Diplomatie gegenüber Russland zu suchen, anstatt den Krieg zu normalisieren. Sechs Monate später hat sich die Lage in Europa dramatisch verschlechtert. Europa und Russland schlittern in einen offenen Krieg. In dieser Situation tragen Sie, Herr Bundeskanzler, eine einzigartige Verantwortung. Kein anderer europäischer Staats- und Regierungschef – weder in Paris, noch in Warschau, noch in Rom – verfügt über das Gewicht Deutschlands oder hat die Macht, die Sie persönlich besitzen, diese Katastrophe zu verhindern. Werden Sie sich für den Frieden einsetzen?

Sie selbst forderten im Januar 2026 gemeinsam mit Premierminister Meloni und Präsident Macron die Wiederaufnahme der Beziehungen Europas zu Russland und bezeichneten Russland als „ein europäisches Land“. Dennoch haben Sie die Diplomatie nicht verfolgt.

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Staat – Geld – Marxismus

Kritik der Kritik

Letztes Jahr habe ich ein Buch übersetzt. Das Projekt war mir ein wichtiges Anliegen. Es ist zwar schon 2017 erschienen. Die Analysen und Vorschläge darin sind aber immer noch aktuell. In meinem Vorwort begründe ich warum und versuche den Anschluss an die Welt von heute (Stand Sommer 2025).

Hier unterhalten sich Verleger Stefan Kraft und ich mit einem der Autoren: Thomas Fazi. Leider kommen wir nicht wirklich dazu, die wirtschaftspolitischen Vorstellungen zu diskutieren.

Wie wir den Staat zurückgewinnen. Souveränität in einer Welt nach dem Neoliberalismus von Thomas Fazi und William Mitchell (Edition Makroskop 2025)

Jetzt fand es – erfreulicherweise – Beachtung:

Helge Buttkereit hat sich dem Buch im Rahmen einer Rezensionsreihe des Magazins Hintergrund zur Krise der Linken gewidmet. Sein Fazit: Die Autoren entwerfen eine auf den ersten Blick sympathische Vision. Leider sei diese nicht umsetzbar, da sie auf falschen theoretischen Grundlagen beruhe.

Das klingt auf den ersten Blick freundlich, ist aber eigentlich ein vernichtendes Urteil, das jede weitere Diskussion überflüssig macht. Schließlich ist es die erklärte Absicht der Autoren Mitchell und Fazi, das Paradigma für ein praktikables linkes Wirtschaftskonzept vorzulegen, das politische Wirksamkeit entfalten kann. Das Urteil von Helge Buttkereit bedeutet also deswegen eigentlich: Setzen, sechs. Aber ist diese Note gerechtfertigt?

Damit setze ich mich in dem Text: Den Staat zurückgewinnen oder gleich aufgeben auseinander, der gestern bei Makroskop erschien.

 

Aller Rechte beraubt

Leseempfehlung: Aller Rechte beraubt. Mit außergerichtlichen Sanktionen zum autoritären Staat von Hannes Hofbauer

Von Ulrike Simon

Zumindest denjenigen von uns, die in einem protestantischen Umkreis aufwuchsen, steht seit dem Geschichts- oder Religionsunterricht ein eindrucksvolles Bild vor Augen: Martin Luther, mit der Reichsacht belegt, ein Vogelfreier ohne Rechte, der straflos getötet werden kann, erklärt vor dem Kaiser und den um ihn versammelten Mächtigen des Reichstags: „Hier stehe ich und kann nicht anders.“

Allen Befürchtungen zum Trotz ging die Geschichte für Martin Luther gut aus. Er hatte starke Beschützer. Heute scheint das anders zu sein. Moment mal? Heute?! Dazu kommt Hannes Hofbauer in seinem kürzlich beim Promedia Verlag erschienen lesenswerten Buch Aller Rechte beraubt. Mit außergerichtlichen Sanktionen zum autoritären Staat erst später. Zunächst erinnert er in einer geschichtlichen Replik im ersten Kapitel, dass es schon seit mehr als 2000 Jahren (vermutlich noch länger) ein übliches Procedere ist, politisch bzw. ideologisch Andersdenkende zu ächten, ihnen die Bürgerrechte zu entziehen, sie ihres Vermögens zu berauben, sie auszubürgern bzw. zum Verlassen des Landes zu zwingen und nicht selten zur Tötung freizugeben.

Die lange Geschichte des Entzugs der Bürgerrechte Weiterlesen

Ein neoreaktionärer Denker wird salonfähig …

… und warum es hier nicht nur um Gedankenspiele geht.

Die jährlichen politischen Symposien im Luxushotel Schloss Elmau (wo immerhin schon zwei G7 Treffen stattfanden) setzen ein paar Nummern kleiner an als z.B. das Weltwirtschaftsforum in Davos; nichtsdestoweniger geht sicher auch von dort ein gewisser politischer Einfluss aus.
Wie in diesem Jahr, als ein ultrarechter Ideologe salonfähig gemacht wurde. Topintellektuelle wie Peter Sloterdijk und wichtige Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft diskutieren in hoch-komfortabler  Umgebung vor Journalisten und Gästen unter dem Titel World in Pieces öffentlich, in geschlossenen
Gesprächspanels und informell über die Gefahren für und die Zukunft der liberalen Demokratie. Mit dabei der Blogger und Software-Entwickler Curtis Yarvin, der eine antidemokratische, antiegalitäre, reaktionäre und neofeudale politische Philosophie vertritt. Er gilt als gefährlichster Vordenker der neuen Rechten in den USA.

Seine Ideen sind viel näher an der Realität als vielen lieb ist. Während er und andere es sich im Luxus gutgehen ließen und nebenbei über Politik diskutierten, wird im Nahen Osten schon an der Umsetzung gearbeitet.

Davon handelt mein Artikel, der heute auf Makroskop erschien:

Neoreaktionäre Gedankenspiele im Paradies und die Realität des Krieges

Warum die USA und Israel den Iran-Krieg wohl nicht gewinnen können

(was immer „gewinnen“ für sie heißt, was ja keineswegs klar definiert ist).

Am 5. März erläuterte Trita Parsi  im Gespräch mit der Journalistin Rosanna Lockwood und dem ehemaligen britischen Geheimdienstchef Richard Dearlove für den Podcast „One Decision“ seine Sicht auf den Krieg im Iran. As hatte das Video schon verlinkt. Ich habe daraus einen deutschen Text für Makroskop gemacht (über die Formulierung „Mullah-Regime“ bin ich nicht besonders glücklich). Der iranisch-stämmige Trita Parsi ist Executive Vice President des „Quincy Institute for Responsible Statecraft“, Mitbegründer des „National Iranian American Council“ und Autor mehrerer Bücher über die US-Außenpolitik im Nahen Osten.  

Washingtons Plan A ist gescheitert

Die Vereinigten Staaten hatten innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Angriff auf den Iran einen taktischen Erfolg mit der Tötung des Obersten Führers Ali Chamenei und mehreren Personen aus der Befehlskette. Doch entgegen den Erwartungen in Washington hat dies das iranische Militär nicht gelähmt … Vollständiger Text

 

Rückwärts denken. Und auf Wunder hoffen.

Wir hätten ja am liebsten eine Welt ohne Waffen. Da das realistischerweise nicht möglich ist, könnte man tatsächlich überlegen, was für eine Form von Rüstung verteidigungstechnisch sinnvoll und möglich wäre. Welche Gedankengänge dazu aktuell zielführend wären, legt der Blogger Aurelien in dem folgenden Beitrag dar. Und auch, warum eine solche Herangehensweise heute weitgehend fehlt.

Der vorliegende Text ist die gekürzte deutsche Fassung von https://aurelien2022.substack.com/p/thinking-backwards , erschienen am 25. Februar 2026

Ich hatte gehofft, keinen weiteren Aufsatz über den Krieg in der Ukraine und seine Folgen schreiben zu müssen, aber der Unsinn, der auf der jüngsten Münchner Sicherheitskonferenz verbreitet wurde, und das entmutigende Niveau der Kommentare dazu lassen mich vermuten, dass der Westen auch jetzt noch nichts verstanden hat.

Ich denke dabei insbesondere an das Problem der Ignoranz in Verbindung mit dem Problem des inkohärenten Denkens. Als Teil meiner Argumentation, dass die Niederlage des Westens ebenso sehr eine intellektuelle Niederlage ist wie alles andere, habe ich beide Aspekte bereits angesprochen,. Betrachten wir also zunächst das Problem der Ignoranz und unterscheiden dabei zwischen der Weigerung, eine Niederlage anzuerkennen, was im Wesentlichen politisch ist, und der Unfähigkeit, eine Niederlage zu verstehen, was ein intellektuelles Versagen ist. Weiterlesen