Wie politische Orientierung entsteht (1)

Vier Leben in der Transformation

Ostdeutsche Situationsvorstellungen und ihre gesellschaftlichen Bedingungen im Realitätscheck
Historischer Ausgangspunkt: frühe 1990er Jahre · Auswertung: 2026

Ausgangspunkt dieser Untersuchung ist die wachsende Popularität rechtspopulistischer Parteien. Besonders erklärungsbedürftig erscheint, dass rechtspopulistische Angebote inzwischen auch Menschen und soziale Milieus erreichen, die traditionell eher sozialdemokratisch, gewerkschaftlich oder anders links orientiert waren. Dafür werden häufig allgemeine Erklärungen angeboten: Unzufriedenheit, wirtschaftliche Unsicherheit, Abstiegsängste, mangelndes Vertrauen in Politik und Institutionen oder fehlende Anerkennung. Solche Befunde können wichtig sein. Sie erklären aber noch nicht hinreichend, wie Menschen ihre gesellschaftliche Lage verstehen, welche Erwartungen und Vorstellungen sie entwickelt haben und was sie sich von rechtspopulistischen politischen Angeboten versprechen. Mich interessiert deshalb insbesondere, woran diese Angebote in den Situationsvorstellungen der Menschen andocken können.

Die vorliegende Untersuchung beginnt mit Ostdeutschland und geht dafür an den Anfang der Transformation zurück. Sie fragt nicht danach, ob sich aus den Erfahrungen der frühen 1990er Jahre unmittelbar erklären lässt, warum Menschen Jahrzehnte später die AfD wählen. Das würde das Material nicht hergeben. Untersucht wird zunächst ein früher Abschnitt einer möglichen längeren Entwicklung: Menschen erlebten 1989/90 einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruch, verbanden damit Hoffnungen und Erwartungen und stellten sich aktiv auf die veränderten Bedingungen ein. Sie machten unterschiedliche Erfahrungen mit den neuen Möglichkeiten und Begrenzungen. In den folgenden Jahrzehnten veränderten sich Gesellschaft und Lebensbedingungen weiter, und die Menschen mussten sich immer wieder neu dazu verhalten. Wie daraus heutige politische Orientierungen entstanden sind, ist eine offene Untersuchungsfrage.

Die Untersuchung greift dazu auf zeitnah erhobene Interviews aus den frühen 1990er Jahren zurück und betrachtet sie aus einer erweiterten Perspektive neu. Für diese und weitere Untersuchungen habe ich ein Orientierungsmodell und eine KI-gestützte Untersuchungsmethodik entwickelt. Damit lassen sich Situationsvorstellungen rekonstruieren und mit den Lebensbedingungen, Deutungsrahmen und Handlungsmöglichkeiten der untersuchten Menschen in Beziehung setzen.

Die ostdeutsche Transformation bildet dabei den ersten Untersuchungsblock. In weiteren Untersuchungen soll geprüft werden, wie sich politische Orientierung auch in westdeutschen Lebens- und Arbeitswelten verändert hat und ob sich trotz unterschiedlicher historischer Erfahrungen vergleichbare Entwicklungen erkennen lassen.

1. Fragestellung und UntersuchungszugangWie lassen sich Transformationserfahrungen untersuchen, ohne subjektive Wahrnehmungen entweder für bare Münze zu nehmen oder als bloße Deutungen abzutun?

Der erste Untersuchungsblock fragt: Wie verstanden vier Menschen ihre gesellschaftliche Situation in den frühen 1990er Jahren, welche Erfahrungen lagen diesem Verständnis zugrunde und wie realitätsangemessen waren ihre Vorstellungen?

Dabei werden drei Ebenen unterschieden. Zunächst wird rekonstruiert, wie Menschen ihre Situation selbst wahrnehmen: Welche Veränderungen erleben sie, was erscheint ihnen als Gewinn oder Verlust, welche Handlungsmöglichkeiten sehen sie und welche Ziele und Werte sind für ihre Beurteilung maßgeblich? Anschließend werden empirisch überprüfbare Bestandteile dieser Situationsvorstellungen einem Realitätscheck unterzogen. Dabei geht es insbesondere darum, ob wahrgenommene Bedingungen und Handlungsmöglichkeiten tatsächlich bestanden und wie tragfähig die jeweiligen Kausalerklärungen und Verallgemeinerungen sind. Schließlich bleiben Unterschiede zu berücksichtigen, die nicht durch Faktenprüfung aufgelöst werden können, weil Menschen unterschiedliche Ziele verfolgen und gesellschaftliche Verhältnisse nach unterschiedlichen Wertmaßstäben beurteilen.

Subjektive Erfahrung wird damit weder als bloße Verzerrung behandelt noch mit gesellschaftlicher Realität gleichgesetzt. Auch wissenschaftliche Beschreibungen werden nicht von vornherein als übergeordnete Beobachterperspektive verstanden. Situationswahrnehmungen, Kausalerklärungen und gesellschaftliche Verallgemeinerungen sind jeweils eigenständig zu prüfen; perspektivische Begrenzungen gelten grundsätzlich für Betroffene ebenso wie für Wissenschaftler und institutionelle Akteure.

Als erster Untersuchungsgegenstand wurde die ostdeutsche Transformation nach 1989/90 gewählt. Ihre historische Besonderheit liegt darin, dass sich zentrale gesellschaftliche und institutionelle Bedingungen innerhalb kurzer Zeit veränderten. Menschen, deren Fähigkeiten, Beziehungen, Lebensweisen und Ziele sich über Jahrzehnte unter den Bedingungen der DDR entwickelt hatten, mussten ihr Leben unter anderen Bedingungen weiterführen. Dabei ist nicht vorausgesetzt, dass die eine oder andere gesellschaftliche Ordnung ihren Zielen besser entsprach. Zu untersuchen ist vielmehr, welche Möglichkeiten unter den jeweiligen Bedingungen bestanden, welche verschwanden oder neu entstanden und welche Bedeutung dies für konkrete Lebensverläufe hatte.

Für einen ersten kontrollierten Durchgang wurden vier Fälle aus Margit Weihrichs qualitativer Paneluntersuchung ausgewählt: Herr Tikovsky, Herr Flieger, Frau März und Frau Barzel. Das Material ist besonders geeignet, weil dieselben Menschen während der Transformation wiederholt befragt wurden und ihre Erwerbsarbeit nicht isoliert, sondern im Zusammenhang ihrer alltäglichen Lebensführung dokumentiert wurde.

Quellenhinweis: Die Rekonstruktionen der vier Lebensverläufe stützen sich primär auf Margit Weihrichs Studie Kursbestimmungen. Eine qualitative Paneluntersuchung der alltäglichen Lebensführung im ostdeutschen Transformationsprozess (Pfaffenweiler 1998). Die dort dokumentierten Interviews und Fallinterpretationen werden im Folgenden von der unabhängigen historischen und sozialwissenschaftlichen Evidenz unterschieden, die für die Realitätschecks herangezogen wurde. Die jeweilige Beleggrundlage ist unmittelbar bei den vier Realitätschecks ausgewiesen.

Das Orientierungsmodell und die KI-gestützte Arbeitsweise werden hier als Untersuchungsinstrumente eingesetzt.1 Die zentralen Fachbegriffe des Modells werden im Glossar am Textende erläutert.

Die vier Fälle sind weder repräsentativ für die ostdeutsche Bevölkerung noch als Typologie gedacht. Sie ermöglichen einen begrenzten Vergleich: Was geschieht mit unterschiedlichen, bereits ausgebildeten Lebensführungen, wenn sich ihre gesellschaftlichen Bedingungen tiefgreifend verändern? Dabei wird nicht nur gefragt, wie Menschen sich an neue Verhältnisse anpassen. Ebenso wird untersucht, was die veränderten Verhältnisse mit ihren vorhandenen Fähigkeiten, sozialen Beziehungen, Handlungsmöglichkeiten und Vorstellungen eines guten Lebens machen.

Dieser Perspektivwechsel ergänzt Weihrichs Frage nach der Anschlussfähigkeit vorhandener Lebensführungen. Anschlussfähigkeit wird dabei als Verhältnis verstanden: Nicht nur Menschen können mehr oder weniger gut zu veränderten Bedingungen passen; gesellschaftliche Bedingungen bieten ihrerseits unterschiedliche Möglichkeiten, vorhandene Fähigkeiten einzusetzen und unterschiedliche Ziele zu verwirklichen.

Der erste Untersuchungsblock verfolgt damit ein bewusst begrenztes Ziel. Untersucht wird, welche unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten derselbe gesellschaftliche Umbruch für vier konkrete Menschen hervorbrachte, wie sie diese verstanden und in welchem Verhältnis ihre Situationsvorstellungen zu den tatsächlich bestehenden Bedingungen standen.

2. Vier Menschen in derselben TransformationVier Ausgangslagen, vier Lebensführungen – und sehr unterschiedliche Folgen desselben gesellschaftlichen Umbruchs.

Die vier ausgewählten Fälle zeigen bereits beim ersten Vergleich, wie unterschiedlich derselbe historische Umbruch in konkrete Lebensverläufe eingriff. Herr Tikovsky, Herr Flieger, Frau März und Frau Barzel lebten in derselben Gesellschaft und erlebten denselben Systemwechsel. Was sich dadurch in ihrem jeweiligen Leben veränderte, war jedoch sehr verschieden.

Die Unterschiede beginnen bei den Ausgangslagen. Die vier Personen verfügten über unterschiedliche berufliche Qualifikationen und Erfahrungen, waren verschieden institutionell eingebunden und verbanden mit Arbeit, Familie, sozialer Sicherheit, persönlicher Entwicklung und gesellschaftlicher Teilhabe unterschiedliche Ziele. Entsprechend trafen die Veränderungen nach 1989/90 auf bereits ausgebildete Lebensführungen, deren Voraussetzungen sich in unterschiedlichem Maße veränderten.

Besonders deutlich wird dies an der Erwerbsarbeit. Flieger verlor mit dem Zusammenbruch seiner bisherigen beruflichen Institution zwar seine alte Position, fand aber in einem neu expandierenden Tätigkeitsfeld Möglichkeiten, vorhandene Fähigkeiten einzusetzen und neue zu erwerben. März konnte im selben Betrieb weiterarbeiten und später wieder eine Leitungsposition übernehmen, obwohl sich Eigentumsverhältnisse, Organisation, Personalbestand und soziale Beziehungen grundlegend veränderten. Tikovsky verlor dagegen einen Arbeitsplatz, der für ihn nicht nur Einkommen, sondern auch soziale Einbindung und einen wichtigen Bestandteil seiner Lebensführung bedeutete; eine vergleichbare neue Einbindung gelang nicht. Bei Barzel fielen Arbeitsplatzverlust, materielle Einschränkungen und der Zerfall eines betrieblichen Sozialzusammenhangs zusammen.

Keine dieser Entwicklungen lässt sich angemessen allein durch unterschiedliche Bereitschaft zur Anpassung erklären. Alle vier handeln. Sie suchen neue Möglichkeiten, qualifizieren sich weiter, reorganisieren ihren Alltag oder versuchen, wichtige Bestandteile ihrer bisherigen Lebensführung unter veränderten Bedingungen zu erhalten. Die Wirkungen dieser Aktivitäten unterscheiden sich jedoch, weil sie auf unterschiedliche tatsächliche Handlungsmöglichkeiten treffen.

Damit zeichnet sich bereits eine zentrale Vergleichsdimension ab: Gesellschaftliche Transformation verändert nicht nur äußere Bedingungen. Sie verändert zugleich, was Menschen mit ihren vorhandenen Fähigkeiten, Erfahrungen und Beziehungen anfangen können. Was zuvor institutionell gebraucht, anerkannt oder abgesichert war, kann weiterhin verwendbar sein, an Bedeutung verlieren oder unter neuen Bedingungen sogar zusätzliche Möglichkeiten eröffnen.

Ebenso unterschiedlich sind die Güter, an denen die vier ihre Entwicklung messen. Beruflicher Aufstieg und materielle Verbesserung besitzen für Flieger einen anderen Stellenwert als für Tikovsky, für den Erwerbsarbeit neben Familie, Freunden, verfügbarer Zeit und gesellschaftlicher Beteiligung steht. Bei März spielen Kontinuität, Verantwortung und eine anerkannte Aufgabe eine zentrale Rolle. Bei Barzel treten neben Arbeit und materieller Sicherheit besonders Familie, soziale Einbindung und wechselseitige Unterstützung hervor.

Deshalb können Gewinne und Verluste nicht auf Beschäftigung und Einkommen reduziert werden. Sie betreffen auch Anerkennung, Zeit, soziale Beziehungen, Sicherheit, Verantwortungsmöglichkeiten und die Realisierbarkeit eigener Lebensziele. Derselbe gesellschaftliche Wandel kann solche Möglichkeiten in einigen Bereichen erweitern und in anderen einschränken.

Die vier Fälle werden im Folgenden deshalb nicht als Beispiele für erfolgreiche und gescheiterte Anpassung behandelt. Untersucht wird jeweils das Verhältnis zwischen einer vorhandenen Lebensführung und den sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen: Was bleibt erhalten? Was verliert seine bisherige Grundlage? Welche neuen Möglichkeiten entstehen? Wie handelt die betreffende Person – und wie realitätsangemessen versteht sie die Situation, in der sie handelt?

Vor diesem gemeinsamen Raster werden die Unterschiede zwischen den vier Lebensverläufen sichtbar.

Fall Institutioneller Bruch oder Fortbestand Eigenes Handeln Tatsächlicher Handlungsraum Vorläufige Bilanz
Tikovsky Betrieb und betrieblicher Sozialzusammenhang brechen weg Qualifizierung, berufliche Suche und politischer Beteiligungsversuch beruflich und politisch zunehmend verengt Gewinn neuer Freiheiten bei beruflichen, sozialen und politischen Verlusterfahrungen
Flieger NVA-Laufbahn endet; ein neues Berufsfeld öffnet sich Weiterbildung, Berufswechsel und Selbständigkeit beruflich stark erweitert, familial mitgetragen berufliche Expansion bei wachsender Zeitbindung und ungleichen familialen Voraussetzungen
März Betrieb bleibt bestehen, Eigentum, Hierarchie und Personalstruktur ändern sich Anpassung an neue Anforderungen und erneute Übernahme von Verantwortung durch institutionelle Kontinuität vergleichsweise offen berufliche Stabilisierung unter veränderten sozialen und politischen Bedingungen
Barzel Arbeitsplatz und betrieblicher Sozialzusammenhang gehen verloren Umschulung, Haushaltsorganisation und Unterstützung anderer beruflich trotz Aktivität eng erhebliche Anpassungsleistung ohne Wiederherstellung einer eigenen stabilen Erwerbsposition

Die Übersicht dient nur der Orientierung. Die folgenden Fallanalysen zeigen die jeweils unterschiedlichen Ziele, sozialen Beziehungen und Bewertungsmaßstäbe, die in einer solchen Verdichtung nicht vollständig abgebildet werden können.

3. Herr Tikovsky: Verlust von Möglichkeiten und politische Enttäuschung trotz VeränderungsbereitschaftEr begrüßte die politische Öffnung und suchte neue Wege. Trotzdem verengten sich seine beruflichen, sozialen und politischen Möglichkeiten.

Herr Tikovskys Fall lässt sich weder als Festhalten an der DDR noch als misslungene Anpassung eines passiven Menschen beschreiben. Er ging mit eigenen Veränderungserwartungen in den Umbruch, begrüßte neu entstandene Möglichkeiten und versuchte, sich unter den neuen Bedingungen zu orientieren. Im weiteren Verlauf verlor er jedoch berufliche und soziale Voraussetzungen seiner bisherigen Lebensführung. Zugleich wurde er von der politischen Entwicklung enttäuscht, an die er erhebliche Erwartungen geknüpft hatte.

Ausgangslage: Arbeit ist wichtig, aber nicht das Zentrum des Lebens

Tikovsky war gelernter Werkzeugmacher und arbeitete als Industriearbeiter. Seine Frau hatte sich weiterqualifiziert und ein Studium abgeschlossen. Innerhalb der Familie übernahm er in erheblichem Umfang Haushalt und Kinderbetreuung – eine Arbeitsteilung, die nach Weihrich auch in ihrem ostdeutschen Sample ungewöhnlich war. Sie hebt bei Tikovsky außerdem das Fehlen einer ausgeprägten Karriereorientierung, die große Bedeutung von Familie und Freunden sowie sein starkes gesellschaftspolitisches Interesse hervor.

Daraus sollte nicht auf geringe Bedeutung der Erwerbsarbeit geschlossen werden. Arbeit gehört für Tikovsky zu einem guten Leben, aber nicht als isolierter Karriere- oder Statusbereich. Sie steht in einem Zusammenhang mit Familie, Freundschaften, Geselligkeit, verfügbarer Zeit, materieller Auskömmlichkeit und gesellschaftlicher Beteiligung. Die spätere Deutungsrahmenanalyse bestätigt diese relativ stabile Relevanzordnung.

Auch seine berufliche Entwicklung vor 1989 entsprach dieser Gewichtung. Er blieb nach seiner Werkzeugmacherlehre Industriearbeiter, während seine Frau sich beruflich weiterentwickelte. Was sich später unter veränderten Arbeitsmarktbedingungen als fehlende Weiterqualifizierung auswirkt, war zuvor mit seiner Lebensführung vereinbar. Weihrich weist selbst darauf hin, dass der damals rationale Verzicht auf weitere berufliche Qualifizierung erst unter den neuen Bedingungen zur Restriktion wurde.

Politische Ausgangslage: Veränderung gehört zu seinen eigenen Erwartungen

Ebenso wichtig ist Tikovskys politische Ausgangsposition. Er war parteilos und gesellschaftspolitisch stark interessiert. Das Material zeigt eine deutliche Nähe zur Bürgerbewegung, insbesondere zum Neuen Forum. Damit ging er nicht als Verteidiger der bestehenden politischen Ordnung in die Transformation. Er verband mit deren Veränderung eigene Erwartungen an demokratische Beteiligung und gesellschaftliche Gestaltung.

Wie weit seine eigene Mitarbeit in oppositionellen Gruppen vor 1989 reichte, lässt sich aus dem vorliegenden Material nicht sicher bestimmen. Eindeutig dokumentiert sind aber seine Nähe zur Bürgerbewegung, sein anhaltender Beteiligungswunsch und seine später gerade daraus entstehende Enttäuschung. So hört er sich beispielsweise Friedrich Schorlemmer an und erklärt, mit Personen und Ideen dieser Art selbst etwas bewegen zu wollen.

Die politische Dimension ist damit kein Nebenaspekt seiner Biographie. Gesellschaftliche Beteiligung gehört zu seiner Vorstellung eines guten Lebens.

Der politische Möglichkeitsraum 1989/90

Tikovskys damalige Veränderungserwartung muss auf den noch offenen politischen Möglichkeitsraum des Herbstes 1989 bezogen werden. Das Neue Forum trat zunächst nicht für die bloße Übernahme der westdeutschen Ordnung ein. Sein Gründungsaufruf vom September 1989 zielte auf eine demokratische Umgestaltung der DDR: Bewährtes sollte erhalten, wirtschaftliche Initiative ermöglicht, eine „Ellenbogengesellschaft” jedoch vermieden und die Bevölkerung an der Bearbeitung gesellschaftlicher Probleme beteiligt werden. In den Monaten nach dem Sturz der SED-Herrschaft standen deshalb unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten nebeneinander: eine demokratisch reformierte DDR, Formen einer Konföderation, verschiedene Wege zur deutschen Einheit und schließlich der schnelle Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes.

Dieser Möglichkeitsraum verengte sich rasch. Nach dem Mauerfall gewann die Forderung nach staatlicher Einheit an Gewicht. Kohls Zehn-Punkte-Programm vom 28. November 1989 und sein Leipziger Auftritt am 19. Dezember machten die Einigungspolitik der Bundesregierung zu einem unmittelbaren Faktor der ostdeutschen Auseinandersetzung. Zugleich arbeitete der Zentrale Runde Tisch von Dezember 1989 bis März 1990 noch an der demokratischen Umgestaltung der DDR. Mit dem Sieg der Allianz für Deutschland bei der Volkskammerwahl am 18. März 1990 fiel eine zentrale politische Vorentscheidung zugunsten einer schnellen Einheit. Die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion vom 1. Juli, der Beitrittsbeschluss der Volkskammer vom 23. August und der Vollzug des Beitritts am 3. Oktober 1990 schlossen den Weg einer eigenständigen reformierten DDR schließlich institutionell.

Tikovskys Erinnerungen lassen sich in diese Abfolge einordnen. Er berichtet, das Neue Forum sei anfangs auch in seinem Betrieb beliebt gewesen und während des Wahlkampfs zunehmend angefeindet worden. Bei Kohls Leipziger Auftritt habe er mit einer kleinen Gruppe gegen die Einmischung westdeutscher Politiker demonstriert. Den schnellen Stimmungsumschwung von der Reformbewegung zur Erwartung einer durch Kohl herbeigeführten Verbesserung erlebte er als politische Niederlage. Seine „anderen Ideen”, mit denen er nach eigener Aussage erneut aneckte, werden im Interview nicht zu einem ausgearbeiteten Staats- oder Wirtschaftsmodell verdichtet. Gut belegt ist jedoch, dass sein Ziel nicht nur im Sturz der bestehenden DDR-Führung lag, sondern in einer demokratischen gesellschaftlichen Veränderung, die eigenständige Gestaltungs- und Beteiligungsmöglichkeiten der DDR-Bürger erhalten sollte.

Dabei ist eine zeitliche Einschränkung wesentlich. Das erste Interview mit Tikovsky fand erst im Frühsommer 1991 statt, das zweite im Sommer 1992. Beide Gespräche wurden also nach Volkskammerwahl, Währungsunion und vollzogenem Beitritt geführt. Die Interviews dokumentieren keine unvermittelte Situationsvorstellung des Herbstes 1989, sondern eine rückblickende Rekonstruktion aus einer Gegenwart, in der der alternative Weg bereits politisch gescheitert und Tikovskys Betrieb existenziell bedroht beziehungsweise geschlossen war. Seine Erinnerung kann durch den späteren Verlauf zugespitzt oder neu geordnet worden sein. Die konkreten Angaben zu Demonstrationen, Neuem Forum, Wahlkampf und Kohls Leipziger Auftritt belegen dennoch, dass seine politische Enttäuschung nicht erst aus den späteren sozialen Folgen entstand. Sie setzte bereits ein, als die von ihm unterstützte Reformbewegung gegenüber dem schnellen Anschlusskurs an Einfluss verlor.

Der Umbruch eröffnet Möglichkeiten und destabilisiert zugleich seine Lebensführung

Tikovsky nahm den gesellschaftlichen Umbruch nicht ausschließlich als Verlust wahr. Neu entstandene Möglichkeiten und Freiheiten wurden von ihm durchaus begrüßt. Gleichzeitig geriet seine eigene Lebenssituation früh in eine umfassende Unsicherheit. Bei Weihrichs erstem Interview befand er sich in Null-Stunden-Kurzarbeit: Er gehörte formal noch dem Betrieb an, arbeitete tatsächlich aber nicht mehr. Hinzu kommen die noch unsichere berufliche Lage seiner Frau, Veränderungen des Schulsystems und Unsicherheit über die künftigen Wohnkosten.

Der drohende Verlust des Arbeitsplatzes bedeutete für ihn mehr als den Verlust von Einkommen. Mit dem Betrieb verlor er einen wichtigen sozialen Ort. Die regelmäßigen Kontakte und die alltägliche Geselligkeit mit Kollegen fehlten ihm ausdrücklich. Auch andere selbstverständliche Kommunikationszusammenhänge veränderten sich: Ein enger Freund ging nach Westdeutschland, die frühere Eckkneipe verlor ihre Funktion als spontaner Treffpunkt, Kontakte mussten nun stärker organisiert werden.

Damit verändert sich gerade das Geflecht von Arbeit, sozialen Beziehungen und Alltag, das für Tikovskys Lebensführung wichtig ist.

Er handelt – sein beruflicher Handlungsraum wird dennoch enger

Tikovsky blieb nicht passiv. Er absolvierte einen Motivationslehrgang des Arbeitsamtes, anschließend einen Computerkurs, interessierte sich für eine Tätigkeit im sozialen Bereich und engagierte sich für die Verlängerung einer Auffanggesellschaft. Diese Bemühungen führten jedoch nicht zu einer dauerhaften neuen Beschäftigung.

Seine Möglichkeiten sind tatsächlich begrenzt. Die industrielle Beschäftigungskrise betrifft nicht nur ihn individuell; Null-Stunden-Kurzarbeit und massiver Beschäftigungsabbau treten in den Treuhandbetrieben in großem Umfang auf. Seine bisherige Qualifikation bietet unter den neuen Bedingungen nur begrenzte Anschlussmöglichkeiten. Für die von ihm gewünschte Tätigkeit im sozialen Bereich fehlt ihm wiederum die formale Vorbildung. Alter und Behinderung verschlechtern seine Vermittlungschancen zusätzlich.

Sein Fall zeigt damit besonders deutlich den Unterschied zwischen einem formal erweiterten Optionsraum und einem tatsächlich nutzbaren Handlungsraum. Es gibt neue Möglichkeiten, aber daraus folgt nicht, dass gerade Tikovsky sie unter seinen konkreten Voraussetzungen nutzen kann.

Familie und soziale Beziehungen bleiben eigenständige Güter

Tikovskys Verhalten in der Familie ist dabei nicht lediglich eine Reaktion auf seine Arbeitslosigkeit. Seine Beteiligung an Haushalt und Kinderbetreuung gehört bereits zuvor zu seiner Lebensführung. Auch während der Null-Stunden-Kurzarbeit übernimmt er die gesamte Hausarbeit und kümmert sich um die Tochter. Weihrich betont ausdrücklich, dass dies für ihn „kein Novum” ist.

Das ist für die Transformationsbilanz wichtig. Eine berufliche Alternative kann für Tikovsky nicht allein danach beurteilt werden, ob sie Einkommen verspricht. Sie steht zugleich im Verhältnis zu Familie, Freunden, Ort, verfügbarer Zeit und gesellschaftlicher Beteiligung. Deshalb ist eine formal vorhandene berufliche Möglichkeit nicht notwendig eine für ihn gleichwertige Möglichkeit zur Fortsetzung seines Lebens.

Auch die verlorenen betrieblichen Beziehungen sind nicht bloß sentimentale Begleiterscheinungen des Arbeitsplatzverlustes. Für Tikovsky gehört soziale Einbindung zu dem, was Arbeit wertvoll macht. Sein Verlust ist deshalb zugleich beruflich, materiell und sozial.

Eine eigenständige politische Verlusterfahrung

Im weiteren Verlauf kommt eine politische Enttäuschung hinzu. Bemerkenswert ist, dass sein politisches Interesse dabei nicht verschwindet. Weihrich fasst die Entwicklung prägnant zusammen: Sein politisches Interesse sei „ungebrochen”, seine Frustration nehme jedoch zu.

Tikovsky wollte sich weiterhin engagieren, wusste aber nicht, in welcher Organisation. Er befürchtete Vereinnahmung durch Parteien. Besonders enttäuscht war er vom Neuen Forum, gerade weil er diesem politisch nahestand. Aus seiner Sicht hatte es den Kontakt zu den Menschen verloren. Seine Enttäuschung über die Demokratie richtet sich wesentlich darauf, dass Parteien und politisch Engagierte sich erneut von den Bürgern entfernten und es „zu wenig um die Sache” gehe.

Damit liegt bei Tikovsky eine spezifische politische Transformationserfahrung vor. Er erlebt nicht lediglich den Verlust der alten politischen Ordnung. Eine von ihm gewünschte politische Öffnung findet statt, aber ihr politisches Ergebnis entspricht nicht der von ihm unterstützten Reformrichtung. Seine spätere Enttäuschung über Parteien und Beteiligungsformen baut auf dieser frühen Erfahrung auf, dass der zunächst offene gesellschaftliche Veränderungsprozess sehr schnell auf einen anderen Weg festgelegt wurde.

Das ist analytisch etwas anderes als politische Nostalgie. Sein Beteiligungswunsch bleibt bestehen; enttäuscht wird seine Erwartung an die Form der Beteiligung.

Situationsvorstellung und Deutungsrahmen

Die unterschiedlichen Bereiche seines Lebens hängen in Tikovskys Situationsvorstellung eng zusammen. Arbeit, Familie, Freunde, Geselligkeit, verfügbare Zeit und gesellschaftliche Beteiligung bilden keine voneinander unabhängigen Sphären. Veränderungen beurteilt er wesentlich danach, was sie mit diesem gesamten Lebenszusammenhang machen.

Daraus lässt sich vorsichtig ein stabilerer Deutungsrahmen rekonstruieren: Ein gutes Leben besteht für Tikovsky nicht primär im individuellen Aufstieg, sondern in einem tragfähigen Zusammenhang verschiedener Lebensbereiche und sozialer Beziehungen. Individuelle Handlungsmöglichkeiten sind wichtig, werden von ihm aber nicht unabhängig davon bewertet, was mit diesen Beziehungen und Beteiligungsmöglichkeiten geschieht. Stark belegt ist diese Wertordnung; vorsichtiger zu behandeln ist die weitergehende Annahme, er besitze daraus bereits eine allgemeine Theorie gesellschaftlicher Institutionen. Eine solche ausgearbeitete Gesellschaftstheorie lässt sich aus dem Material gerade nicht rekonstruieren.

Realitätscheck: Seine Verlusterfahrung besitzt eine reale Grundlage

Der Realitätscheck stützt wesentliche Bestandteile von Tikovskys Situationswahrnehmung. Die Krise seiner industriellen Beschäftigung war Teil eines massiven Strukturbruchs und keine lediglich individuell wahrgenommene Sackgasse. Seine Vermittlungsmöglichkeiten waren tatsächlich begrenzt. Die von ihm unternommenen Qualifizierungs- und Beschäftigungsversuche führten nicht zu einer stabilen Erwerbsperspektive.

Auch die Veränderungen seiner sozialen Lebenswelt sind im Interview konkret dokumentiert: fehlende Kollegen, der Wegzug eines engen Freundes, der Verlust spontaner Treffpunkte und die stärkere Notwendigkeit, Kontakte eigens zu organisieren.

Davon getrennt zu prüfen sind seine weitergehenden gesellschaftlichen und politischen Erklärungen. Dass er eine zunehmende Distanz zwischen Parteien und Bürgern erlebt, ist zunächst eine ernstzunehmende Situationsdiagnose. Ob und in welchem Umfang sie die politische Entwicklung insgesamt zutreffend beschreibt, kann aus seinem Fall allein nicht entschieden werden.2

Verhältnis zu Weihrich

Weihrichs Interpretation macht einen wichtigen Zusammenhang sichtbar: Die Stabilität einer einmal entwickelten Lebensführung kann unter veränderten Bedingungen zur Restriktion werden. Der frühere Verzicht auf berufliche Weiterqualifizierung beeinträchtigt Tikovskys spätere Chancen; seine gewünschte Tätigkeit im sozialen Bereich scheitert unter anderem an fehlender formaler Qualifikation.

Die erneute Analyse ergänzt diese Perspektive jedoch um die Gegenrichtung. Nicht nur Tikovskys Lebensführung bleibt relativ stabil. Die Bedingungen verändern sich so, dass bestimmte Bestandteile dieser Lebensführung schwerer miteinander vereinbar werden. Seine beruflichen Fähigkeiten werden weniger nachgefragt, der betriebliche Sozialzusammenhang zerfällt, und für die von ihm gewünschte berufliche Neuorientierung fehlen institutionelle Zugänge. Zugleich erfüllt sich eine wichtige politische Erwartung an Bürgernähe und Beteiligung aus seiner eigenen Sicht nicht.

Damit wird Anschlussfähigkeit als Verhältnis sichtbar: Tikovskys Lebensführung passt nicht einfach schlechter zu einer gegebenen neuen Ordnung; die neuen Bedingungen bieten ihr in bestimmten Bereichen weniger Realisierungsmöglichkeiten als zuvor.

Bilanz: Verlust trotz eigener Veränderungserwartungen und Aktivität

Tikovskys Transformation ist deshalb nicht einfach als berufliches Scheitern zu beschreiben. Er handelte, qualifizierte sich weiter und suchte berufliche wie politische Beteiligungsmöglichkeiten. Er begrüßte Teile der gesellschaftlichen Veränderung und hatte selbst Erwartungen an politische Veränderung. Gleichzeitig verengte sich sein beruflicher Handlungsraum, wichtige soziale Zusammenhänge gingen verloren und seine Hoffnung auf eine stärker beteiligungsorientierte politische Praxis wurde enttäuscht.

Sein Fall zeigt damit eine Transformation, in der gesellschaftliche Öffnung und individuelle Verengung gleichzeitig auftreten können. Gerade weil Tikovsky die alte Ordnung nicht einfach bewahren wollte, ist sein Fall für den späteren Vergleich besonders aufschlussreich: Politische Zustimmung zum Umbruch, tatsächliche Handlungsmöglichkeiten und die Bilanz der eigenen Lebenswirklichkeit sind voneinander zu unterscheiden.

4. Herr Flieger: Berufliche Expansion unter neuen Bedingungen – und ihre VoraussetzungenSeine Fähigkeiten eröffneten ihm unter den neuen Bedingungen einen erheblich größeren beruflichen Handlungsraum – ermöglicht durch familiale Voraussetzungen und verbunden mit weniger Zeit für Familie, Freunde und Freizeit.

Herr Flieger bildet auf den ersten Blick den stärksten Gegenfall zu Tikovsky. Auch seine bisherige berufliche Existenz verlor mit dem Ende der DDR ihre institutionelle Grundlage. Er fand jedoch sehr früh ein neues Tätigkeitsfeld, qualifizierte sich weiter und baute eine erfolgreiche berufliche Existenz auf. Bei genauerer Betrachtung zeigt sein Fall allerdings mehr als eine gelungene individuelle Anpassung. Eine politisch und institutionell stark gebundene Berufsposition verschwindet, während darin erworbene Fähigkeiten unter völlig anderen Bedingungen neu verwendbar werden. Gleichzeitig beruht die intensive Nutzung der neuen Möglichkeiten auf einer familialen Arbeitsteilung, und die Transformation seiner Frau verläuft deutlich anders als seine eigene.

Ausgangslage: Politoffizier der NVA mit begrenzter beruflicher Perspektive

Flieger war zum Zeitpunkt der Interviews Ende dreißig, verheiratet und Vater zweier schulpflichtiger Kinder. Vor der Transformation war er Politoffizier der Nationalen Volksarmee. Seine berufliche Position war damit unmittelbar an eine zentrale Institution der DDR gebunden. Mit deren Ende verlor nicht nur sein Arbeitsplatz, sondern sein gesamtes bisheriges Berufsfeld seine Grundlage.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Flieger selbst an dieser Position festhalten wollte. Bereits vor der Transformation erscheinen ihm seine weiteren beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten begrenzt. Seine Orientierung richtet sich stark auf persönliche Entwicklung und sozialen Aufstieg. Weihrich beschreibt sein Streben nach sozialer Anerkennung, die sich für ihn insbesondere mit beruflicher Karriere, Bildung und einem hohen Lebensstandard verbindet. Zugleich stellt sie fest, dass er sich weder besonders mit dem Militär noch mit der sozialistischen Ideologie identifiziert habe.

Hier ist zwischen Weihrichs Interpretation und dem unmittelbar belegten Fallmaterial zu unterscheiden. Sicher ist: Flieger erlebt den Verlust seiner bisherigen Position nicht nur als Bedrohung. Der institutionelle Bruch beseitigt auch eine Begrenzung seiner weiteren beruflichen Entwicklung. Seine eigene Maxime, aus der Situation „im Rahmen des Möglichen das Möglichste” herauszuholen, kennzeichnet seine Orientierung treffend.

Der institutionelle Bruch entwertet Positionen – aber nicht alle Fähigkeiten

Flieger reagierte früh. Bereits im Frühjahr 1990 begann er mit Bewerbungen und wechselte noch im selben Jahr in den Außendienst einer Versicherung. Er qualifizierte sich für das neue Tätigkeitsfeld und baute später eine selbständige berufliche Existenz auf.

Bemerkenswert ist dabei, was mit seiner NVA-Vergangenheit geschieht. Flieger selbst hält die militärische Ausbildung für außerhalb der NVA kaum verwendbar. Auch von seinen früheren Kollegen geht nur ein kleiner Teil zur Bundeswehr; andere wechseln beispielsweise zu Speditionen oder Beratungsgesellschaften. In seiner Versicherungsniederlassung wiederum stammen sämtliche Außendienstkollegen als berufliche „Umsteiger” aus dem ehemaligen Staatsdienst.

Flieger begann also beruflich weder bei null noch konnte er seine bisherige Qualifikation einfach übertragen. Die institutionelle Position und ihre formale Qualifikation verlieren ihre bisherige Verwendung, während bestimmte innerhalb dieser Tätigkeit entwickelte Fähigkeiten unter neuen Bedingungen einsetzbar bleiben.

Dazu gehören insbesondere der Umgang mit Menschen, Kommunikation, Organisation, Führung und Überzeugungsfähigkeit. Was zuvor innerhalb einer militärisch-politischen Organisation gebraucht wurde, lässt sich in einen kommerziellen Zusammenhang übertragen. Weihrich bringt diesen Vorgang zugespitzt mit der Formel „Ideologieverkauf als Qualifikation” auf den Punkt.

Gerade deshalb ist die NVA-Vergangenheit für den Fall unverzichtbar: Sie zeigt exemplarisch, dass eine Transformation den biographischen Ressourcen einer Person nicht einfach insgesamt ihren Wert nimmt oder erhält. Positionen, formale Qualifikationen und praktische Fähigkeiten können unterschiedlich betroffen sein.

Flieger fand Bedingungen, die seinen Zielen entgegenkamen

Für Flieger bedeutet beruflicher Erfolg mehr als Einkommen. Der Beruf soll ausdrücklich auch „Lebensinhalt” sein. Persönliche Entwicklung, Leistung, Anerkennung und materielle Verbesserung gehören für ihn eng zusammen.

Unter den neuen Bedingungen erhielt diese Orientierung einen größeren Realisierungsraum. Der expandierende Versicherungsmarkt benötigte neue Mitarbeiter. Flieger erkannte diese Möglichkeit früh, erwarb die erforderlichen Kenntnisse und investierte erheblichen Arbeitseinsatz. Später erweiterte die Selbständigkeit seinen beruflichen Handlungsspielraum zusätzlich.

Auch die materiellen Ergebnisse sind für ihn bedeutsam. Auto, Wohnungseinrichtung, Reisen, Ferienhaus beziehungsweise Eigenheimplanung und Rücklagen stehen nicht lediglich für Konsum. Sie gehören zu einer Vorstellung erfolgreicher Lebensgestaltung und Zukunftssicherung.

Gemessen an diesen Zielen stellt seine Entwicklung einen erheblichen Gewinn dar. Das darf jedoch nicht rückwirkend in die Behauptung übersetzt werden, seine Lebensführung habe objektiv „besser” zur neuen Gesellschaft gepasst. Präziser ist: Die neuen Bedingungen boten für zentrale Ziele Fliegers und für bestimmte seiner vorhandenen Fähigkeiten besonders günstige Realisierungsmöglichkeiten.

Familie: „Hinterland” und Geborgenheit

Die starke Berufsorientierung bedeutet nicht, dass Familie für Flieger unwichtig wäre. Auf die Frage nach dem Verhältnis von Beruf und Familie unterscheidet er vielmehr zwischen unterschiedlichen Funktionen. Mit dem Beruf verbindet er Lebenserfüllung; die Familie bezeichnet er als sein „Hinterland” und als Ort der Geborgenheit.

Damit unterscheidet sich seine Zielkonstellation deutlich von Tikovskys. Bei Tikovsky stehen Arbeit, Familie, Freunde, Zeit und gesellschaftliche Beteiligung stärker als zusammenhängende Güter nebeneinander. Bei Flieger sind die Funktionen stärker differenziert: Der Beruf ist der zentrale Raum für Entwicklung, Leistung und Erfolg; die Familie bietet Stabilität und Rückhalt.

Weihrich interpretiert diese Konstellation teilweise als „Versachlichung” der Partnerschaft. Dafür ist das Material weniger eindeutig. Sicher lässt sich sagen, dass Flieger Familie im Interview weniger ausführlich zum Gegenstand seiner Selbstbeschreibung macht als seine berufliche Entwicklung. Daraus allein lässt sich jedoch keine Aussage über die Qualität der Ehe ableiten.

Sein beruflicher Handlungsraum hat familiale Voraussetzungen

Eindeutiger ist die familiale Arbeitsteilung. Fliegers Frau verfolgt zunächst selbst eine akademische Karriere. Einen erheblichen Teil der Kinderbetreuung und Hausarbeit übernimmt dabei ihre Mutter. Fliegers eigene Beteiligung an der Hausarbeit ist nach dem Interviewmaterial gering. Als die Schwiegermutter nicht mehr ständig zur Verfügung steht, übernimmt Frau Flieger die Organisation von Haushalt und Familie stärker selbst. Sie verlagert einen Teil ihrer wissenschaftlichen Arbeit in die Wohnung, um Berufs- und Familienarbeit miteinander verbinden zu können.

Damit wird eine Bedingung von Fliegers beruflicher Handlungsfähigkeit sichtbar: Er kann die neuen beruflichen Möglichkeiten besonders intensiv nutzen, weil ein erheblicher Teil der Familien- und Alltagsarbeit von anderen übernommen wird.

Diese Konstellation existiert in Grundzügen bereits vor der Transformation. Deshalb wäre es falsch, sie einfach als Folge der neuen Ordnung zu beschreiben. Die Transformation verändert jedoch die Bedingungen, unter denen die Familie ihre bisherige Organisation fortführen kann.

In der DDR wurde die Verbindung von weiblicher Erwerbstätigkeit und Familienarbeit durch institutionelle Arrangements – insbesondere Kinderbetreuung, aber auch weitere arbeits- und sozialpolitische Regelungen – unterstützt. Das vorhandene Fallmaterial macht eine Verschiebung innerhalb der Familie sichtbar, erlaubt aber keine vollständige Zurechnung ihrer Ursachen: Für die Familie Flieger lässt sich nicht im Einzelnen bestimmen, welche zuvor institutionell unterstützten Tätigkeiten nun familial aufgefangen werden. Belastbar ist der engere Befund, dass Frau Flieger ihre eigene berufliche Neuorientierung zunehmend mit der Organisation von Haushalt und Familie verbinden muss, während der Arbeitseinsatz ihres Mannes stark expandiert.

Zwei Transformationen innerhalb derselben Familie

Besonders wichtig ist deshalb, Frau Flieger nicht lediglich als Voraussetzung der Karriere ihres Mannes zu behandeln. Sie durchläuft ihre eigene Transformation.

Ihre bisherige wissenschaftliche Perspektive an der Universität gerät in eine Sackgasse. Sie befindet sich zeitweise in einer „Warteschleife” und sieht dort keine Zukunft. Flieger beschreibt ihre Situation als „Abgeschobensein” und unterstützt sie praktisch, beispielsweise indem er Bewerbungen am Computer erstellt und vervielfältigt. Er bestärkt sie nach eigener Aussage auch darin, die Universität zu verlassen.

Später arbeitet sie zunächst als Lehrerin, gibt diese Tätigkeit aber wieder auf, weil sie zu arbeitsintensiv ist. Schließlich findet sie eine Tätigkeit in der Verwaltung eines Verbandes, die zusätzliches Familieneinkommen bringt und ihr weitere Qualifizierungsmöglichkeiten eröffnet.

Damit verliefen innerhalb derselben Familie zwei deutlich verschiedene Transformationen. Flieger verlor seine bisherige Institution, fand aber ein expandierendes neues Berufsfeld und stieg beruflich auf. Seine Frau verlor ihre wissenschaftliche Perspektive, orientierte sich mehrfach neu und verband ihre weitere Erwerbsarbeit zugleich mit einem erheblichen Anteil an der Organisation des Familienlebens.

Die Familie Flieger kann deshalb nicht insgesamt als „Transformationsgewinner” behandelt werden.

Der erweiterte berufliche Handlungsraum kostet Zeit

Auch für Flieger selbst ist die berufliche Expansion nicht folgenlos. Sein späterer Tagesablauf ist stark durch die Arbeit bestimmt. Seine Rückkehrzeiten schwanken etwa zwischen 18 und 22 Uhr. Gemeinsame Aktivitäten mit Freunden können über Wochen ausfallen, weil die Beteiligten zu erschöpft sind.

Sein Handlungsraum entwickelt sich daher in verschiedenen Dimensionen unterschiedlich. Beruflich und materiell erweitert er sich erheblich. Die für Familie, Freunde und Freizeit verfügbare Zeit wird dagegen knapper.

Das ergibt einen bemerkenswerten Kontrast zu Tikovsky. Tikovsky verlor einen Teil seiner selbstverständlichen sozialen Kontakte, weil institutionelle Orte wie Arbeitsplatz und Kollegenkreis wegfielen. Bei Flieger geraten soziale Zeit und Kontakte dagegen durch die intensive Nutzung neu entstandener beruflicher Möglichkeiten unter Druck. Gegensätzliche Erwerbsverläufe können damit in einem Lebensbereich zu ähnlichen Folgen führen: Soziale Beziehungen müssen stärker organisiert werden.

Politische Transformation: bemerkenswerte Distanz

Auch politisch bildet Flieger einen starken Kontrast zu Tikovsky. Seine frühere berufliche Position war unmittelbar mit einer politischen Institution der DDR verbunden. Trotzdem scheint Politik für seine weitere Selbstbeschreibung vergleichsweise wenig Bedeutung zu besitzen. Weihrich formuliert zugespitzt, Politik brauche er nicht mehr und interessiere ihn deshalb auch nicht.

Diese Formulierung ist Weihrichs Interpretation und sollte nicht ungeprüft übernommen werden. Das Material trägt aber zumindest den schwächeren Befund: Der Verlust seiner politisch gebundenen beruflichen Position führt bei Flieger nicht zu einer im Interview zentralen politischen Verlust- oder Beteiligungserzählung. Seine Aufmerksamkeit richtet sich stark auf die neuen beruflichen und privaten Gestaltungsmöglichkeiten.

Gerade im Vergleich mit Tikovsky ist das bemerkenswert. Der parteilose und DDR-kritische Tikovsky erlebte zunehmende politische Enttäuschung, weil gesellschaftspolitische Beteiligung für ihn ein wichtiges Lebensziel blieb. Beim ehemaligen Politoffizier Flieger scheint der politische Systemwechsel dagegen wesentlich weniger als eigenständiger Verlustbereich aufzutreten.

Die frühere institutionelle Nähe zur DDR sagt damit offensichtlich wenig darüber aus, wie stark jemand später politisch an ihr festhält oder den politischen Umbruch als Verlust erlebt.

Situationsvorstellung und Deutungsrahmen

Fliegers Situationsvorstellung ist stark handlungsbezogen. Er fragt danach, welche Möglichkeiten bestehen und wie sie genutzt werden können. Eigene Initiative besitzt in seiner Erklärung seines Erfolges entsprechend großes Gewicht.

Das bedeutet nicht, dass seine Wahrnehmung notwendig individualistisch verkürzt wäre. Tatsächlich hat er gehandelt, sich früh beworben, qualifiziert und erhebliche Arbeitsleistung investiert. Seine Erfahrung bestätigt ihm daher nachvollziehbar die Wirksamkeit eigenen Handelns.

Analytisch ist davon jedoch die Frage zu unterscheiden, unter welchen Bedingungen dieses Handeln erfolgreich werden konnte. Der Versicherungsmarkt bot reale Expansionsmöglichkeiten; bestimmte seiner vorhandenen Fähigkeiten waren dort verwendbar; seine familiale Arbeitsteilung ermöglichte einen hohen Arbeitseinsatz. Seine eigene Aktivität und diese Bedingungen sind keine konkurrierenden Erklärungen, sondern Bestandteile desselben Verlaufs.

Realitätscheck: Der Erfolg ist real – und relational erklärbar

Der Realitätscheck bestätigt zunächst Fliegers stark erweiterten beruflichen Handlungsraum. Sein Wechsel in die Versicherungswirtschaft fiel in ein tatsächlich expandierendes Berufsfeld. Seine kommunikativen und organisatorischen Fähigkeiten waren dort verwendbar, und sein früher Einstieg, seine Weiterbildung und sein erheblicher Arbeitseinsatz trugen zu seinem Erfolg bei.

Damit besteht kein Anlass, seine eigene Leistung kleinzureden. Der Realitätscheck erweitert vielmehr die Erklärung. Seine Aktivität wird unter Bedingungen wirksam, die gerade für seine Fähigkeiten und Ziele günstige Möglichkeiten bieten.

Zugleich zeigt der zweite Realitätscheck, dass eine reine Erwerbsbilanz unvollständig wäre. Der berufliche Handlungsraum erweitert sich erheblich, während Zeit für andere Lebensbereiche knapper wird. Seine Nutzung setzt eine familiale Arbeitsteilung voraus, und die berufliche Entwicklung seiner Frau verläuft erheblich weniger expansiv.3

Verhältnis zu Weihrich

Weihrich deutet Flieger als einen besonders anschlussfähigen Fall. Seine auf Anerkennung, Karriere und hohen Lebensstandard gerichtete Lebensführung passe letztlich besser zur neuen als zur alten Gesellschaft.

Die erneute Analyse bestätigt einen wichtigen Kern dieses Befundes, formuliert ihn aber relationaler. Flieger bringt Fähigkeiten und Ziele mit, für die unter den neuen Bedingungen besonders günstige Realisierungsmöglichkeiten entstehen. Zugleich nutzt er diese Möglichkeiten aktiv und konsequent.

Damit verändert sich die Erklärung geringfügig, aber entscheidend. Nicht Flieger allein besitzt „Anschlussfähigkeit”. Anschlussfähigkeit entsteht aus der Passung zwischen seinen Fähigkeiten und Zielen, einem konkreten neuen Berufsfeld und den familialen Voraussetzungen, unter denen er dessen Möglichkeiten nutzen kann.

Die Erweiterung um seine Frau zeigt außerdem, dass diese Passung nicht für sämtliche Mitglieder derselben Familie gleichermaßen besteht.

Bilanz: reale Expansion, aber keine einfache Gewinnergeschichte

Gemessen an seinen zentralen eigenen Zielen ist Fliegers Entwicklung deutlich erfolgreich. Er kann sich beruflich entwickeln, gewinnt Einkommen, Anerkennung und Gestaltungsmöglichkeiten und kann Fähigkeiten einsetzen, für die seine bisherige Institution keine entsprechende Zukunft mehr bot.

Dieser Erfolg ist weder bloßer Zufall noch bloß Ergebnis persönlicher Anpassungsfähigkeit. Er entsteht aus dem Zusammentreffen eigener Initiative, vorhandener Fähigkeiten, eines neu expandierenden Tätigkeitsfeldes und einer Familienorganisation, die ihm einen hohen beruflichen Einsatz ermöglicht.

Gleichzeitig verändert sich die Lebenswirklichkeit seiner Frau anders, und sein eigener beruflicher Gewinn geht mit einer starken Beanspruchung seiner Zeit einher. Damit zeigt Fliegers Fall besonders deutlich, weshalb Transformationsbilanzen nicht einfach in Gewinner und Verlierer aufgeteilt werden können.

Eine institutionell eng an die DDR gebundene berufliche Position verschwindet vollständig; einzelne darin entwickelte Fähigkeiten gewinnen unter anderen Bedingungen neue Verwendungsmöglichkeiten. Flieger nutzt diese Möglichkeiten erfolgreich. Die Voraussetzungen und Folgen dieses Erfolges reichen jedoch über seine individuelle Erwerbsbiographie hinaus und werden erst im gesamten familialen und sozialen Lebenszusammenhang sichtbar.

5. Frau März: Kontinuität unter veränderten gesellschaftlichen VerhältnissenIhr Betrieb und wesentliche Teile ihres Lebens blieben bestehen, während sich die gesellschaftlichen Bedingungen grundlegend veränderten.

Frau März bildet einen dritten, wiederum anders gelagerten Transformationsfall. Anders als bei Tikovsky und Flieger verschwindet ihr bisheriger betrieblicher Zusammenhang nicht. Sie bleibt im selben Warenhaus beschäftigt und erreicht nach einem vorübergehenden Statusverlust erneut eine Leitungsposition. Auf den ersten Blick könnte ihre Geschichte deshalb als Fall weitgehender beruflicher Kontinuität erscheinen.

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass diese Kontinuität unter grundlegend veränderten gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen hergestellt wird. Eigentums- und Unternehmensordnung, Personalstruktur, Führungsanforderungen, Arbeitsbeziehungen und Statusgrundlagen verändern sich. Ihre frühere politische Funktion verschwindet vollständig. Gleichzeitig bleiben Ehe, Haushalt, Erwerbstätigkeit und der betriebliche Ort ihres Arbeitslebens bemerkenswert stabil.

Frau März bringt diese eigentümliche Konstellation im zweiten Interview selbst auf den Punkt: Es sei eigentlich wenig gleich geblieben, aber eigentlich habe sich auch nichts verändert. Der zunächst widersprüchlich erscheinende Satz erweist sich im Realitätscheck als bemerkenswert genaue Beschreibung zweier gleichzeitig verlaufender Entwicklungen: hohe biographische Kontinuität bei tiefgreifender Veränderung der gesellschaftlichen Relationen, in denen dieses Leben geführt wird.

Ausgangslage: Beruf, Verantwortung und politische Tätigkeit

Frau März war zum Zeitpunkt der Interviews Ende dreißig und arbeitete seit ungefähr zwanzig Jahren in demselben Leipziger Warenhaus. In der DDR hatte sie dort eine beruflich-politische Karriere gemacht. Sie war SED-Mitglied und zuletzt hauptamtlich in der Parteiorganisation des Warenhauses tätig. Beruf, Leitungsverantwortung, politische Tätigkeit und Familie strukturieren ihr Leben und nehmen erhebliche Zeit in Anspruch.

Ihre politische Einbindung gehörte damit ausdrücklich zur Ausgangslage. Anders als beim parteilosen und der Bürgerbewegung nahestehenden Tikovsky war ihre gesellschaftliche Tätigkeit institutionell mit der SED verbunden. Anders als bei Flieger, dessen Beruf als NVA-Politoffizier mit dem Untergang seiner Institution vollständig verschwand, blieb bei März jedoch der betriebliche Ort erhalten, an dem sich ihre berufliche und politische Karriere entwickelt hatte.

Aus den Interviews lässt sich eine Zielkonstellation rekonstruieren, in der eine sichere und anerkannte berufliche Position, zuverlässige Aufgabenerfüllung, Verantwortung gegenüber Mitarbeitern sowie Stabilität in Familie und Alltag einen hohen Stellenwert besitzen. Materieller oder beruflicher Aufstieg steht nicht in derselben Weise im Mittelpunkt wie bei Flieger. Tätigsein, Gebrauchtwerden und die verlässliche Erfüllung übernommener Verantwortung scheinen wichtiger zu sein.

Dabei ist Verantwortung bei März nicht nur als betriebliche Zuständigkeit zu verstehen. Im Material lässt sich auch eine soziale Verantwortlichkeit gegenüber Mitarbeitern erkennen. Sie gehört zu den Maßstäben, die März in ihrer beruflichen Tätigkeit aufrechterhalten möchte.

Der Betrieb bleibt – seine gesellschaftliche Ordnung verändert sich

Mit der Transformation bleibt für März ein entscheidender institutioneller Anker erhalten: das Warenhaus. Sie verliert ihren Arbeitsplatz nicht. Dennoch kann von einfacher beruflicher Kontinuität keine Rede sein.

Ihre bisherige politisch-institutionelle Position verliert ihre Grundlage. Sie wird zunächst zurückgestuft. In dieser Phase verändern sich insbesondere ihre Entscheidungsbefugnisse: Tätigkeiten, über die sie zuvor selbständig entscheiden konnte, muss sie nun mit Vorgesetzten abstimmen. Gleichzeitig wird der Betrieb in eine andere Eigentums- und Unternehmensordnung überführt, die Belegschaft erheblich reduziert und die Führungsstruktur verändert.

Später gelingt März der Wiederaufstieg in eine herausgehobene Leitungsposition. Dabei kehrt sie jedoch nicht einfach in ihre alte Position zurück. Vorher hatte sie Leitungs- und politische Verantwortung innerhalb einer staatlich-sozialistischen Betriebsordnung; danach übernimmt sie Leitung innerhalb eines privatwirtschaftlichen Unternehmens mit anderen Entscheidungsgegenständen und Anforderungen. Der Realitätscheck bezeichnet ihren Verlauf deshalb treffend als Positionskontinuität bei Funktionswandel.

Gleichzeitig bleiben wesentliche Teile ihrer bisherigen beruflichen Erfahrung verwendbar. Betriebskenntnis, Organisationserfahrung, Personalführung und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, verlieren mit dem politischen Statuswechsel nicht notwendig ihre Bedeutung. Anders als Flieger muss März kein völlig neues Berufsfeld erschließen.

Damit zeigt ihr Fall eine weitere Form der Veränderung biographischer Ressourcen: Eine politisch mit der alten Ordnung verbundene Position kann verschwinden, während Fähigkeiten und Erfahrungen, die innerhalb dieser Position erworben oder genutzt wurden, unter anderen institutionellen Bedingungen weiterhin verwendbar sind.

Anpassung durch Bewahrung

März reagiert auf die neuen Bedingungen nicht mit einer vollständigen Neuerfindung ihrer beruflichen Existenz. Sie akzeptiert die veränderten institutionellen Regeln, versucht ihre Position darin zu sichern und erfüllt die neuen Anforderungen. Zugleich versucht sie, Maßstäbe ihrer bisherigen Lebensführung beizubehalten.

Gerade ihre soziale Verantwortlichkeit ist hierfür wichtig. Die Deutungsrahmenanalyse legt nahe, ihr Handlungsmuster nicht schlicht als Anpassung an vorgegebene Regeln zu beschreiben. Materialnäher ist die Folge: neue Ordnung akzeptieren, eine tragfähige Position darin herstellen, die neuen Anforderungen erfüllen und zugleich möglichst bewahren, was weiterhin als richtig und verpflichtend gilt – insbesondere Verlässlichkeit und Verantwortung gegenüber Mitarbeitern.

Kontinuität bedeutet deshalb bei März nicht bloß, dass äußere Umstände günstig für sie verlaufen. Sie stellt Kontinuität aktiv her.

Dabei geht es auch nicht einfach um die Bewahrung alter DDR-Verhältnisse. Die institutionellen Bedingungen akzeptiert sie als verändert. Bewahren möchte sie vielmehr bestimmte Bestandteile ihrer eigenen Lebensführung und ihrer Art, Verantwortung wahrzunehmen.

Beruflicher Erfolg verändert soziale Beziehungen

Gerade an diesem Punkt zeigt sich allerdings, dass nicht alles bewahrt werden kann. Während März ihren Arbeitsplatz hält und beruflich wieder aufsteigt, verlieren andere Beschäftigte ihre Stellen oder entwickeln sich beruflich in andere Richtungen. Die Lebensverläufe von Menschen, die zuvor im selben betrieblichen Zusammenhang standen, beginnen sich auseinanderzuentwickeln.

Weihrich beschreibt Kommunikationsprobleme und bröckelnde Privatkontakte; März selbst nimmt stärkere Konkurrenz und abnehmende Berührungspunkte mit früheren sozialen Zusammenhängen wahr. Der Realitätscheck behandelt diese Beobachtungen vorsichtig, hält aber einen fallbezogenen Befund für tragfähig: Berufliche Kontinuität für eine Person kann mit sozialer Diskontinuität verbunden sein, wenn sich die Lebensverläufe früher verbundener Menschen auseinanderentwickeln.

Das ist für März besonders bedeutsam, weil soziale Beziehungen und Verantwortung gegenüber anderen zu den Gütern gehören, die sie bewahren möchte. Ihr beruflicher Wiederaufstieg löst dieses Problem nicht. Er findet vielmehr innerhalb eines betrieblichen Zusammenhangs statt, dessen soziale Struktur sich gleichzeitig verändert.

Damit zeigt ihr Fall eine Spannung, die bei einer reinen Betrachtung ihrer Karriere unsichtbar bliebe: Sie kann beruflich erfolgreich an den alten betrieblichen Ort anschließen, ohne deshalb die früheren sozialen Beziehungen dieses Ortes bewahren zu können.

Politischer Bruch: Ein Tätigkeitsbereich verschwindet

Außerhalb der unmittelbaren Erwerbsarbeit ist der Bruch noch eindeutiger. Mit dem Ende der DDR verliert März ihre bisherige politische Funktion. Ein institutionell organisierter Bereich gesellschaftlicher Tätigkeit verschwindet aus ihrem Leben.

Anders als Tikovsky suchte sie offenbar keine vergleichbare neue Form politischen Engagements. Darin unterscheiden sich die beiden politischen Transformationsverläufe deutlich. Tikovskys politisches Interesse und Beteiligungswunsch blieben bestehen und führten zunehmend zu Enttäuschung über die neuen Beteiligungsmöglichkeiten. Bei März verschwand dagegen mit ihrer bisherigen politischen Funktion weitgehend auch dieser Tätigkeitsbereich aus ihrem Alltag.

Dieser Verlust ist für sie allerdings ambivalent. Sie verliert politische Funktion, Status, institutionelle Zugehörigkeit und einen Bereich gesellschaftlicher Verantwortung. Gleichzeitig entfallen Verpflichtungen, die zuvor erhebliche Zeit beansprucht hatten. Die neu verfügbare Zeit erlebt sie zumindest teilweise als Entlastung.

Damit zeigt ihr Fall besonders deutlich, weshalb Veränderungen nicht eindeutig als Gewinn oder Verlust klassifiziert werden können. Ein und derselbe institutionelle Bruch kann gleichzeitig den Verlust von Tätigkeit und Anerkennung und den Gewinn frei verfügbarer Zeit bedeuten.

Familie und Alltag: bemerkenswerte Kontinuität

Während sich politische und betriebliche Institutionen grundlegend veränderten, blieb der private Lebenszusammenhang von März vergleichsweise stabil. Ehe und Haushalt bestanden fort. Auch die häusliche Arbeitsteilung veränderte sich offenbar wenig. März übernahm weiterhin den überwiegenden Teil der Hausarbeit.

Das unterscheidet ihren Fall deutlich von Flieger. Dessen intensiver beruflicher Einsatz wird dadurch ermöglicht, dass seine Frau einen erheblichen Teil der Organisation von Familie und Alltag übernimmt. März realisiert dagegen ihren beträchtlichen beruflichen Handlungsraum trotz weitgehender Kontinuität ihrer eigenen häuslichen Zuständigkeit. Daraus kann allerdings nicht ohne zusätzliche Belege auf eine außergewöhnliche Belastung geschlossen werden.

Zugleich verändert sich auch hier ein institutioneller Rahmen: Der in der DDR vorhandene Haushaltstag fällt weg. Eine konkrete Unterstützung für die Verbindung von Erwerbs- und Hausarbeit entfällt damit. Dem steht in März’ konkreter Lebenssituation der Zeitgewinn durch den Wegfall ihrer politischen Verpflichtungen gegenüber.

Auch hier ergibt sich deshalb keine einfache Gewinn-Verlust-Rechnung. Ihre Tätigkeitsstruktur wird neu zusammengesetzt: politische Verpflichtungen verschwinden, erhebliche private Reproduktionsarbeit bleibt bestehen, und die berufliche Tätigkeit wird innerhalb eines nach anderen Regeln organisierten Betriebs fortgeführt.

Der Schlüsselsatz: Wenig bleibt gleich – und doch verändert sich nichts

Vor diesem Hintergrund gewinnt März’ scheinbar paradoxe Aussage ihre eigentliche Bedeutung: Es sei wenig gleich geblieben, aber eigentlich habe sich auch nichts verändert.

Auf der Ebene gesellschaftlicher Verhältnisse verändert sich tatsächlich sehr viel: politische Ordnung, Eigentumsverhältnisse, Unternehmensorganisation, Hierarchien, Personalpolitik, Arbeitsbeziehungen und die Grundlage ihrer früheren politischen Position.

Auf der Ebene ihres eigenen Lebens bestehen dagegen erhebliche Kontinuitäten: derselbe betriebliche Ort, weiterhin Erwerbstätigkeit, dieselbe Ehe und derselbe Haushalt, vertraute Alltagsroutinen und schließlich erneut eine Leitungsposition.

Die Aussage muss deshalb nicht als widersprüchliche oder unzureichende Wahrnehmung verstanden werden. Sie unterscheidet implizit zwei Ebenen, die auch analytisch auseinandergehalten werden müssen:

Biographische Kontinuität und Kontinuität gesellschaftlicher Verhältnisse sind nicht dasselbe.

März konnte ihr Leben als Fortsetzung desselben Lebens erfahren, obwohl die gesellschaftlichen Relationen, in denen wesentliche Bestandteile dieses Lebens standen, grundlegend verändert worden waren.

Situationsvorstellung und Deutungsrahmen

Aus dem Material lässt sich bei März vorsichtig eine relativ stabile Orientierung rekonstruieren. Wichtig sind ihr eine anerkannte Aufgabe, Verantwortlichkeit, Verlässlichkeit, soziale Verantwortung, familiäre Stabilität und die Fortführung dessen, worin bereits biographisch investiert wurde.

Damit unterscheidet sie sich sowohl von Tikovsky als auch von Flieger. Tikovsky gewichtet einen vielfältigen Zusammenhang von Arbeit, Familie, Freunden, Zeit und gesellschaftlicher Beteiligung besonders stark. Flieger orientiert sich stärker an Entwicklung und Ausschöpfung eigener Möglichkeiten. März scheint stärker danach zu fragen, wie unter veränderten Bedingungen wieder eine stabile, anerkannte und verantwortliche Lebensposition hergestellt werden kann.

Dabei sollte Weihrichs Charakterisierung von März über „Ordnungsliebe”, Konventionalität oder eine Neigung zum Bewahren nicht einfach als psychologische Erklärung übernommen werden. Materialnäher lässt sich feststellen, dass Beständigkeit und die Fortführung eingegangener Verpflichtungen für März einen hohen Stellenwert besitzen.

Realitätscheck: Kontinuität war möglich, aber nicht selbstverständlich

Der Realitätscheck stützt wesentliche Bestandteile von März’ Situationswahrnehmung. Ihr Betrieb bleibt tatsächlich erhalten, sie behält ihre Erwerbsarbeit und erreicht später erneut eine Leitungsposition. Ihre Wahrnehmung erheblicher persönlicher Kontinuität hat daher eine reale Grundlage.

Gleichzeitig war dieser Verlauf nicht von Anfang an gesichert. März durchläuft eine Degradierung und rechnet zeitweise durchaus mit dem Verlust ihrer Karriere. Der Betrieb wird erheblich umgebaut und Personal abgebaut. Aus ihrem späteren Erfolg darf daher nicht rückwärts geschlossen werden, dass ihr von Anfang an ein großer und sicherer Handlungsraum offenstand. Ein erfolgreich realisierter Verlauf beweist nicht, dass dieser Verlauf zuvor selbstverständlich verfügbar war.

Auch ihre Wahrnehmung veränderter sozialer Beziehungen besitzt einen konkreten Erfahrungskern. Personalabbau, unterschiedliche Karriereverläufe und veränderte Hierarchien verändern die Beziehungen zwischen Menschen, die zuvor in gemeinsamen betrieblichen Zusammenhängen standen. Welche weitergehenden Aussagen sich daraus über die Entwicklung sozialer Beziehungen in Ostdeutschland insgesamt ableiten lassen, kann aus diesem Fall allein nicht entschieden werden.4

Verhältnis zu Weihrich

Weihrich interpretiert März stark über Kontinuität, Konventionalität und das Bestreben, das einmal Erreichte zu erhalten. Darin liegt ein plausibler Kern. März versucht tatsächlich, wesentliche Bestandteile ihres bisherigen Lebenszusammenhangs unter veränderten Bedingungen zu bewahren oder wiederherzustellen.

Die erneute Analyse verschiebt jedoch die Erklärung. Kontinuität muss nicht primär aus einer psychologischen Neigung zum Bewahren erklärt werden. Sie kann auch als Handlungsorientierung gegenüber einem Lebenszusammenhang verstanden werden, in den bereits Fähigkeiten, Beziehungen, Verantwortung und biographische Arbeit investiert worden sind.

Zugleich zeigt der Realitätscheck, weshalb diese Strategie bei März überhaupt erfolgreich sein kann: Der Betrieb bleibt bestehen, wesentliche berufliche Erfahrungen bleiben verwendbar, und sie erhält tatsächlich die Möglichkeit, erneut Verantwortung zu übernehmen.

Damit wird auch hier Anschlussfähigkeit relational. März bringt Fähigkeiten und Orientierungen mit, die unter den neuen Bedingungen verwendbar bleiben; zugleich bieten die fortbestehenden institutionellen Strukturen ihr reale Möglichkeiten, an wesentliche Teile ihrer bisherigen Biographie anzuknüpfen.

Bilanz: Stabilität unter veränderten gesellschaftlichen Relationen neu herstellen

März kann insgesamt zu den beruflich relativ erfolgreichen Fällen gerechnet werden. Sie behielt ihre Erwerbstätigkeit und erreichte erneut eine Leitungsposition. Ihre Geschichte ist jedoch keine zweite Variante von Fliegers Expansion.

Flieger verließ eine untergehende Institution und erschloss sich ein neues Berufsfeld. März blieb an einem wesentlichen biographischen Ort und stellte dort unter neuen Bedingungen Stabilität wieder her.

Dabei bleibt nicht einfach alles erhalten. Ihre politische Position und gesellschaftliche Tätigkeit verschwinden. Betriebliche Beziehungen verändern sich, frühere soziale Selbstverständlichkeiten werden brüchiger, und ihre Leitungsposition erhält eine andere institutionelle Funktion. Der Verlust politischer Verpflichtungen schafft zugleich freie Zeit. Ehe, Haushalt, Erwerbsorientierung und der betriebliche Ort ihres Arbeitslebens weisen dagegen eine hohe Kontinuität auf.

Entscheidend ist schließlich, dass März nicht nur Positionen bewahrt. Sie versucht auch, ihren Maßstab von Verantwortung, Verlässlichkeit und sozialer Zuwendung unter veränderten Bedingungen weiterzuführen. Ob und wie weit ihr dies gelingt, hängt wiederum von Bedingungen ab, die sie selbst nicht vollständig bestimmen kann.

Ihr Fall lässt sich deshalb als Wandel durch aktiv hergestellte Kontinuität beschreiben:

Frau März konnte wesentliche Bestandteile ihrer bisherigen Lebensführung bewahren oder wiederherstellen, obwohl sich deren institutioneller und sozialer Zusammenhang tiefgreifend veränderte. Ihre Transformationsleistung bestand gerade darin, unter neuen Bedingungen eine stabile berufliche und private Lebensführung herzustellen und dabei eigene Maßstäbe von Verantwortung und sozialer Zuwendung möglichst aufrechtzuerhalten.

6. Frau Barzel: Anpassungsleistung unter Bedingungen realer VerengungSie qualifizierte sich neu, organisierte Familie und soziale Unterstützung – und fand trotzdem keinen Weg zurück in eine stabile eigene Erwerbsposition.

Frau Barzels Fall ist unter den vier untersuchten Lebensverläufen besonders geeignet, die Erklärung von Transformationsergebnissen durch individuelle „Anpassungsfähigkeit” zu überprüfen. Sie verliert ihre bisherige Erwerbsposition, eine Umschulung führt nicht zu einer neuen stabilen Beschäftigung, und ihre materielle Situation verschlechtert sich erheblich. Bei Weihrich wird dieser Verlauf stark unter Begriffen wie „Paternalismusorientierung” und „Betriebsblindheit” interpretiert: Barzels Lebensführung sei auf eine untergehende institutionelle Ordnung eingestellt und erschwere es ihr, unter den neuen Bedingungen eine tragfähige individuelle Strategie zu entwickeln.

Das Material bestätigt einzelne Elemente dieser Interpretation. Zugleich zeigt es jedoch eine Frau, die keineswegs passiv bleibt. Sie versucht, entstandene Lücken praktisch zu schließen: durch Umschulung, Organisation der Familie, Mobilisierung sozialer Beziehungen, Unterstützung ihres Mannes und Hilfe für andere. Ein Teil davon gelingt, ein anderer nicht. Gerade deshalb muss genauer gefragt werden, was Barzel zu erreichen versucht, welche Mittel ihr dafür tatsächlich zur Verfügung stehen und weshalb ihre Aktivitäten zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Ausgangslage: Die gesamte Familie ist vom institutionellen Bruch betroffen

Barzel war zum Zeitpunkt der Interviews Ende dreißig und seit zwanzig Jahren verheiratet. Das Paar hatte zwei Söhne. Beide Ehepartner arbeiteten im selben Kombinat der Metallindustrie. Barzel erledigte dort Botengänge und Registrierarbeiten, ihr Mann Reinigungs- und einfache Hausmeistertätigkeiten. Beide waren gering qualifiziert und hatten Schonarbeitsplätze. Der ältere Sohn suchte gerade eine Lehrstelle.

Damit unterscheidet sich ihre Ausgangslage wesentlich von den anderen Fällen. Bei Tikovsky war zunächst vor allem seine eigene berufliche Position bedroht. Flieger konnte den Verlust seiner Institution durch den schnellen Wechsel in ein neues Tätigkeitsfeld kompensieren. März’ Betrieb blieb bestehen. Bei Barzel dagegen war schon im ersten Interview absehbar, dass der Betrieb keine Zukunft hatte und die Erwerbsgrundlage der gesamten Familie gleichzeitig gefährdet war. Sie selbst befand sich in Null-Stunden-Kurzarbeit mit sicherer Aussicht, nicht weiterbeschäftigt zu werden; auch die Arbeitszeit ihres Mannes sollte reduziert werden.

Ihre Formel für das bisherige Leben ist entsprechend umfassend:

„Wir hatten Arbeit, wir hatten Wohnung, wir hatten Familie.”

Arbeit erscheint darin nicht als isolierte Erwerbstätigkeit. Sie gehört zu einem Zusammenhang aus materieller Sicherheit, Familie und sozialer Einbindung. Wenn Barzel sagt, mit der Wende sei „alles am Boden”, bezeichnet das deshalb zunächst eine konkrete Erfahrung: Mehrere Voraussetzungen ihrer bisherigen Lebensführung geraten gleichzeitig in Unsicherheit.

Arbeit bedeutet auch Zusammenarbeit

Barzel hat gern gearbeitet. Für die Qualität eines Arbeitsplatzes ist für sie aber nicht nur die Tätigkeit selbst entscheidend. Von besonderer Bedeutung ist das „wunderbare Kollektiv”: Zusammenhalt, offene Aussprache und gegenseitige Unterstützung gehören zu ihrer Vorstellung guter Arbeit. Weihrich weist darauf hin, dass diese Orientierung bei unterschiedlichen Arbeitsplätzen wiederkehrt.

Damit lässt sich ihre Arbeitsorientierung nicht auf Arbeitsplatzsicherheit reduzieren. Arbeit soll Einkommen sichern, aber zugleich sozial eingebettet sein. Die Form der Zusammenarbeit besitzt einen eigenen Wert.

Das wird später wichtig, weil mit dem Betrieb nicht nur eine Einkommensquelle verschwindet. Es geht zugleich ein sozialer Zusammenhang verloren, der für Barzels Vorstellung guter Arbeit konstitutiv war.

Politische Ausgangslage: Bindung an den Sozialismus und Kritik an seiner Wirklichkeit

Anders als Tikovsky war Barzel bis zur Wende Mitglied der SED und in einer Wohngebietsgruppe aktiv. Ihre Parteiarbeit nahm allerdings vergleichsweise wenig Zeit in Anspruch.

Bemerkenswert ist die Art, wie sie ihre Parteimitgliedschaft beschreibt. Der Eintritt habe sich einerseits aufgrund ihres familiären und gesellschaftlichen Umfelds nahezu von selbst ergeben. Andererseits verbindet sie ihn mit ihrem eigenen Anspruch, ihre Meinung zu sagen. Sie berichtet, man habe ihr zunächst vermittelt, gerade solche kritischen Menschen würden in der Partei gebraucht; später habe sie erfahren, dass dies keineswegs der Fall gewesen sei.

Ihre politische Ausgangsposition lässt sich deshalb nicht angemessen als bloße Loyalität gegenüber der bestehenden DDR beschreiben. Barzel hatte an sozialistische Versprechen geglaubt, maß aber die tatsächliche Ordnung an diesen Versprechen und war von deren Realität enttäuscht.

Das zeigt besonders deutlich ihre spätere Aussage, sie hätte den Sozialismus gern behalten – allerdings „so real und ordentlich wie er sein sollte”, nicht so, wie die „Bonzen” ihn verwirklicht hätten.

Damit wird für die weitere Analyse eine wichtige Unterscheidung möglich: Barzels positive Bezugnahme auf Sicherheit, Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung ist nicht identisch mit einer positiven Gesamtbewertung der politischen Ordnung der DDR. Sie kann die DDR an ihren eigenen sozialen Maßstäben kritisieren und später auch die neue Ordnung an denselben Maßstäben messen.

Familie und Alltag: hohe eigene Verantwortlichkeit

Auch innerhalb der Familie ist Barzel keineswegs überwiegend Empfängerin institutioneller oder familialer Fürsorge. Die gesamte Hausarbeit, organisatorische Aufgaben, Behördenangelegenheiten sowie Angelegenheiten der Kinder und Schule liegen weitgehend bei ihr. Ihr Mann hilft vor allem dann, wenn sie ihn ausdrücklich darum bittet.

Diese Arbeitsteilung besteht bereits vor der Transformation. Sie darf deshalb nicht als deren Folge dargestellt werden. Für den weiteren Verlauf ist sie dennoch wichtig: Barzel geht mit einer Lebensführung in den Umbruch, in der sie bereits erhebliche Verantwortung für die praktische Funktionsfähigkeit der Familie trägt.

Das passt zu einem biographisch breiteren Muster. Weihrich beschreibt bei ihr eine eigentümliche Verbindung von Einordnung und Selbstbestimmung. Barzel selbst sagt: „Ich bin ein Mensch, der gern über sich selbst bestimmt.”

Gerade deshalb wäre es verkürzend, ihre spätere Orientierung auf institutionelle Sicherheit mit genereller Passivität gleichzusetzen.

Sie versucht, die berufliche Lücke zu schließen

Als der Verlust ihres Arbeitsplatzes feststeht, erkennt Barzel selbst ein Problem ihrer bisherigen beruflichen Entwicklung. Sie hat sich in der DDR nicht weiterqualifiziert und sagt ausdrücklich, dies „rächt sich jetzt”.

Sie nimmt deshalb eine angebotene Umschulung zur Bürokauffrau an. Das ist zunächst eine reale Anpassungsleistung: Sie lernt für ein neues Berufsfeld und absolviert nahezu die gesamte Ausbildung.

Die Umschulung führt jedoch nicht zu einer neuen Erwerbsposition. Barzel besteht eine der Abschlussprüfungen nicht. Die übrigen Prüfungen hat sie bestanden; sie könnte die fehlende Prüfung wiederholen, tut dies aber nicht.

Hier liegt tatsächlich eine nicht genutzte Handlungsmöglichkeit vor. Warum sie diese Möglichkeit nicht wahrnimmt, lässt sich aus dem Material nicht sicher bestimmen. Deshalb sollte weder ihre Entscheidung bedeutungslos gemacht noch aus ihr die gesamte weitere Arbeitslosigkeit erklärt werden.

Der Befund ist enger:

Barzel nutzt eine reale Möglichkeit zur beruflichen Neuorientierung weitgehend, aber nicht vollständig. Zugleich ist nicht belegt, dass selbst ein vollständiger Abschluss ihr eine stabile neue Beschäftigung eröffnet hätte.

Praktische Handlungskompetenz zeigt sich an anderer Stelle

Besonders aufschlussreich ist der Vergleich mit der beruflichen Situation ihres Mannes. Dort gelingt Barzel etwas, das ihr für die eigene Erwerbsbiographie nicht gelingt: Sie kann soziale Beziehungen mobilisieren und an der Herstellung einer konkreten Lösung mitwirken.

Über einen Bekannten ergibt sich für ihren Mann eine neue Arbeitsmöglichkeit bei einem Schnellimbiss. Barzel ist an der Organisation beteiligt; ihr Mann kann unmittelbar nach seiner Entlassung die neue Tätigkeit aufnehmen.

Das ist für die Interpretation ihres Falles zentral. Barzel fehlt nicht generell die Fähigkeit, unter neuen Bedingungen zu handeln. Ihre praktische Organisationsfähigkeit funktioniert dort, wo soziale Beziehungen mobilisiert und konkrete Probleme unmittelbar bearbeitet werden können.

Damit entsteht eine bemerkenswerte Asymmetrie: Sie trägt zur Erwerbsintegration ihres Mannes bei, ohne für sich selbst eine entsprechende Position herstellen zu können.

Eine ausschließlich individuelle Arbeitsmarktbilanz würde diesen Teil ihrer Transformationsleistung nicht erfassen.

Soziale Zusammenhänge werden nicht nur verloren, sondern von ihr neu hergestellt

Dass soziale Einbindung für Barzel nicht lediglich nostalgische Erinnerung an das Betriebskollektiv ist, zeigt sich besonders deutlich während der Umschulung. Auch dort versucht sie, einen sozialen Zusammenhang herzustellen. Sie kennt die anderen Teilnehmer, bringt Pfannkuchen mit und verwendet erneut den Begriff „Kollektiv”.

Dasselbe Muster findet sich außerhalb institutioneller Zusammenhänge. Trotz der eigenen finanziellen Schwierigkeiten beherbergt die Familie Freunde ihrer Söhne; Barzel bezeichnet ihre Wohnung drastisch als eine Art „Obdachlosenasyl”. Sie hilft anderen auch unter Bedingungen, unter denen ihre eigenen Ressourcen zurückgehen.

Diese Bemerkung verweist zugleich auf eine Lebenswirklichkeit, die von der auf bereits Erwerbstätige konzentrierten Fallauswahl nur am Rand erfasst wird. Jugendliche, die 1989/90 noch vor dem Eintritt in Ausbildung und Beruf standen, verloren keine bereits gefestigte Erwerbsposition; sie mussten ihren Übergang ins Erwachsenenleben jedoch in einem abrupt umgebauten Bildungs- und Beschäftigungssystem bewältigen. Barzels älterer Sohn sucht selbst eine Lehrstelle. Dass Freunde ihrer Söhne zeitweise in der Wohnung aufgenommen werden, lässt daher erkennen, wie Unsicherheit der jüngeren Generation bis in ihren Haushalt hineinreicht und dort informell aufgefangen wird.

Der Ausdruck „Obdachlosenasyl” darf dabei nicht als Nachweis tatsächlicher Wohnungslosigkeit dieser Jugendlichen behandelt werden. Belastbar ist der engere Befund: Barzels Familie stellt auch für junge Menschen außerhalb des eigenen Haushalts Unterkunft, Versorgung oder einen verlässlichen Aufenthaltsort bereit. Zeitgenössische Längsschnittdaten bestätigen den breiteren Unsicherheitskontext. 1994 waren 13 Prozent der untersuchten ostdeutschen Jugendlichen arbeitslos gemeldet; mehrfach unterbrochene Übergänge zwischen Ausbildung, Studium, Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit kamen häufig vor.5 Barzels Hilfe erhält vor diesem Hintergrund eine zusätzliche Bedeutung: Sie fängt nicht nur Folgen des Umbruchs innerhalb ihrer Kernfamilie auf, sondern übernimmt in begrenztem Umfang auch eine fehlende soziale Sicherungsfunktion für das Umfeld ihrer Söhne.

Das verändert die Interpretation ihres sozialen Maßstabs erheblich. Barzel erwartet nicht lediglich, dass Betrieb, Staat oder andere Institutionen für sie sorgen. Sie versteht soziale Verantwortung offenbar wechselseitig: Sie erwartet Unterstützung und übernimmt selbst Verantwortung für andere.

Hier besteht eine interessante Nähe zu März. Beide versuchen unter veränderten Bedingungen soziale Zusammenhänge praktisch aufrechtzuerhalten. Bei März konnte dies innerhalb eines fortbestehenden Betriebs geschehen. Bei Barzel fiel dieser institutionelle Ort weg; soziale Integration musste stärker in Familie, Umschulung und persönlichen Netzwerken hergestellt werden.

Materieller Verlust verändert soziale Möglichkeiten

Nach der Umschulung ist Barzel arbeitslos. Ihr zentraler Wunsch verengt sich nun auf einen Satz: „Ich wünsch mir nur eins. Daß ich wieder Arbeit hab.”

Das bedeutet nicht, dass Familie und soziale Beziehungen ihre Bedeutung verloren hätten. Erwerbsarbeit wird vielmehr zunehmend zur Voraussetzung dafür, andere Bestandteile des gewünschten Lebens aufrechterhalten zu können.

Der Einkommensverlust beschränkt Reisen, gemeinsame Unternehmungen, Kleidung und Möglichkeiten, andere zu bewirten. Neue Kleidung für sich selbst kommt beispielsweise nicht mehr infrage. Auch das frühere Kochen für Freunde und Verwandte wird schwieriger.

Materielle Ressourcen und soziale Beziehungen sind damit nicht unabhängig voneinander. Sinkendes Einkommen beschränkt Barzels Möglichkeiten, gerade jene sozialen Tätigkeiten auszuüben, die für ihre Vorstellung eines guten Lebens wichtig sind.

Der Erwerbsverlust wirkt deshalb in andere Lebensbereiche hinein.

Das Arbeitsamt: Hilfe und Herabsetzung zugleich

Auch ihre Erfahrung mit neuen Institutionen ist ambivalent. Nach Abschluss der Umschulung ist Barzel arbeitslos gemeldet. Einen Besuch beim Arbeitsamt erlebt sie als erniedrigend und vergleicht die Meldepflicht mit der Situation von Menschen „auf Bewährung”.

Diese Aussage ist zunächst eine dokumentierte institutionelle Erfahrung, keine objektive Beschreibung des Arbeitsamtes insgesamt. Für Barzels Situationsvorstellung ist sie dennoch bedeutsam.

Die Institution, von der sie Unterstützung bei der Wiederherstellung ihrer Erwerbsposition erwartet, erlebt sie gleichzeitig als kontrollierend und herabsetzend. Damit verändert sich ihr Verhältnis zu gesellschaftlicher Sicherung: Sie bleibt auf institutionelle Unterstützung angewiesen, erfährt diese aber nicht als Wiederherstellung jener Form sozialer Einbindung, die sie zuvor kannte.

„Egoistische Gesellschaft”: Erfahrung, Deutung und Verallgemeinerung

Vor diesem Hintergrund beschreibt Barzel die neue Gesellschaft zunehmend als egoistisch. Dem stellt sie Sicherheit, Zusammenarbeit und gegenseitige Fürsorge gegenüber.

Diese Aussage sollte nicht in eine vermeintlich richtige wissenschaftliche Beschreibung und eine defizitäre subjektive Wahrnehmung zerlegt werden. Sie enthält vielmehr unterschiedliche prüfbare Bestandteile.

Nicht belegt ist die allgemeine Behauptung, Westdeutsche oder die neue Gesellschaft seien ihrem Wesen nach egoistischer.

Wesentlich besser gestützt ist dagegen, dass sich die Bedingungen sozialer Beziehungen tatsächlich verändern: Betriebsgebundene Zusammenhänge lösen sich auf, Konkurrenz um Erwerbsmöglichkeiten nimmt zu, und die Bewältigung von Risiken verlagert sich stärker auf Einzelne und Familien. Auch zeitgenössische Untersuchungen berichten von Erfahrungen „sozialer Kälte” und Unsicherheit.

Barzels Begriff des „Egoismus” kann daher als alltagssprachliche Interpretation eines realen Strukturwandels gelesen werden, ohne dass damit ihre gesellschaftliche Generalisierung insgesamt bestätigt wäre.

Gerade hier wird der Realitätscheck produktiv: Er fragt nicht, ob Barzel mit ihrer Gesellschaftsdiagnose einfach „recht” oder „unrecht” hat, sondern welche beobachtbaren Veränderungen darin bezeichnet werden und welche weitergehenden Kausalannahmen oder Verallgemeinerungen zusätzlich geprüft werden müssen.

Ein Deutungsrahmen, an dem beide Ordnungen gemessen werden

Hinter Barzels Bewertungen lässt sich ein relativ deutlicher Maßstab rekonstruieren. Zu einem guten Leben gehören für sie gesicherte Arbeit und Wohnung, Familie und ein sozialer Zusammenhang, in dem Menschen füreinander da sind, sich gegenseitig helfen, offen miteinander umgehen und selbst etwas beitragen können.

Dieser Maßstab ist nicht mit einer einfachen Präferenz für die DDR identisch. Gerade ihre Aussage über den Sozialismus zeigt, dass sie auch die alte Ordnung daran misst und als unzureichend erlebt, wo deren tatsächliche Praxis den eigenen Ansprüchen widerspricht.

Damit lässt sich ihr Deutungsrahmen neutraler fassen:

Gesellschaftliche Verhältnisse werden danach beurteilt, ob sie Sicherheit und soziale Einbindung ermöglichen und ob Menschen innerhalb dieser Verhältnisse wechselseitig Verantwortung übernehmen und selbst etwas beitragen können.

An diesem Maßstab kann Barzel sowohl die DDR als auch die nach 1989 entstehende Ordnung kritisieren.

Politische Enttäuschung: zwischen zwei institutionellen Ordnungen

Barzels politische Erfahrung unterscheidet sich damit sowohl von Tikovsky als auch von März und Flieger. Sie war SED-Mitglied und hatte Vertrauen in politische Versprechen investiert. Dieses Vertrauen war bereits durch ihre Erfahrungen mit der realen Partei beschädigt. Nach dem Ende der DDR findet sie aber auch unter den neuen Bedingungen zunächst keinen stabilen institutionellen Zusammenhang, der ihren Erwartungen entspricht.

Sie steht insofern tatsächlich „zwischen allen Stühlen”. Die alte Ordnung hat für sie ihre Glaubwürdigkeit verloren; die neue Ordnung eröffnet zwar andere Möglichkeiten, verschafft ihr selbst aber bislang weder eine stabile Erwerbsposition noch einen vergleichbaren Zusammenhang von Arbeit, Sicherheit und sozialer Einbindung.

Auch ihre Bereitschaft zu politischer Beteiligung nimmt später ab. Dieser Befund gehört zu ihrer Transformationsbiographie. Aus ihm lässt sich jedoch nicht rückwirkend auf eine bestimmte spätere politische Orientierung schließen.

Realitätscheck: Ihr Handlungsraum ist tatsächlich eng

Der Realitätscheck verändert die Interpretation des Falles erheblich. Barzel besitzt ungünstige berufliche Ausgangsbedingungen. Ihr Industriezweig und die Betriebsform, in der sie beschäftigt ist, befinden sich in einem tiefgreifenden Strukturbruch. Ihre geringe formale Qualifikation eröffnet nur begrenzte Anschlussmöglichkeiten; hinzu kommen Alter und Geschlecht als erschwerende Arbeitsmarktfaktoren. Auch Weihrich selbst beschreibt ihre Voraussetzungen für eine neue berufliche Einbindung als schlecht.

Die Umschulung stellt eine reale neue Möglichkeit dar. Sie garantiert jedoch keinen Arbeitsplatz. Auch mit erfolgreichem Abschluss wäre deshalb nicht gesichert gewesen, dass Barzel eine stabile neue Erwerbsposition gefunden hätte.

Gleichzeitig gibt es einen individuellen Anteil an ihrem weiteren Verlauf: Indem sie die fehlende Abschlussprüfung nicht wiederholt, nutzt sie ihren vorhandenen Handlungsraum nicht vollständig.

Beides muss nebeneinander stehen:

Barzel lässt eine konkrete Möglichkeit ungenutzt; ihr insgesamt enger beruflicher Handlungsraum lässt sich daraus aber nicht erklären.

Gerade diese Verbindung von realer struktureller Begrenzung und eigener Entscheidung verhindert sowohl eine reine Opfererzählung als auch eine reine Anpassungsdefiziterzählung.6

Familie als Ort der Bewältigung

Der Realitätscheck macht darüber hinaus eine Veränderung sichtbar, die über Barzels individuelle Erwerbsbiographie hinausgeht. Mit dem Betrieb verschwindet nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern ein Zusammenhang, in dem Erwerbsarbeit, soziale Beziehungen und bestimmte Sicherungsfunktionen miteinander verbunden waren. Gleichzeitig wird die Familie für die Bewältigung der neuen Risiken wichtiger.

Barzel organisierte weiterhin Haushalt und Familie, trug zur neuen Erwerbsposition ihres Mannes bei und nutzte persönliche Beziehungen zur Problemlösung. Die Familie blieb damit nicht einfach ein unveränderter privater Rest der alten Lebensführung. Sie übernahm unter den neuen Bedingungen zusätzliche Bedeutung für die Stabilisierung der Lebenssituation.

Daraus ergibt sich eine weitergehende Prüffrage, die der Fall selbst noch nicht abschließend beantworten kann: In welchem Umfang werden Sicherungs- und Integrationsleistungen, die zuvor stärker betrieblich oder institutionell vermittelt waren, nun von Individuen, Familien und persönlichen Netzwerken übernommen?

Bei Barzel ist eine solche Verschiebung plausibel sichtbar. Wie weit sie gesellschaftlich verallgemeinert werden kann, muss später geprüft werden.

Verhältnis zu Weihrich: „Paternalismus” erklärt einen Teil, aber nicht den Verlauf insgesamt

Weihrichs Begriff der „Paternalismusorientierung” macht einen wichtigen Aspekt sichtbar. Barzel hat sich unter Bedingungen entwickelt, in denen institutionell vorgezeichnete Wege eine größere Sicherheit versprachen. Auch die angebotene Umschulung scheint sie zunächst stärker als solchen Weg zu behandeln, als dies unter den neuen Arbeitsmarktbedingungen gerechtfertigt ist. Sie entwickelt keine ausgeprägte langfristige individuelle Berufsstrategie, und die nicht wiederholte Abschlussprüfung zeigt eine tatsächlich nicht genutzte Möglichkeit.

Problematisch wird die Interpretation erst, wenn daraus die hauptsächliche Erklärung ihres Transformationsverlaufs wird.

Denn Barzels Handeln zeigt zugleich Selbständigkeit, praktische Organisationsfähigkeit und erhebliche Verantwortungsübernahme. Vor allem aber waren ihre beruflichen Möglichkeiten tatsächlich eingeschränkt. Der Realitätscheck trägt daher nicht den stärkeren Schluss, sie hätte bei angemessenerer Wahrnehmung und konsequenterer individueller Anpassung mit hoher Wahrscheinlichkeit eine stabile Erwerbsposition erreichen können.

Hinzu kommt, dass der Begriff des Paternalismus einen wesentlichen Bestandteil ihres sozialen Maßstabs nur unvollständig erfasst. Barzel erwartet Fürsorge nicht nur von Institutionen. Sie leistet selbst Fürsorge und Unterstützung. Ihr Verhältnis zu sozialen Zusammenhängen ist reziproker, als es die Vorstellung einer bloßen Versorgungserwartung nahelegt.

Damit wird auch hier die Gegenfrage zur Anschlussfähigkeit notwendig: Nicht nur, welche ihrer bisherigen Orientierungen unter den neuen Bedingungen funktionieren, sondern welche Möglichkeiten diese Bedingungen ihr bieten, ihre vorhandenen Fähigkeiten einzusetzen und zentrale Ziele ihrer Lebensführung zu realisieren.

Bilanz: Sie schließt einige Lücken – die zentrale berufliche bleibt offen

Unter einem engen arbeitsmarktbezogenen Erfolgskriterium ist Barzels Transformation eindeutig ungünstig. Sie verliert ihren Arbeitsplatz, die Umschulung führt nicht zu einer neuen stabilen Beschäftigung, und eine Abschlussprüfung bleibt unvollendet.

Betrachtet man dagegen ihre gesamte Lebensführung, ergibt sich ein differenzierteres Bild. Sie qualifiziert sich beruflich neu, organisiert die Familie unter erheblich verschlechterten materiellen Bedingungen, trägt zur Sicherung der Erwerbsposition ihres Mannes bei, hält soziale Beziehungen aufrecht, hilft anderen und stellt selbst in der neuen Umschulungssituation wieder soziale Gemeinschaft her.

Sie kann damit einige der durch die Transformation entstandenen Lücken praktisch schließen. Eine für ihr gutes Leben zentrale Lücke – die eigene stabile Erwerbsintegration – kann sie nicht schließen.

Gerade diese Lücke wirkt auf andere Lebensbereiche zurück. Fehlende Erwerbsarbeit bedeutet für sie nicht nur Einkommensverlust. Sie beschränkt materielle Sicherheit, soziale Teilhabe, die Möglichkeit, für andere etwas zu tun, und ihre eigene institutionelle Einbindung.

Barzels Fall lässt sich deshalb als kumulativer Verlust trotz erheblicher Anpassungs- und Bewältigungsleistung beschreiben. Sie ist weder lediglich Opfer der Verhältnisse noch scheitert sie einfach an mangelnder Anpassungsfähigkeit. Sie handelt unter Bedingungen, in denen manche ihrer Fähigkeiten weiterhin wirksam sind – besonders innerhalb von Familie und sozialen Beziehungen –, diese Tätigkeiten aber keinen Weg in eine stabile eigene Erwerbsposition eröffnen.

Der Fall macht damit besonders deutlich, dass der Erfolg einer Transformation nicht allein an der individuellen Erwerbsbiographie abgelesen werden kann. Zu untersuchen ist ebenso, welche Aufgaben Menschen zur Stabilisierung ihres Lebenszusammenhangs tatsächlich übernehmen, wo diese Tätigkeiten wirksam werden und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen sie ihre eigenen zentralen Lebensziele damit erreichen können.

7. Vergleich der FälleWarum unterschiedliche Transformationsverläufe weder durch politische Herkunft noch durch „Anpassungsfähigkeit” allein erklärt werden können.

Die vier Fälle zeigen vier deutlich verschiedene Verläufe desselben gesellschaftlichen Umbruchs. Flieger erschloss sich nach dem Verlust seiner bisherigen Institution ein neues berufliches Feld und erweiterte seine beruflichen und materiellen Möglichkeiten erheblich. März konnte wesentliche Bestandteile ihrer bisherigen Lebensführung unter veränderten institutionellen Bedingungen bewahren beziehungsweise wiederherstellen. Tikovsky verlor berufliche, soziale und politische Realisierungsmöglichkeiten, obwohl er den gesellschaftlichen Veränderungen grundsätzlich offen gegenüberstand und selbst aktiv nach neuen Möglichkeiten suchte. Bei Barzel kumulierten berufliche, materielle und soziale Verluste, obwohl auch sie erhebliche Anpassungs- und Bewältigungsleistungen erbrachte.

Diese Unterschiede lassen sich weder auf die politische Haltung der Betroffenen noch auf unterschiedliche Grade individueller Anpassungsbereitschaft zurückführen. Der Vergleich verweist vielmehr auf ein komplexeres Verhältnis zwischen bereits ausgebildeter Lebensführung, eigenem Handeln und den Möglichkeiten, die unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen tatsächlich verfügbar werden.

Derselbe Umbruch trifft auf verschiedene Lebensführungen

1989/90 verändern sich für alle vier Personen zentrale institutionelle Bedingungen. Was dies konkret bedeutet, hängt jedoch davon ab, wie ihr bisheriges Leben organisiert war.

Fliegers berufliche Position als Politoffizier verlor mit der NVA vollständig ihre institutionelle Grundlage. Dennoch konnte er Fähigkeiten, die er innerhalb dieses Zusammenhangs erworben oder entwickelt hatte, in einem neu expandierenden Berufsfeld verwenden. Bei März blieb mit dem Warenhaus dagegen ein zentraler biographischer Ort bestehen. Ihre politische Funktion verschwand, ihre berufliche Erfahrung blieb jedoch teilweise verwendbar, und sie erreichte erneut eine Leitungsposition. Tikovskys industrieller Arbeitsplatz und damit ein für ihn wichtiger beruflicher und sozialer Zusammenhang verschwanden, ohne dass ein vergleichbarer neuer entstand. Bei Barzel wurde mit dem Kombinat die Erwerbsgrundlage beider Ehepartner bedroht; zugleich ging ein sozialer Zusammenhang verloren, der für ihre Vorstellung guter Arbeit besonders wichtig war.

Damit gibt es nicht einfach eine Transformation, die vier Menschen unterschiedlich wahrnehmen. Derselbe makrogesellschaftliche Umbruch bringt für sie tatsächlich unterschiedliche konkrete Veränderungen hervor.

Die Perspektivdifferenz zwischen den Fällen ist deshalb nicht notwendig eine Verzerrungsdifferenz. Wenn Flieger neue Möglichkeiten wahrnimmt, während Tikovsky oder Barzel eine Verengung ihrer Möglichkeiten erleben, können beide Beschreibungen gleichzeitig realitätsangemessen sein. Sie beziehen sich auf unterschiedliche konkrete Positionen innerhalb desselben gesellschaftlichen Wandels.

Politische Ausgangsposition und Transformationsergebnis fallen auseinander

Besonders auffällig ist, dass die politische Ausgangsposition wenig über die spätere Bilanz der Transformation aussagt.

Tikovsky war parteilos, DDR-kritisch und der Bürgerbewegung nah. Er verband mit dem politischen Umbruch eigene Erwartungen an gesellschaftliche Beteiligung und demokratische Veränderung. Dennoch gehörte er zu den Fällen mit deutlichen beruflichen und sozialen Verlusten und erlebte zusätzlich eine zunehmende politische Enttäuschung.

Flieger steht als Politoffizier der NVA beruflich wesentlich näher an einer zentralen politischen Institution der DDR. Gerade er kann unter den neuen Bedingungen seine beruflichen und materiellen Möglichkeiten am stärksten erweitern. Der Verlust seiner politisch gebundenen beruflichen Position führt im Interviewmaterial nicht zu einer vergleichbaren politischen Verlusterzählung.

März war SED-Mitglied und hauptamtlich in der Parteiorganisation ihres Warenhauses tätig. Diese politische Funktion verschwand, ohne dass daraus eine zentrale politische Enttäuschungsgeschichte entstand. Sie konzentrierte sich auf die Wiederherstellung beruflicher Stabilität innerhalb des fortbestehenden Betriebs.

Barzel war ebenfalls SED-Mitglied, hatte aber bereits vor dem Ende der DDR Erfahrungen politischer Enttäuschung gemacht. Sie hält an bestimmten sozialistischen Vorstellungen fest, ohne die tatsächliche DDR deshalb unkritisch zu bewerten. Unter den neuen Bedingungen verliert sie wiederum wesentliche Voraussetzungen eines Lebens, das ihren Maßstäben von Sicherheit und sozialer Einbindung entspricht.

Damit scheidet eine einfache Erklärung aus, nach der spätere Verlusterfahrungen wesentlich aus einer besonderen politischen Bindung an die DDR hervorgegangen seien. Umgekehrt schützt Distanz zur DDR nicht vor Verlusten.

Politische Ausgangsposition, Bewertung des Systemwechsels und konkrete Transformationsbilanz sind unterschiedliche Dimensionen.

Das ist auch für spätere Untersuchungen politischer Neuorientierung wichtig. Aus der institutionellen oder politischen Position eines Menschen vor 1989 lässt sich nicht unmittelbar ableiten, wie er die nachfolgende Entwicklung erlebt und bewertet.

Alle vier handeln – mit unterschiedlichen Ergebnissen

Ebenso wenig trägt eine Gegenüberstellung von aktiven und passiven Transformationsbewältigern.

Flieger handelt früh und konsequent: Er bewirbt sich, wechselt das Berufsfeld, qualifiziert sich und macht sich später selbständig. Seine Aktivitäten führen zu einer erheblichen Erweiterung seines beruflichen Handlungsraums.

Aber auch Tikovsky handelte. Er nahm an Qualifizierungen teil, interessierte sich für neue Berufsfelder, engagierte sich für eine Auffanggesellschaft und suchte weiterhin Möglichkeiten gesellschaftspolitischer Beteiligung. Trotzdem gelang ihm keine dauerhafte berufliche Neuorientierung.

März handelt wiederum anders. Ihre Leistung besteht weniger darin, einen völlig neuen Weg einzuschlagen, als unter veränderten Bedingungen Kontinuität herzustellen. Sie akzeptiert neue institutionelle Anforderungen, arbeitet sich erneut in eine Leitungsposition und versucht zugleich, eigene Maßstäbe von Verantwortung und sozialer Zuwendung weiterzuführen.

Auch Barzel bleibt aktiv. Sie absolviert nahezu vollständig eine Umschulung, organisiert die Familie unter erschwerten Bedingungen, mobilisiert soziale Kontakte für die Erwerbsintegration ihres Mannes und stellt soziale Zusammenhänge auch außerhalb ihres früheren Betriebes her. Gleichzeitig lässt sie mit der nicht wiederholten Abschlussprüfung eine konkrete Möglichkeit ungenutzt. Dennoch kann ihr weiterer Verlauf nicht daraus allein erklärt werden.

Der Vergleich legt deshalb eine wichtige Unterscheidung nahe:

Handeln ist eine notwendige Größe zur Erklärung von Lebensverläufen, sein Ergebnis hängt aber davon ab, worauf dieses Handeln trifft.

Initiative kann einen vorhandenen Handlungsraum nutzen oder erweitern. Sie kann jedoch nicht beliebige berufliche, institutionelle oder soziale Möglichkeiten erzeugen.

Fähigkeiten besitzen keinen von den Verhältnissen unabhängigen Gebrauchswert

Besonders deutlich wird dies am unterschiedlichen Schicksal vorhandener Fähigkeiten und Erfahrungen.

Fliegers formale militärisch-politische Position verliert ihren bisherigen institutionellen Gebrauch. Kommunikations-, Organisations-, Führungs- und Überzeugungsfähigkeiten lassen sich dagegen in die Versicherungswirtschaft übertragen und werden dort stark nachgefragt.

Bei März verschwindet ebenfalls eine politisch gebundene Funktion. Betriebskenntnis, Organisationserfahrung, Personalführung und Verantwortungsfähigkeit bleiben jedoch innerhalb des fortbestehenden Warenhauses verwendbar.

Tikovskys industrielle Qualifikation verliert unter den Bedingungen des massiven Beschäftigungsabbaus einen Teil ihrer bisherigen Verwendungsmöglichkeiten. Seine Fähigkeiten in Haushalt, Kinderbetreuung und sozialen Beziehungen bleiben für seine Lebensführung bedeutsam, eröffnen ihm aber keinen vergleichbaren institutionellen Zugang zu Erwerbsarbeit. Für eine von ihm erwogene Tätigkeit im sozialen Bereich fehlt wiederum die erforderliche formale Qualifikation.

Bei Barzel zeigt sich praktische Organisationsfähigkeit besonders deutlich innerhalb der Familie und sozialer Netzwerke. Sie trägt beispielsweise dazu bei, für ihren Mann eine neue Arbeitsmöglichkeit zu erschließen. Dieselbe Handlungsfähigkeit verschafft ihr jedoch keine eigene stabile Erwerbsposition.

Daraus folgt ein für die Transformationsanalyse zentraler Befund:

Fähigkeiten sind nicht einfach vorhanden und mehr oder weniger gut „angepasst”. Gesellschaftliche Institutionen entscheiden mit darüber, welche Fähigkeiten verwendbar werden, wo sie nachgefragt werden und welche Tätigkeiten Zugang zu Einkommen, Status oder anderen Ressourcen eröffnen.

Transformation verändert deshalb nicht nur Menschen und Institutionen. Sie verändert auch die Relationen zwischen Fähigkeiten und ihren gesellschaftlichen Verwendungsmöglichkeiten.

Institutionelle Kontinuität ist selbst eine Ressource

Der Vergleich von Flieger und März macht einen weiteren Unterschied sichtbar.

Flieger verlor seinen bisherigen institutionellen Zusammenhang vollständig. Sein erfolgreicher Verlauf setzte voraus, dass er einen neuen fand. März verfügte dagegen mit dem fortbestehenden Warenhaus über einen institutionellen Anker. Zwar verändern sich dort Eigentumsverhältnisse, Hierarchien, Personalbestand und Arbeitsbeziehungen tiefgreifend; dennoch bleiben Betriebskenntnis, Kontakte und berufliche Erfahrung in einem konkreten Zusammenhang verwendbar.

Tikovsky und Barzel verlieren diesen Anker. Ihre Betriebe bieten keine vergleichbare Grundlage für die Fortsetzung ihrer bisherigen beruflichen Entwicklung. Beide müssen nach neuen institutionellen Zusammenhängen suchen.

Damit erscheint Kontinuität nicht mehr lediglich als persönliche Eigenschaft oder als Festhalten am Gewohnten. Institutionelle Kontinuität kann selbst eine Voraussetzung dafür sein, dass biographische Kontinuität hergestellt werden kann.

März konnte bewahren, weil sie handelte – aber auch, weil etwas vorhanden blieb, woran ihr Handeln anknüpfen konnte.

Formale Möglichkeiten und tatsächlich nutzbarer Handlungsraum sind nicht dasselbe

Alle vier Fälle machen außerdem deutlich, dass die bloße Existenz neuer Möglichkeiten wenig darüber aussagt, wer sie tatsächlich nutzen kann.

Für Flieger entstand mit der Versicherungswirtschaft ein Tätigkeitsfeld, das seinen Fähigkeiten und Zielen entgegenkam. Er konnte die neue Möglichkeit erkennen und realisieren.

Auch Tikovsky verfügte formal über neue Möglichkeiten. Er konnte sich qualifizieren, nach anderen Tätigkeiten suchen und sich politisch neu organisieren. Seine konkrete berufliche Lage wurde dadurch jedoch nicht vergleichbar offen. Seine Qualifikation, sein Alter, gesundheitliche Voraussetzungen und die Struktur des Arbeitsmarktes begrenzten seinen tatsächlich nutzbaren Handlungsraum.

Barzel erhielt mit der Umschulung ebenfalls eine neue Möglichkeit. Diese verbesserte ihre Qualifikation, garantierte aber keine neue Beschäftigung. Ihre Entscheidung, die fehlende Prüfung nicht zu wiederholen, reduzierte ihren Handlungsraum zusätzlich, erklärte dessen vorherige Begrenzung jedoch nicht.

März wiederum verfügt über eine Möglichkeit, die gerade deshalb besonders wertvoll ist, weil sie an bereits vorhandene Erfahrung anschließt: Der Betrieb bleibt bestehen und eröffnet ihr erneut eine berufliche Entwicklung.

Damit ist zwischen Optionsraum und Handlungsraum zu unterscheiden. Eine gesellschaftliche Ordnung kann formal zahlreiche Möglichkeiten eröffnen, ohne dass sie für alle Menschen unter ihren konkreten Voraussetzungen gleichermaßen realisierbar sind.

Erwerbserfolg und Gesamtbilanz der Lebensführung fallen auseinander

Besonders deutlich verändert sich das Bild, sobald die Fälle nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Erwerbsarbeit betrachtet werden.

Flieger war beruflich der eindeutig erfolgreichste Fall. Sein Einkommen, seine berufliche Selbständigkeit und seine Entwicklungsmöglichkeiten nahmen erheblich zu. Gleichzeitig wurde seine verfügbare Zeit knapp, soziale Kontakte wurden schwieriger zu organisieren, und sein intensiver beruflicher Einsatz setzte voraus, dass ein großer Teil der Familien- und Alltagsarbeit von seiner Frau übernommen wurde. Deren eigene berufliche Entwicklung verlief deutlich weniger geradlinig.

März ist ebenfalls beruflich erfolgreich, allerdings auf andere Weise. Sie bewahrt ihren betrieblichen Ort und stellt eine Leitungsposition wieder her. Gleichzeitig verschwinden ihre politische Tätigkeit und frühere soziale Selbstverständlichkeiten innerhalb des Betriebs. Der Wegfall politischer Verpflichtungen eröffnet ihr wiederum zusätzliche Zeit.

Tikovsky verlor seine Erwerbsintegration, obwohl Arbeit für ihn nicht den alleinigen Mittelpunkt eines guten Lebens bildete. Gerade deshalb traf ihn der Verlust in mehreren Dimensionen: Einkommen, betriebliche Sozialkontakte und ein Bestandteil seiner gesellschaftlichen Einbindung verschwanden gleichzeitig.

Bei Barzel verschlechtert sich die Erwerbs- und Einkommenslage besonders stark. Das wirkt wiederum auf ihre Möglichkeiten sozialer Teilhabe und Unterstützung anderer zurück. Gleichzeitig trägt sie erheblich zur Stabilisierung der Familie bei.

Eine Transformationsbilanz kann daher nicht aus Beschäftigungsstatus und Einkommen allein gebildet werden. Zu berücksichtigen sind mindestens materielle Ressourcen, Sicherheit, Anerkennung, Zeit, soziale Beziehungen, politische Beteiligung, familiale Arbeit, die Verwendbarkeit vorhandener Fähigkeiten und die Realisierbarkeit eigener Lebensziele.

Dabei können innerhalb desselben Lebensverlaufs Gewinne und Verluste nebeneinanderstehen.

Familie und soziale Beziehungen sind Güter und Bewältigungsressourcen zugleich

Die vier Fälle zeigen besonders deutlich, dass Familie und soziale Beziehungen nicht lediglich den privaten Hintergrund der eigentlichen Erwerbsbiographie bilden.

Für Tikovsky gehören Familie, Freunde und Geselligkeit selbst zu den zentralen Gütern eines guten Lebens. Seine Beteiligung an Haushalt und Kinderbetreuung ist Bestandteil seiner bereits zuvor ausgebildeten Lebensführung.

Fliegers Familie bietet ihm das von ihm selbst so bezeichnete „Hinterland”, das einen hohen beruflichen Einsatz ermöglicht. Die Arbeit seiner Frau und zeitweise ihrer Mutter gehört damit zu den Voraussetzungen seines erweiterten beruflichen Handlungsraums.

März trägt trotz ihrer beruflichen Verantwortung weiterhin den überwiegenden Teil der Hausarbeit. Gleichzeitig versucht sie, soziale Verantwortlichkeit auch innerhalb ihres veränderten betrieblichen Zusammenhangs aufrechtzuerhalten.

Barzel organisierte Haushalt und Familie, unterstützte die berufliche Neuorientierung ihres Mannes und erhielt soziale Beziehungen auch unter knapper werdenden materiellen Bedingungen. Ihre Fähigkeiten blieben damit gesellschaftlich wirksam, ohne dass diese Wirksamkeit in ihrer eigenen Erwerbsbilanz sichtbar wurde.

Mit der Aufnahme von Freunden ihrer Söhne reicht diese Bewältigungsleistung über die Kernfamilie hinaus. Barzels Haushalt wird zeitweise zu einem informellen Auffangort für Jugendliche, deren Übergang in Ausbildung, Beruf und selbständige Lebensführung ebenfalls durch den Umbruch verunsichert ist. Damit erscheint eine weitere Generation im Material, obwohl sie nicht selbst zum untersuchten Panel gehört.

Daraus ergibt sich eine wichtige Erweiterung der Transformationsanalyse. Zu untersuchen sind auch Tätigkeiten, die zur Bewältigung von Transformationsfolgen in Familien und sozialen Netzwerken beitragen, ohne in individuellen Erwerbserfolgsindikatoren sichtbar zu werden.

Zugleich stellt sich die weitergehende Frage, ob und in welchem Umfang sich während der Transformation Aufgaben zwischen Institutionen, Betrieben, Familien und persönlichen Netzwerken verschoben haben. Die vier Fälle geben dafür Hinweise, reichen aber für eine gesellschaftliche Verallgemeinerung nicht aus.

Weibliche Erwerbstätigkeit und private Reproduktionsarbeit geraten neu unter Druck

Im Vergleich der Fälle wird eine geschlechtsspezifische Konstellation sichtbar, die weder mit der einfachen Formel einer „traditionellen” DDR-Familie noch mit einer linearen Modernisierungserzählung angemessen erfasst ist. Weibliche Erwerbstätigkeit ist für März, Barzel und Frau Flieger ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens. Zugleich bleibt die Verantwortung für Haushalt, Kinder und die praktische Sicherung des Familienalltags überwiegend weiblich zugewiesen. Tikovsky bildet hierzu einen auffälligen Gegenfall: Seine Zuständigkeit für Haushalt und Kinderbetreuung gehört bereits vor der Transformation zu seiner Lebensführung.

Dieses Arrangement beruhte nicht allein auf privater Arbeitsteilung. Die Verbindung von Erwerbsarbeit und Familie wurde in der DDR durch betriebliche und gesellschaftliche Leistungen unterstützt. Wenn solche Unterstützungen im Zuge der Transformation entfallen oder ihre bisherige Funktion verlieren, verschwindet die private Rollenzuweisung nicht automatisch mit. Die zusätzlich zu schließenden Lücken fallen deshalb vor allem den Frauen zu.

Bei Flieger lässt sich die Folge besonders deutlich erkennen. Seine neuen beruflichen Möglichkeiten verlangen einen hohen Zeit- und Arbeitseinsatz. Nutzbar werden sie auch deshalb, weil seine Frau und zeitweise ihre Mutter die Reproduktionsarbeit absichern. Frau Fliegers eigene berufliche Neuorientierung muss mit dieser Aufgabe vereinbart werden. Die traditionelle Arbeitsteilung ist daher nicht nur ein aus der DDR fortwirkendes Familienmuster. Sie wird unter den neuen Bedingungen für Fliegers beruflichen Erfolg funktional und kann durch dessen Anforderungen verstärkt werden.

Auch März und Barzel tragen die Herstellung des Lebenszusammenhangs in erheblichem Umfang. Bei März bleibt diese Leistung hinter ihrer beruflichen Kontinuität leicht unsichtbar. Bei Barzel tritt sie gerade dann hervor, als die eigene Erwerbsintegration misslingt: Sie stabilisiert Familie und Beziehungen, hilft bei der beruflichen Sicherung ihres Mannes und übernimmt Sorgeleistungen für andere. Diese Tätigkeiten sind real und gesellschaftlich notwendig, eröffnen ihr aber weder eine eigene Erwerbsposition noch dieselbe soziale Anerkennung.

Der Befund lautet deshalb zunächst begrenzt: In drei der vier untersuchten Lebenszusammenhänge geraten Frauen zusätzlich unter Druck, als gesellschaftliche und betriebliche Unterstützungen wegbrechen oder unzureichend werden, während die private Zuständigkeit für Reproduktionsarbeit fortbesteht. Die Fälle belegen nicht, wie verbreitet diese Konstellation in Ostdeutschland insgesamt war. Sie zeigen aber konkret, weshalb Transformationsfolgen nicht allein anhand individueller Erwerbsverläufe untersucht werden können.

Soziale Beziehungen verändern sich auf verschiedenen Wegen

Auffällig ist, dass Veränderungen sozialer Beziehungen in allen vier Fällen vorkommen, obwohl die Erwerbsverläufe sehr verschieden sind.

Tikovsky verlor mit seinem Arbeitsplatz einen selbstverständlichen Ort alltäglicher Kontakte. Hinzu kamen der Wegzug eines Freundes und der Verlust anderer spontaner Treffpunkte.

Barzel verlor ebenfalls den betrieblichen Sozialzusammenhang und versuchte, ähnliche Formen gegenseitiger Unterstützung in der Umschulung, Familie und persönlichen Netzwerken neu herzustellen.

Bei März blieb der Betrieb bestehen, doch Personalabbau, Konkurrenz und auseinanderlaufende Lebensverläufe veränderten die Beziehungen innerhalb und außerhalb des Betriebs.

Bei Flieger entstand das Problem auf beinahe entgegengesetztem Weg: Sein beruflicher Erfolg beanspruchte so viel Zeit, dass Kontakte zu Freunden schwieriger wurden.

Damit kann soziale Diskontinuität sowohl durch Verlust institutioneller Einbindung als auch durch Veränderung fortbestehender Institutionen oder durch intensive Nutzung neuer beruflicher Möglichkeiten entstehen.

Der Vergleich warnt deshalb vor einer einfachen Gegenüberstellung von beruflichem Erfolg und sozialem Verlust.

Politische Beteiligung geht in allen vier Fällen zurück

Eine auffällige Gemeinsamkeit besteht darin, dass politische Tätigkeit nach der Transformation bei allen vier Personen weniger Raum einnahm – allerdings aus sehr unterschiedlichen Ausgangslagen. Tikovsky blieb politisch interessiert, fand aber keine Organisationsform, die seinen Beteiligungserwartungen entsprach. Flieger und März verloren institutionell gebundene politische Tätigkeiten; bei beiden trat keine vergleichbare neue Einbindung an deren Stelle. Barzels politische Bindung war bereits vor dem Ende der DDR durch Enttäuschungen beschädigt und nahm danach weiter ab.

Der Befund fällt weder mit früherer DDR-Nähe noch mit beruflichem Transformationserfolg zusammen. Aus vier Fällen lässt sich daraus keine allgemeine politische Entmobilisierung ableiten. Sie erzeugen aber eine Prüffrage: Warum verlieren organisierte politische Beteiligungsformen bei Menschen mit sehr unterschiedlichen politischen Biographien und Transformationserfahrungen an Bedeutung? Dabei sind der Wegfall früherer Einbindungen, die Verlagerung von Zeit und Aufmerksamkeit sowie Enttäuschung über Beteiligungsmöglichkeiten auseinanderzuhalten.7

Die Situationsvorstellungen besitzen einen erheblichen realen Erfahrungskern

Die Realitätschecks zeigen, dass die konkreten Situationsdiagnosen der vier Personen jeweils einen erheblichen realen Erfahrungskern besitzen: Tikovskys beruflicher Handlungsraum war tatsächlich eng, Flieger fand reale neue Möglichkeiten, März erlebte zugleich Kontinuität und tiefgreifenden Wandel, und Barzels kumulierende Unsicherheit beruhte auf konkreten Veränderungen ihrer Lebensbedingungen.

Das bestätigt nicht automatisch ihre Kausalerklärungen oder gesellschaftlichen Verallgemeinerungen. Gerade deshalb müssen Situationsdiagnose, Kausalerklärung und gesellschaftliche Verallgemeinerung voneinander unterschieden und jeweils gesondert geprüft werden.

Vier Verläufe statt Gewinner und Verlierer

Am Ende lassen sich die vier Fälle in einer knappen Gegenüberstellung charakterisieren:

  • Tikovsky: Verlust beruflicher und sozialer Möglichkeiten sowie politische Enttäuschung trotz Veränderungsbereitschaft und eigener Veränderungserwartungen.

  • Flieger: starke berufliche und materielle Expansion durch das Zusammentreffen eigener Aktivität, verwendbarer Fähigkeiten, eines günstigen neuen Tätigkeitsfeldes und familialer Voraussetzungen.

  • März: aktiv hergestellte Kontinuität innerhalb eines fortbestehenden institutionellen Zusammenhangs, dessen politische, betriebliche und soziale Relationen sich tiefgreifend verändern.

  • Barzel: kumulative berufliche, materielle und soziale Verluste trotz erheblicher Anpassungs-, Organisations- und Unterstützungsleistungen.

Diese vier Verläufe lassen sich nicht auf einer einfachen Achse von gelungener bis misslungener Anpassung anordnen. Sie unterscheiden sich vielmehr danach, welche Bestandteile einer vorhandenen Lebensführung ihre institutionelle Grundlage behalten, welche Fähigkeiten unter den neuen Bedingungen verwendbar werden, welche neuen Möglichkeiten tatsächlich zugänglich sind und welche eigenen Ziele dadurch realisiert oder beeinträchtigt werden.

Der gemeinsame Befund lautet deshalb nicht, dass die Transformation für die einen gut und für die anderen schlecht verlief. Er ist analytisch präziser:

Gesellschaftliche Transformation verändert die Bedingungen, unter denen Menschen ihre bereits ausgebildete Lebensführung fortsetzen, verändern oder neu organisieren können. Ihre Folgen entstehen im Verhältnis zwischen den Zielen, Fähigkeiten und Aktivitäten der Menschen und den institutionellen, materiellen und sozialen Möglichkeiten, die ihnen unter den veränderten Bedingungen tatsächlich zur Verfügung stehen.

Erst von diesem Befund aus lässt sich im nächsten Schritt genauer bestimmen, was gegenüber Weihrichs ursprünglicher Analyse durch die veränderte Untersuchungsperspektive zusätzlich sichtbar geworden ist.


Was der Vergleich zusätzlich sichtbar machtWas verändert sich gegenüber Weihrichs ursprünglicher Untersuchung, wenn Anschlussfähigkeit als Verhältnis zwischen Lebensführung und gesellschaftlichen Bedingungen betrachtet wird?

Die erneute Analyse ersetzt Margit Weihrichs Untersuchung nicht. Ihre qualitative Panelstudie und insbesondere ihr Konzept der alltäglichen Lebensführung machen es überhaupt erst möglich, die Transformationsverläufe über Erwerbsarbeit hinaus zu rekonstruieren. Die neue Untersuchung stellt jedoch teilweise andere Fragen an dasselbe Material.

Anschlussfähigkeit als Verhältnis

Weihrich untersucht, wie bereits ausgebildete Formen alltäglicher Lebensführung unter grundlegend veränderten Bedingungen fortgeführt werden können und wie anschlussfähig sie an die neuen Verhältnisse sind. Der Fallvergleich legt nahe, die Blickrichtung systematisch zu erweitern:

Welche Anschlussmöglichkeiten bieten die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen für unterschiedliche bereits ausgebildete Lebensführungen?

Anschlussfähigkeit bezeichnet dann keine Eigenschaft einer Person oder Lebensführung allein. Sie beschreibt ein Verhältnis zwischen biographisch ausgebildeten Fähigkeiten, Zielen, Beziehungen und Handlungsweisen einerseits und institutionell bereitgestellten Verwendungs- und Realisierungsmöglichkeiten andererseits. Damit tritt zur Frage, wie Menschen mit veränderten Bedingungen zurechtkommen, gleichberechtigt die Frage, was diese Bedingungen unterschiedlichen Menschen ermöglichen.

Ein anderes Erkenntnisinteresse macht andere Zusammenhänge sichtbar

Unter dieser Fragestellung erhalten Bestandteile des Interviewmaterials größeres Gewicht, die bei Weihrich weniger zentral waren: familiale und soziale Bewältigungsleistungen, die unterschiedliche gesellschaftliche Verwendbarkeit vorhandener Fähigkeiten und die politische Dimension der Lebensverläufe. So wird beispielsweise bedeutsam, dass bei allen vier Personen die praktische politische Einbindung zurückging, obwohl ihre politischen Ausgangslagen und ihre Transformationsverläufe sehr verschieden waren.8

Auch die Reproduktionsarbeit erscheint in einem anderen Zusammenhang. Weihrich sieht, dass Fliegers berufliche Expansion auf einem familialen „Hinterland” beruht. Die erweiterte Perspektive fragt zusätzlich, welche gesellschaftlichen Bedingungen eine solche private Arbeitsteilung erforderlich oder funktional machen und welche Leistungen dadurch unsichtbar bleiben.

Der Unterschied liegt deshalb nicht notwendig im Material, sondern auch darin, was aufgrund unterschiedlicher Fragestellungen darin sichtbar und erklärungsbedürftig wird.

Situationsvorstellungen und wissenschaftliche Interpretation

Die vorliegende Untersuchung behandelt die Aussagen der Interviewten nicht nur als subjektive Deutungen, sondern unterscheidet Situationsdiagnosen, Kausalerklärungen und gesellschaftliche Verallgemeinerungen und prüft empirisch überprüfbare Bestandteile gesondert. Die Realitätschecks zeigen, dass wesentliche Situationsdiagnosen der vier Personen einen realen Erfahrungskern besitzen. Daraus folgt nicht, dass ihre weitergehenden Erklärungen zutreffen. Es folgt aber ebenso wenig, dass wissenschaftliche Interpretationen ihnen grundsätzlich überlegen wären.

Auch wissenschaftliche Kategorien erzeugen bestimmte Sichtbarkeiten. Begriffe wie „Anschlussfähigkeit”, „Paternalismusorientierung” oder „Betriebsblindheit” können Zusammenhänge bündeln, zugleich aber gesellschaftlich verursachte Einschränkungen als mangelnde Passung oder Eigenschaft einer Person erscheinen lassen. Dasselbe Problem gilt grundsätzlich auch für die hier verwendeten Kategorien. Der Realitätscheck hebt diese Perspektivität nicht auf; er soll verhindern, dass empirisch überprüfbare Annahmen ungeprüft in die Interpretation eingehen.

Die Erweiterung gegenüber Weihrich liegt damit vor allem in der Kausalrichtung des Blicks: Nicht nur die Lebensführung der Menschen wird daraufhin untersucht, wie sie unter neuen Bedingungen funktioniert. Ebenso wird gefragt, was die neuen Bedingungen mit ihren Fähigkeiten, Beziehungen, Zielen und Handlungsmöglichkeiten machen.

Transformationsergebnisse erscheinen so weder allein als Folge gesellschaftlicher Bedingungen noch als Folge individueller Anpassungsfähigkeit, sondern als Ergebnis ihres Verhältnisses.

ZwischenbilanzWas lässt sich aus vier Fällen bereits festhalten – und was gerade noch nicht?

Die vier Fälle ergeben keine repräsentative Geschichte der ostdeutschen Transformation. Sie erlauben aber eine kontrollierte inhaltliche Zwischenbilanz.

Erstens: Alle vier Personen reagieren aktiv auf den Umbruch. Unterschiede zwischen beruflicher Expansion, wiederhergestellter Stabilität und fortdauernder Verengung lassen sich daher nicht durch einen einfachen Gegensatz von Anpassungsbereitschaft und Passivität erklären.

Zweitens: Die Situationsvorstellungen der Befragten besitzen in ihren konkreten Diagnosen einen erheblichen realen Erfahrungskern. Das gilt für Tikovskys und Barzels Wahrnehmung eingeschränkter beruflicher Möglichkeiten ebenso wie für Fliegers Wahrnehmung neuer Chancen und März’ Erfahrung biographischer Kontinuität. Weitergehende Kausalerklärungen und gesellschaftliche Verallgemeinerungen bleiben davon getrennt zu prüfen.

Drittens: Fähigkeiten, Erfahrungen und Handlungsbereitschaft entfalten ihre Wirkung nur innerhalb gesellschaftlich bereitgestellter Möglichkeiten. Fliegers Fähigkeiten werden in einem neuen Berufsfeld verwertbar, März kann an einen fortbestehenden Betrieb anknüpfen, während Tikovsky und Barzel trotz eigener Aktivität auf engere berufliche Zugänge treffen. Anschlussfähigkeit ist deshalb relational.

Viertens: Eine reine Erwerbsbilanz erfasst die Transformation unvollständig. Soziale Beziehungen, politische Tätigkeit, verfügbare Zeit, familiale Unterstützung und Reproduktionsarbeit sind eigenständige Bestandteile der Lebenswirklichkeit. Sie wirken zugleich als Voraussetzungen dafür, ob berufliche Möglichkeiten genutzt und gesellschaftliche Brüche bewältigt werden können. Barzels Hilfe für Freunde ihrer Söhne zeigt zudem, dass solche Bewältigungsleistungen Folgen des Umbruchs für die jüngere Generation mit auffangen können.

Fünftens: In allen vier Fällen nimmt die praktische politische Einbindung ab, obwohl politische Ausgangslagen, Einstellungen und Transformationsergebnisse verschieden sind. Dieser Befund erlaubt keine Verallgemeinerung, begründet aber eine weiterführende Prüffrage nach dem Wandel der alltäglichen und institutionellen Einbettung politischer Beteiligung.

Für die Ausgangsfrage nach der heutigen Attraktivität des Rechtspopulismus ist damit noch keine Ursache nachgewiesen. Die frühen Erfahrungen sind ein möglicher Ausgangspunkt längerer Entwicklungen, deren weitere Verläufe erst untersucht werden müssen.

Wie es weitergehtWie die Untersuchung mit weiteren ost- und westdeutschen Interviews bis zur Gegenwart fortgesetzt werden soll.

Der erste Fallvergleich soll durch weitere Interviews erweitert werden. Benötigt werden Selbstdarstellungen von Menschen aus Ost- und Westdeutschland, die unterschiedliche gesellschaftliche Lagen, berufliche und soziale Milieus sowie politische Orientierungen repräsentieren. Für Ostdeutschland ist der historische Verlauf von den frühen Transformationserfahrungen bis zur Gegenwart zu verfolgen; für Westdeutschland sind die dortigen Veränderungen von Arbeitswelt, sozialer Sicherheit, Lebensformen, Milieus und politischer Einbindung zu rekonstruieren.

Die Interviews werden nach demselben Grundprinzip ausgewertet: Zunächst werden Lebenswirklichkeit, Situationsvorstellung und Deutungsrahmen der Befragten rekonstruiert. Anschließend werden empirisch überprüfbare Aussagen und angenommene Handlungsmöglichkeiten einem Realitätscheck unterzogen. Dadurch soll erkennbar werden, welche Erfahrungen einen realen Kern besitzen, wo Kausalerklärungen oder Verallgemeinerungen nicht tragen und welche Unterschiede auf verschiedene Ziele und Wertmaßstäbe zurückgehen.

Diese rekonstruierten und geprüften Selbstdarstellungen sollen schließlich mit rechtspopulistischen politischen Angeboten verglichen werden. Zu untersuchen ist, welche Erfahrungen, Probleme und Erwartungen solche Angebote aufgreifen, wie sie diese deuten, welche Erklärungen und Handlungsmöglichkeiten sie anbieten und was davon für unterschiedliche Menschen anschlussfähig wird. Die AfD bildet dafür in Deutschland einen zentralen Untersuchungsgegenstand.

Erst aus der Verbindung von biographischem und historischem Verlauf, Realitätscheck und Angebotsanalyse lässt sich untersuchen, woran rechtspopulistische Deutungen und Versprechen in unterschiedlichen Situationsvorstellungen anschließen und was Menschen sich von ihnen erhoffen. Dabei wird weder ein einheitlicher Weg zum Rechtspopulismus unterstellt noch politische Neuorientierung unmittelbar aus einzelnen Verlusterfahrungen erklärt.

Begriffe nachschlagenKurze Erläuterungen der zentralen Begriffe des Orientierungsmodells.

Lebenswirklichkeit bezeichnet die konkreten materiellen, institutionellen, sozialen und biographischen Bedingungen, unter denen ein Mensch lebt und handelt. Sie ist nicht mit seiner Vorstellung von diesen Bedingungen identisch.

Situationsvorstellung bezeichnet das Bild, das ein Mensch sich für einen bestimmten Orientierungszweck von seiner gegenwärtigen Lage macht: vom eigenen Standort, von wichtigen Zielen und Werten, von bestehenden Problemen, Zusammenhängen und Handlungsmöglichkeiten. Sie enthält Wahrnehmungen und Erfahrungen, aber auch Deutungen, Annahmen und empirisch prüfbare Aussagen.

Deutungsrahmen bezeichnet relativ stabile Begriffe, Wertungen und Zusammenhangsannahmen, mit deren Hilfe Erfahrungen ausgewählt, geordnet und erklärt werden. Er beeinflusst die Situationsvorstellung, bestimmt sie aber nicht vollständig und ist aus einzelnen Aussagen nur vorsichtig zu rekonstruieren.

Realitätscheck bezeichnet die gesonderte Prüfung der empirisch überprüfbaren Bestandteile einer Situationsvorstellung. Geprüft werden konkrete Bedingungen und Handlungsmöglichkeiten sowie – soweit möglich – Kausalerklärungen und Verallgemeinerungen. Ziele und Wertmaßstäbe werden dadurch nicht als richtig oder falsch entschieden.

Handlungsraum bezeichnet nicht die Summe aller formal denkbaren Möglichkeiten, sondern diejenigen Möglichkeiten, die einer Person unter ihren konkreten Voraussetzungen tatsächlich zugänglich und nutzbar sind.

Anschlussfähigkeit wird in diesem Text relational verwendet. Sie ist keine feste Eigenschaft einer Person oder Lebensführung, sondern bezeichnet das Verhältnis zwischen vorhandenen Fähigkeiten, Zielen und Beziehungen einerseits und gesellschaftlich bereitgestellten Verwendungs- und Realisierungsmöglichkeiten andererseits.

Quellen und AnmerkungenBeleggrundlagen, externe Einordnungen und Grenzen der Realitätschecks.

  1. Grundlage des Vorgehens ist ein von der Autorin entwickeltes Orientierungsmodell. Es unterscheidet unter anderem Lebenswirklichkeit, Situationsvorstellung und Deutungsrahmen und verbindet deren Rekonstruktion mit einem gesonderten Realitätscheck; die im vorliegenden Text benötigten Fachbegriffe sind im Glossar erläutert. Die Autorin bestimmte Erkenntnisinteresse, Fragestellungen, Auswahl- und Vertiefungsentscheidungen sowie die Bewertung der Ergebnisse; bei ihr verblieben die Steuerungs-, Kontroll- und Urteilsverantwortung. Die KI wurde innerhalb dieses von der Autorin bestimmten Untersuchungsverfahrens als Arbeitsinstrument eingesetzt. Sie unterstützte insbesondere die Erschließung und Strukturierung umfangreichen Materials, die Suche nach Materialstellen und Gegenbelegen, die Entwicklung prüfbarer Alternativhypothesen, die Recherche externer Quellen sowie die Formulierung und Überarbeitung von Textentwürfen. Ihre Ergebnisse wurden nicht aufgrund sprachlicher Plausibilität übernommen, sondern in aufeinanderfolgenden Arbeits- und Prüfschritten am Ausgangsmaterial und an externer Evidenz kontrolliert. Rekonstruktion, Realitätscheck und Bewertung wurden dabei möglichst getrennt dokumentiert. Die KI kann Quellen übersehen, Aussagen falsch zuordnen, plausible Ergänzungen erfinden oder vorhandene Deutungsrahmen verstärken. Deshalb besitzt eine KI-Ausgabe in dieser Untersuchung keinen eigenen Belegstatus. Maßgeblich bleiben das dokumentierte Interviewmaterial, nachprüfbare externe Quellen und die ausdrücklich ausgewiesene argumentative Begründung. Die methodischen Möglichkeiten, Fehlerquellen und Kontrollschritte werden ausführlicher in der gesonderten methodischen Zwischenbilanz behandelt.↩︎

  2. Beleggrundlage des Realitätschecks: Primärmaterial: Weihrich, Kursbestimmungen, S. 177–192 und 219–225. Dort finden sich beide Tikovsky-Interviews, die Angaben zu Null-Stunden-Kurzarbeit, Qualifizierungsversuchen, Behinderung, Bewerbungen und sozialen Beziehungen sowie die Datierung auf Frühsommer 1991 und Sommer 1992. Zur Beschäftigungskrise bilanziert das IAB den Verlust von mehr als drei Millionen Arbeitsplätzen in Ostdeutschland und die nur teilweise Kompensation durch Arbeitsmarktpolitik: Employment policies in Germany before and after unification. Den politischen Möglichkeitsraum dokumentieren der Gründungsaufruf „Aufbruch 89” und die Darstellung Weg zur Einheit. Evidenzgrenze: Für Tikovskys konkrete Vermittlungschancen nach Alter, Behinderung, Qualifikation und Leipziger Teilarbeitsmarkt liegt keine individualisierte Arbeitsmarktstatistik vor. Bestätigt wird daher die strukturelle Verengung; die genaue Wahrscheinlichkeit einer alternativen Beschäftigung bleibt offen.↩︎

  3. Beleggrundlage des Realitätschecks: Primärmaterial: Weihrich, Kursbestimmungen, S. 253–276. Die Interviews dokumentieren Fliegers Wechsel vom NVA-Politoffizier in den Versicherungsaußendienst, Weiterbildung und Selbständigkeit, Arbeitszeiten, familiale Arbeitsteilung und den Berufsverlauf seiner Frau. Weihrich bezieht außerdem ein zeitgenössisches Experteninterview mit dem Leiter der Versicherungsniederlassung ein. Die Forschung zu den berufsbiographischen Bilanzen ehemaliger NVA-Offiziere bestätigt den institutionellen Bruch und die begrenzte Übernahme von Berufsoffizieren: Bundesstiftung Aufarbeitung: Gewinner und Verlierer der Vereinigung. Zur Expansion des Versicherungsmarktes siehe Rainer Maurer, Birgit Sander, Klaus-Werner Schatz und Klaus-Dieter Schmidt, Der Transformationsprozess in Ostdeutschland: Gesamtwirtschaftliche und sektorale Aspekte (Institut für Weltwirtschaft): Aus einem einzigen Anbieter, der Staatlichen Versicherung der DDR, wurden bereits im Sommer 1990 rund 80 und wenig später mehr als 100 aktive Versicherer: Econstor, Volltext. Evidenzgrenze: Der konkrete Erfolg Fliegers ist im Panel belegt. Die allgemeine Behauptung, die Versicherungswirtschaft habe ehemaligen NVA-Offizieren typischerweise gute Aufstiegsmöglichkeiten eröffnet, wird daraus nicht abgeleitet.↩︎

  4. Beleggrundlage des Realitätschecks: Primärmaterial: Weihrich, Kursbestimmungen, S. 337–365. Dokumentiert sind Fortbestand und westdeutsche Übernahme des anonymisierten Warenhauses, Halbierung der Belegschaft, Degradierung und Wiederaufstieg von März, veränderte Leitungsanforderungen, Hausarbeit und soziale Beziehungen. Als unabhängiger zeitgenössischer Kontext belegt Rainer Geißler für die ostdeutsche Wirtschaft einen erheblichen Umbau der Führungsebenen: In Treuhandbetrieben wurden bereits zwischen September 1990 und August 1991 zahlreiche Geschäftsführer und Vorstandsmitglieder ausgetauscht; zugleich verschwanden beziehungsweise veränderten sich Führungspositionen im Zuge der Restrukturierung: Die ostdeutsche Sozialstruktur unter Modernisierungsdruck. Evidenzgrenze: Weihrich anonymisiert das Warenhaus. Eine konkrete Unternehmensgeschichte – etwa die der CENTRUM-Warenhäuser – darf deshalb nicht auf März’ Betrieb übertragen werden. Die externe Evidenz bestätigt den allgemeinen Restrukturierungs- und Führungskräftewandel, erlaubt aber keine Bezifferung, wie wahrscheinlich März’ Wiederaufstieg für eine Person mit vergleichbarer Berufs- und SED-Biographie war.↩︎

  5. Beleggrundlage des Realitätschecks: Primärmaterial: Weihrich, Kursbestimmungen, S. 231–250. Die Interviews dokumentieren die Gefährdung beider Erwerbspositionen im Haushalt, Barzels Umschulung, die nicht wiederholte Teilprüfung, materielle Einschränkungen, Familien- und Sorgearbeit sowie den Verlust des betrieblichen Sozialzusammenhangs. Für den Arbeitsmarktkontext zeigt die zeitgenössische IAB-Auswertung von Parmentier und Tessaring, dass Personen ohne Ausbildungsabschluss in Ostdeutschland 1990/91 höhere Arbeitslosenquoten aufwiesen als Facharbeiter, Meister oder Akademiker; bei Ungelernten und Facharbeitern waren Frauen zusätzlich stärker betroffen: Qualifikation und Arbeitslosigkeit in West- und Ostdeutschland 1990/1991. Ursula Schröters zeitgenössische Bilanz bestätigt die überproportionale Erwerbslosigkeit ostdeutscher Frauen bei fortbestehend hoher Erwerbsorientierung: Ostdeutsche Frauen im Transformationsprozeß. Für den Kontext der von Barzel unterstützten Jugendlichen ist zwischen ihrer konkreten Lage und dem allgemeinen Transformationsumfeld zu unterscheiden. Karen Schober dokumentiert für 1992 rund 150.000 erwartete Lehrstellensuchende gegenüber knapp 70.000 bei den Arbeitsämtern gemeldeten betrieblichen Ausbildungsstellen: Lehrstellensuche ’92 in den neuen Bundesländern. Palentien, Pollmer und Hurrelmann zeigen für 15- bis 18-Jährige in Sachsen 1990/92 eine zunehmende Verunsicherung der Ausbildungs- und Zukunftsperspektiven: Ausbildungs- und Zukunftsperspektiven ostdeutscher Jugendlicher. Seiring bestätigt anhand des SOEP 1990–1994 einen schwierigen, aber keineswegs generell gescheiterten Übergang in Ausbildung und Erwerbsarbeit: Ostdeutsche Jugendliche fünf Jahre nach der Wiedervereinigung. Evidenzgrenze: Die Quellen stützen Barzels strukturell ungünstige Erwerbslage und den breiteren Unsicherheitskontext der jüngeren Generation. Sie beweisen weder, dass Barzel bei bestandener Abschlussprüfung keine Beschäftigung gefunden hätte, noch Arbeitslosigkeit oder Wohnungslosigkeit der konkret von ihr aufgenommenen Freunde ihrer Söhne. Die Formulierung „Obdachlosenasyl” bleibt eine Selbstbeschreibung Barzels und darf nicht wörtlich als sozialstatistischer Befund behandelt werden.↩︎

  6. Beleggrundlage des Realitätschecks: Primärmaterial: Weihrich, Kursbestimmungen, S. 231–250. Die Interviews dokumentieren die Gefährdung beider Erwerbspositionen im Haushalt, Barzels Umschulung, die nicht wiederholte Teilprüfung, materielle Einschränkungen, Familien- und Sorgearbeit sowie den Verlust des betrieblichen Sozialzusammenhangs. Für den Arbeitsmarktkontext zeigt die zeitgenössische IAB-Auswertung von Parmentier und Tessaring, dass Personen ohne Ausbildungsabschluss in Ostdeutschland 1990/91 höhere Arbeitslosenquoten aufwiesen als Facharbeiter, Meister oder Akademiker; bei Ungelernten und Facharbeitern waren Frauen zusätzlich stärker betroffen: Qualifikation und Arbeitslosigkeit in West- und Ostdeutschland 1990/1991. Ursula Schröters zeitgenössische Bilanz bestätigt die überproportionale Erwerbslosigkeit ostdeutscher Frauen bei fortbestehend hoher Erwerbsorientierung: Ostdeutsche Frauen im Transformationsprozeß. Für den Kontext der von Barzel unterstützten Jugendlichen ist zwischen ihrer konkreten Lage und dem allgemeinen Transformationsumfeld zu unterscheiden. Karen Schober dokumentiert für 1992 rund 150.000 erwartete Lehrstellensuchende gegenüber knapp 70.000 bei den Arbeitsämtern gemeldeten betrieblichen Ausbildungsstellen: Lehrstellensuche ’92 in den neuen Bundesländern. Palentien, Pollmer und Hurrelmann zeigen für 15- bis 18-Jährige in Sachsen 1990/92 eine zunehmende Verunsicherung der Ausbildungs- und Zukunftsperspektiven: Ausbildungs- und Zukunftsperspektiven ostdeutscher Jugendlicher. Seiring bestätigt anhand des SOEP 1990–1994 einen schwierigen, aber keineswegs generell gescheiterten Übergang in Ausbildung und Erwerbsarbeit: Ostdeutsche Jugendliche fünf Jahre nach der Wiedervereinigung. Evidenzgrenze: Die Quellen stützen Barzels strukturell ungünstige Erwerbslage und den breiteren Unsicherheitskontext der jüngeren Generation. Sie beweisen weder, dass Barzel bei bestandener Abschlussprüfung keine Beschäftigung gefunden hätte, noch Arbeitslosigkeit oder Wohnungslosigkeit der konkret von ihr aufgenommenen Freunde ihrer Söhne. Die Formulierung „Obdachlosenasyl” bleibt eine Selbstbeschreibung Barzels und darf nicht wörtlich als sozialstatistischer Befund behandelt werden.↩︎

  7. Externe Einordnung: Der Vier-Fälle-Befund bleibt zunächst ein Befund des Panels und ist nicht repräsentativ. Er steht jedoch in einem breiteren institutionellen Transformationskontext. Der erste Freiwilligensurvey zeigte für 1989 in Ostdeutschland einen besonders starken Abbruch organisierten Engagements; bei 51 Prozent der 1989 beendeten Engagements wurde die Auflösung der Organisation oder Gruppe als Grund genannt (Westdeutschland: 10 Prozent). Das stützt die Annahme eines institutionellen Engagementbruchs, beweist aber nicht, dass gerade bei den vier untersuchten Personen derselbe Mechanismus ursächlich war: Freiwilliges Engagement in den neuen und alten Bundesländern.↩︎

  8. Externe Einordnung: Der Vier-Fälle-Befund bleibt zunächst ein Befund des Panels und ist nicht repräsentativ. Er steht jedoch in einem breiteren institutionellen Transformationskontext. Der erste Freiwilligensurvey zeigte für 1989 in Ostdeutschland einen besonders starken Abbruch organisierten Engagements; bei 51 Prozent der 1989 beendeten Engagements wurde die Auflösung der Organisation oder Gruppe als Grund genannt (Westdeutschland: 10 Prozent). Das stützt die Annahme eines institutionellen Engagementbruchs, beweist aber nicht, dass gerade bei den vier untersuchten Personen derselbe Mechanismus ursächlich war: Freiwilliges Engagement in den neuen und alten Bundesländern.↩︎

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