Wie politische Orientierung entsteht (1)

Vier Leben in der Transformation

Ostdeutsche Situationsvorstellungen und ihre gesellschaftlichen Bedingungen im Realitätscheck
Historischer Ausgangspunkt: frühe 1990er Jahre · Auswertung: 2026

Ausgangspunkt dieser Untersuchung ist die wachsende Popularität rechtspopulistischer Parteien. Besonders erklärungsbedürftig erscheint, dass rechtspopulistische Angebote inzwischen auch Menschen und soziale Milieus erreichen, die traditionell eher sozialdemokratisch, gewerkschaftlich oder anders links orientiert waren. Dafür werden häufig allgemeine Erklärungen angeboten: Unzufriedenheit, wirtschaftliche Unsicherheit, Abstiegsängste, mangelndes Vertrauen in Politik und Institutionen oder fehlende Anerkennung. Solche Befunde können wichtig sein. Sie erklären aber noch nicht hinreichend, wie Menschen ihre gesellschaftliche Lage verstehen, welche Erwartungen und Vorstellungen sie entwickelt haben und was sie sich von rechtspopulistischen politischen Angeboten versprechen. Mich interessiert deshalb insbesondere, woran diese Angebote in den Situationsvorstellungen der Menschen andocken können.

Die vorliegende Untersuchung beginnt mit Ostdeutschland und geht dafür an den Anfang der Transformation zurück. Sie fragt nicht danach, ob sich aus den Erfahrungen der frühen 1990er Jahre unmittelbar erklären lässt, warum Menschen Jahrzehnte später die AfD wählen. Das würde das Material nicht hergeben. Untersucht wird zunächst ein früher Abschnitt einer möglichen längeren Entwicklung: Menschen erlebten 1989/90 einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruch, verbanden damit Hoffnungen und Erwartungen und stellten sich aktiv auf die veränderten Bedingungen ein. Sie machten unterschiedliche Erfahrungen mit den neuen Möglichkeiten und Begrenzungen. In den folgenden Jahrzehnten veränderten sich Gesellschaft und Lebensbedingungen weiter, und die Menschen mussten sich immer wieder neu dazu verhalten. Wie daraus heutige politische Orientierungen entstanden sind, ist eine offene Untersuchungsfrage.

Die Untersuchung greift dazu auf zeitnah erhobene Interviews aus den frühen 1990er Jahren zurück und betrachtet sie aus einer erweiterten Perspektive neu. Für diese und weitere Untersuchungen habe ich ein Orientierungsmodell und eine KI-gestützte Untersuchungsmethodik entwickelt. Damit lassen sich Situationsvorstellungen rekonstruieren und mit den Lebensbedingungen, Deutungsrahmen und Handlungsmöglichkeiten der untersuchten Menschen in Beziehung setzen.

Die ostdeutsche Transformation bildet dabei den ersten Untersuchungsblock. In weiteren Untersuchungen soll geprüft werden, wie sich politische Orientierung auch in westdeutschen Lebens- und Arbeitswelten verändert hat und ob sich trotz unterschiedlicher historischer Erfahrungen vergleichbare Entwicklungen erkennen lassen.

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