Bisher ging es um Menschen, deren Leben sich mit der Wende grundlegend veränderte. Diesmal wechseln wir die Perspektive. Wir betrachten Menschen, die daran beteiligt waren, die neue Wirklichkeit herzustellen: zwei Betriebsleiter und zwei Mitarbeiter der Treuhand.
„Wendemacher“ ist dafür ein etwas irreführendes Wort. Denn über die Richtung der Wende entschieden diese vier Menschen nicht. Als sie handelten, war eine Grundentscheidung bereits gefallen: Die DDR wurde innerhalb weniger Monate in die westdeutsche Währungs-, Wirtschafts-, Eigentums- und Rechtsordnung überführt. Für die Ostdeutschen bedeutete das einen vollständigen Systemwechsel.
Im Herbst 1989 war dieser Weg noch keineswegs selbstverständlich.
Es wurden andere Möglichkeiten diskutiert. Doch der Handlungskorridor schloss sich schnell. Wie das geschah und welche wirtschaftlichen Folgen es hatte, ist eine eigene Geschichte.
Hier interessiert zunächst, was danach geschah. Denn der Systemwechsel vollzog sich nicht von selbst. Menschen mussten Betriebe sanieren oder schließen, Käufer suchen, neue Märkte finden und über Arbeitsplätze entscheiden. Sie gestalteten so die Wirklichkeit, mit der andere leben mussten.
Jahre später erzählten die vier Männer in Interviews, wie sie diese Zeit erlebt hatten und warum sie so handelten, wie sie handelten. Ihre Erinnerungen erlauben einen Blick darauf, wie sie die damalige Situation sahen – im Wissen darum, dass sie ihre Geschichte im Rückblick erzählen.
Dabei verwirft keiner der vier seine damaligen Entscheidungen grundsätzlich. Aber die spätere Erfahrung erweiterte ihren Blick auf das Geschehen in unterschiedlicher Weise: Während bei den Betriebsleitern die Erfahrung mit Betrieb, Belegschaft und Massenentlassungen eine wichtige Rolle spielen, blickt der ehemalige Treuhanddirektor Scheunert stärker auf das Gesamtergebnis der Transformation und die entstandenen Eigentumsstrukturen.
Vertiefung: Wer bestimmte eigentlich die Richtung?
3.2 Zwei Betriebsleiter: Hellfritzsch und Morzynski
Heiner Hellfritzsch: Der Betrieb bleibt, die Welt ändert sich
Beginnen wir bei Florena in Waldheim. Dort war Heiner Hellfritzsch schon zu DDR-Zeiten Betriebsleiter. Er kannte die Produktion, die Beschäftigten und die Stellung des Unternehmens in der DDR-Wirtschaft. Auch Kontakte in den Westen waren ihm nicht fremd. Neu waren die Bedingungen, unter denen der Betrieb nun bestehen musste.
Plötzlich musste Florena sich selbst einen Markt suchen. Die bisherigen Vertriebswege verschwanden, westdeutsche Handelsketten übernahmen die Kaufhallen und brachten ihre eigenen Lieferanten mit. Es genügte nicht mehr, Kosmetik herzustellen. Florena musste Käufer finden, konkurrenzfähige Produkte anbieten und dafür sorgen, dass der Betrieb überhaupt weiterarbeiten konnte.
Hellfritzsch und zwei Kollegen wollten Florena schließlich selbst übernehmen. Aber auch das konnten sie nicht allein entscheiden. Die Treuhand musste zustimmen, die Finanzierung musste gesichert werden, Banken und Partner mussten mitspielen. Gleichzeitig waren Produkte und Verpackungen zu verändern, neue Vertriebswege aufzubauen und Investitionen zu finanzieren.
Die Übernahme gelang. Damit gehörte Hellfritzsch zu den vergleichsweise wenigen ostdeutschen Betriebsleitern größerer Unternehmen, die selbst Unternehmer wurden.
Ausgehend von einem laufenden Betrieb, den er schon lange kannte, musste Hellfritzsch sich also eine neue Wirtschaftsordnung aneignen.
Vertiefung: Wie rettet man einen Betrieb in eine neue Ordnung?
Bei Paul Morzynski war die Ausgangslage fast umgekehrt.
Paul Morzynski: Die Ordnung kennen, den Betrieb kennenlernen
Paul Morzynski kam aus Westdeutschland. Er war Steuerberater und Unternehmensberater und kannte die Regeln, die für Hellfritzsch gerade neu geworden waren. Die ostdeutsche Transformation eröffnete ihm ein neues, besonders herausforderndes Arbeitsfeld.
So kam er zu Halloren in Halle. Er wusste, wie ein Unternehmen unter marktwirtschaftlichen Bedingungen funktionieren musste. Fremd waren ihm der konkrete Betrieb, die Menschen, die dort arbeiteten, und die Erfahrungen, die sie mitbrachten.
Das Unternehmen war für ihn zunächst ein Sanierungsfall. Er prüfte Zahlen und wirtschaftliche Möglichkeiten. Die Beschäftigten betrachtete er zunächst vor allem als einen Produktionsfaktor unter anderen.
Aber dann sah er, wie stark sie sich mit ihrem Unternehmen identifizierten. Eine solche Bindung kannte er aus seiner bisherigen beruflichen Erfahrung nicht. Diese überraschende Erfahrung veränderte sein Verständnis des Betriebs.
So blieb Morzynski nicht der Berater von außen. Er übernahm Verantwortung für das Unternehmen und wurde schließlich selbst Eigentümer.
Hellfritzsch und Morzynski kamen damit von entgegengesetzten Seiten. Der eine kannte seinen Betrieb und musste lernen, wie er unter den neuen Bedingungen überleben konnte. Der andere kannte diese Bedingungen und musste den konkreten Betrieb und seine Menschen kennenlernen.
Vertiefung: Wie wird aus einem Sanierungsfall der eigene Betrieb?
3.3 Wer bestimmte die Bedingungen?
Hellfritzsch und Morzynski konnten also einiges gestalten. Aber über den Fortbestand der Unternehmen, für die sie Verantwortung übernehmen wollten, und die Bedingungen dafür entschieden sie nicht selbst.
Hier kam die Treuhand ins Spiel. Ihr waren die ehemals volkseigenen Betriebe übertragen worden. Sie entschied über Privatisierung und Sanierung, über Käufer und Verträge – und darüber, welche Unternehmen keine Zukunft mehr haben sollten.
Vertiefung: War die Treuhand eigentlich westdeutsch?
Aber auch in “der Treuhand” entschieden konkrete Menschen. Zwei von ihnen, die Jahre später ihre Geschichte erzählten, waren Detlef Scheunert und Michael Clausecker.
Und wieder treffen wir auf zwei sehr unterschiedliche Ausgangspunkte.
3.4 Zwei Treuhandakteure: Clausecker und Scheunert
Michael Clausecker: Unternehmen als Aufgabe
Michael Clausecker kam aus einer anderen Welt. Er war bei Daimler-Benz tätig und hatte im Controlling gearbeitet, als er 1991 zur Treuhand wechselte. Dort übernahm er die Verantwortung für neun Unternehmen aus dem Fahrzeug- und Dieselmotorenbau.
Seine Aufgabe war klar umrissen. Er musste herausfinden, welche Unternehmen wirtschaftlich bestehen konnten, was verändert werden musste und wer als Käufer infrage kam. Dafür wurden Zahlen geprüft, Geschäftsführungen beurteilt, Finanzierungsmöglichkeiten gesucht und Sanierungskonzepte entwickelt.
Sein Einfluss war beträchtlich. Entscheidungen, an denen er mitwirkte, konnten für ein Unternehmen und seine Beschäftigten weitreichende Folgen haben. Doch auch Clausecker entschied nicht frei. Er arbeitete innerhalb einer Institution, deren Auftrag und Regeln bereits feststanden.
Die großen volkswirtschaftlichen Folgen der Transformation gehörten nicht zu seinem Verantwortungsbereich. Er hatte konkrete Unternehmen zu bearbeiten und innerhalb der gegebenen Ordnung Lösungen für sie zu finden. Ganz bewusst beschränkte er sich auf diese Perspektive.
Später wechselte er selbst in eines der Unternehmen, mit denen er zu tun gehabt hatte: den Waggonbau Niesky. Nun musste er selbst einen Betrieb führen – und auch Beschäftigte entlassen.
Damit bekam eine Entscheidung, die ihm aus seiner Arbeit bei der Treuhand vertraut war, eine andere Bedeutung. In Niesky begegnete er den Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren, unmittelbar. Diese Erfahrung änderte jedoch nicht seine wirtschaftlichen Maßstäbe. Wenn Entlassungen aus seiner Sicht notwendig waren, um den Betrieb zu erhalten, hielt er sie weiterhin für erforderlich.
Detlef Scheunert: Mehr als einzelne Unternehmen
Detlef Scheunert kannte die DDR-Wirtschaft von innen. Er hatte in der Industrie und im Wirtschaftsapparat der DDR gearbeitet. Nach der Wende kam er zur Treuhand und stieg dort bis zum Direktor für Glas, Keramik und Optik auf. Unter den Direktoren der Treuhand war er der einzige Ostdeutsche.
Schon seine Aufgabe unterschied sich damit von der Clauseckers. Scheunert hatte nicht einige einzelne Unternehmen zu betreuen. Er musste eine ganze Branche im Blick behalten. Wenn Betriebe verkauft, saniert oder geschlossen wurden, interessierte ihn deshalb auch, was aus den wirtschaftlichen Strukturen wurde, zu denen sie gehörten.
Dabei beschäftigte ihn besonders, wem die Unternehmen künftig gehören würden. Scheunert wollte, dass auch Ostdeutsche die Möglichkeit bekamen, Betriebe zu übernehmen und selbst Unternehmer zu werden. Er sah die Gefahr, dass Ostdeutschland andernfalls vor allem zum Standort westdeutscher Unternehmen werden könnte – zur „verlängerten Werkbank“, ohne eine eigene Unternehmerschaft aufzubauen.
Gegen Ende seiner Treuhandzeit versuchte er, zwölf noch nicht privatisierte Unternehmen seines Bereichs ostdeutschen Managern zur eigenverantwortlichen Sanierung zu übertragen. Dafür hatte er sogar einen britischen Kapitalgeber gefunden. Im Gegensatz zur Übernahme von Florena durch Hellfritzsch und seine Kollegen, einem der wenigen Ausnahmefälle einer gelingenden Betriebsübernahme durch Ostdeutsche, scheiterte das Vorhaben. Scheunert zog sich aus dem Projekt zurück. Bis zum Ende der Treuhand 1994 blieb er jedoch Direktor.
Sein Versuch zeigt damit auch die Grenzen seiner Position. Als Direktor verfügte er über erheblich mehr Einfluss als Clausecker. Aber auch er konnte die Eigentumsstrukturen, die im Zuge der Privatisierung entstanden, nicht nach seinen Vorstellungen gestalten.
Vier Menschen, unterschiedliche Möglichkeiten
Vier Menschen waren an derselben Transformation beteiligt. Aber sie standen an verschiedenen Stellen und konnten deshalb sehr Unterschiedliches bewirken.
Hellfritzsch konnte versuchen, seinen Betrieb zu erhalten und selbst zu übernehmen. Ob ihm das gelang, hing jedoch von Entscheidungen anderer ab. Morzynski kam mit Wissen über die neue Wirtschaftsordnung und beruflichen Möglichkeiten nach Ostdeutschland. Für ihn eröffnete die Transformation Möglichkeiten, die Hellfritzsch sich erst erkämpfen musste.
Clausecker wiederum saß zunächst auf der anderen Seite. Als Treuhandmitarbeiter konnte er über Unternehmen mitentscheiden. Was dort beschlossen wurde, bestimmte die Bedingungen, unter denen Betriebsleiter handeln konnten – und konnte für Beschäftigte den Verlust ihres Arbeitsplatzes bedeuten.
Scheunert verfügte als Direktor über noch größeren Einfluss. Aber auch sein Handlungsspielraum hatte Grenzen. Als er versuchte, gezielt ostdeutsche Unternehmer aufzubauen, konnte er sich damit nicht durchsetzen.
So entstand ein Gefälle. Denn hier trafen nicht zwei Wirtschaftsordnungen aufeinander, aus denen schrittweise etwas Neues entstand. Innerhalb weniger Monate wurde die DDR in die westdeutsche Währungs-, Wirtschafts-, Eigentums- und Rechtsordnung überführt. Das volkseigene Produktivvermögen wurde privatisiert. Ein großer Teil gelangte in westdeutsche Hände, andere Unternehmen wurden stillgelegt. Für die Ostdeutschen veränderten sich nicht nur die Wirtschaftsordnung, sondern vor allem auch die Eigentumsverhältnisse, innerhalb derer sie künftig wirtschafteten und arbeiteten.
Mit der politischen Entscheidung für einen schnellen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik und für die Währungsunion wurden diese Ordnung und ihre Regeln für Ostdeutschland vorgegeben. Die Ostdeutschen mussten lernen, unter ihnen zu handeln. Das bedeutete nicht, dass sie ohne eigene Möglichkeiten waren. Hellfritzsch konnte Florena übernehmen, Scheunert konnte als Direktor der Treuhand über eine ganze Branche mitentscheiden. Gerade ihre Geschichten zeigen aber auch die Ausnahme: Selbst von seiner hohen Treuhandposition aus konnte Scheunert seinen Versuch, mehr Eigentum in ostdeutsche Hände zu bringen, nicht durchsetzen.
Damit wird auch deutlicher, was diese vier Menschen zu „Wendemachern“ machte. Sie setzten den Systemwechsel auf unterschiedlichen Ebenen um, nutzten die Möglichkeiten, die er ihnen bot, und versuchten teilweise, seine Folgen zu beeinflussen. Mit ihren Entscheidungen wurde aus einer radikalen politischen und wirtschaftlichen Neuordnung die konkrete Wirklichkeit, mit der andere Menschen leben mussten.
Vertiefung: Was geschieht, wenn alle betriebswirtschaftlich vernünftig handeln?
Vertiefungen
Wer bestimmte eigentlich die Richtung?
Die Geschichte der deutschen Einheit lässt sich einfach erzählen: Die Ostdeutschen wollten die D-Mark und die Einheit. Sie wählten im März 1990 frei ein Parlament. Wenige Monate später kamen Währungsunion und Beitritt. Die Entscheidungen waren demokratisch legitimiert.
Das stimmt. Aber es beschreibt nur einen Teil dessen, was geschah.
Die einen gingen
Nach dem Mauerfall konnten die Ostdeutschen einfach gehen. Und viele taten es. Bis Januar 1990 waren bereits rund 300.000 Menschen in die Bundesrepublik übergesiedelt. Im Januar allein waren es mehr als 70.000. Die anhaltende Abwanderung erhöhte den politischen Zeitdruck erheblich.
Wer jung und qualifiziert war und sich im Westen bessere Möglichkeiten versprach, musste nicht darauf warten, was aus der DDR werden würde. Er konnte sich auf den Weg machen.
Für die Daheimgebliebenen bekam deshalb die D-Mark eine Bedeutung, die weit über eine andere Währung hinausging. Sie versprach Zugang zu den Waren, die man bisher nur eingeschränkt kaufen konnte, stabile Kaufkraft und eine rasche Annäherung an den westdeutschen Lebensstandard.
„Kommt die D-Mark, bleiben wir – kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr“ brachte diese Erwartung auf den Punkt.
Dann wurde entschieden
Am 18. März 1990 fanden die ersten freien Volkskammerwahlen statt. Die Parteien, die für eine schnelle deutsche Einheit eintraten, erhielten eine klare Mehrheit. Die neue Regierung unter Lothar de Maizière verhandelte über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion und über den Beitritt zur Bundesrepublik.
Damit waren die folgenden Entscheidungen demokratisch legitimiert.
Aber entschieden wurde damit zugleich über die Geschwindigkeit und die Form der Transformation. Es entstand keine neue Wirtschaftsordnung aus Elementen beider deutscher Staaten. Mit der Währungsunion und dem schnellen Beitritt übernahm die DDR die bestehende bundesdeutsche Wirtschafts-, Währungs-, Eigentums- und Rechtsordnung.
Das war eine politische Entscheidung. Ihre konkreten Folgen für das Leben der Menschen waren damit noch nicht vorstellbar.
Die Daheimgebliebenen
Man konnte die D-Mark wollen, Westwaren kaufen wollen und für die deutsche Einheit stimmen. Man konnte auch die Marktwirtschaft für die bessere Wirtschaftsordnung halten.
Daraus folgte noch keine Vorstellung davon, was wenige Monate später mit dem eigenen Betrieb geschehen würde.
Für viele Menschen war der Betrieb ein selbstverständlicher Bestandteil ihrer Lebensplanung. Dort hatten sie ihre Ausbildung gemacht, dort arbeiteten Familienangehörige und Freunde, dort lagen berufliche Erfahrung und soziale Beziehungen. Dass dieser Betrieb möglicherweise innerhalb kurzer Zeit seine Märkte verlieren, drastisch verkleinert oder ganz geschlossen werden würde, war etwas anderes als die allgemeine Erwartung eines Systemwechsels.
Gerade hier liegt eine Grenze dessen, was Menschen sich vorstellen konnten. Sie entschieden über politische Richtungen mit den Erfahrungen und Erwartungen, die ihnen damals zur Verfügung standen. Die wirtschaftlichen Mechanismen, die durch diese Entscheidungen ausgelöst wurden, konnten sie nicht in ihren konkreten Folgen für die eigene Lebenslage vorwegnehmen.
Für viele Daheimgebliebene wurde die Transformation deshalb zum Schock.
Der wirtschaftliche Schock
Mit der Währungsunion am 1. Juli 1990 änderten sich die Bedingungen für die DDR-Betriebe schlagartig. Die D-Mark wurde alleiniges Zahlungsmittel. Die Unternehmen standen unmittelbar im Wettbewerb mit westdeutschen und internationalen Anbietern. Zugleich entschieden sich viele ostdeutsche Konsumenten nun für die lange begehrten Westprodukte.
Schon vor der Währungsunion war vor diesen Folgen gewarnt worden. Die Bundesbank hielt insbesondere eine zu günstige Umstellung der laufenden Zahlungen für eine Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit der DDR-Unternehmen.
Die politische Entscheidung setzte sich über solche Bedenken hinweg. Dafür gab es nachvollziehbare Gründe: Die Menschen wollten die D-Mark, die Abwanderung sollte gestoppt und die politische Einheit rasch verwirklicht werden.
Aber die ökonomischen Folgen verschwanden deshalb nicht.
Was politisch stabilisieren sollte, konnte einen Betrieb wirtschaftlich destabilisieren.
Wem gehörte das Volkseigentum?
Und damit begann ein zweiter Vorgang, der von der Währungsunion unterschieden werden muss.
Die DDR hinterließ ein großes Produktivvermögen: Betriebe, Maschinen, Grundstücke und andere wirtschaftlich nutzbare Vermögenswerte. Dieses Vermögen war Volkseigentum.
Die Frage, wem es nach dem Ende der DDR gehören sollte, war keineswegs von Anfang an entschieden.
Als Anfang 1990 die erste Treuhand konzipiert wurde, ging es gerade darum, die Rechte der DDR-Bevölkerung an diesem Vermögen zu sichern. Wolfgang Ullmann und andere schlugen vor, Anteilsscheine auszugeben. Die Bürger der DDR wären damit unmittelbar am bisherigen Volkseigentum beteiligt worden.
Dazu kam es nicht.
Die im Juni 1990 von der frei gewählten Volkskammer beschlossene neue Konstruktion der Treuhand zielte auf rasche Privatisierung, Sanierung oder Stilllegung der Unternehmen.
Das Ergebnis lässt sich messen: Rund 80 Prozent des privatisierten Produktionsvermögens gingen an westdeutsche Erwerber, 14 Prozent an ausländische und lediglich etwa sechs Prozent an ehemalige DDR-Bürger. Von den 12.354 Unternehmen in der Schlussbilanz der Treuhand wurden 6.546 vollständig oder mehrheitlich privatisiert, 1.588 reprivatisiert und 310 kommunalisiert. 3.718 Unternehmen wurden abgewickelt; 192 gingen an Nachfolgegesellschaften über.
Damit fand neben dem politischen Systemwechsel und dem Übergang zur Marktwirtschaft ein gewaltiger Eigentumstransfer statt.
Privatisierung oder Ausverkauf?
Aus westdeutscher Sicht konnte der Vorgang als notwendige Privatisierung erscheinen. Die DDR-Wirtschaft war nicht konkurrenzfähig, viele Unternehmen mussten saniert werden, und private Eigentümer sollten Kapital, Märkte und unternehmerische Erfahrung einbringen. Auch Ostdeutsche konnten diese Sicht teilen.
Tatsache ist jedoch: Die bisherigen Mitglieder des Gemeinwesens, dem das zuvor volkseigene Produktivvermögen zuzuordnen war, wurden nur selten die neuen privaten Besitzer. Die Verfügung über einen großen Teil des wirtschaftlichen Vermögens Ostdeutschlands ging an Eigentümer aus Westdeutschland und dem Ausland über; ein weiterer Teil der Unternehmen verschwand.
Rechtlich geschah dies aufgrund demokratisch legitimierter Gesetze und Verträge. Das rechtfertigt es aus meiner Sicht, den Vorgang polemisch als „Raubzug westdeutscher Kapitaleigner“ zu bezeichnen. Gemeint ist damit kein juristischer Tatbestand, sondern der historische Vorgang, in dem die sozialistische Eigentumsordnung beseitigt und ein großer Teil des ostdeutschen Produktivvermögens in westdeutsches Privateigentum überführt wurde.
Dieser Umbruch wurde – anders als der Umbruch in der Sowjetunion – in Deutschland stark sozial abgefedert. Das änderte am Ergebnis nichts: Die neue Eigentümerstruktur fiel für Ostdeutsche außerordentlich ungünstig aus.
Was hat das Recht damit zu tun?
Die Rechtswissenschaftlerin Katharina Pistor beschreibt Kapital als etwas, das durch Recht „codiert“ wird. Eigentumsrechte legen fest, wer über Vermögen verfügen und andere von dieser Verfügung ausschließen kann. Der Staat garantiert diese Rechte.
In Ostdeutschland lässt sich dieser Zusammenhang wie unter einem Brennglas beobachten. Innerhalb kurzer Zeit wurde eine Eigentumsordnung beseitigt und durch eine andere ersetzt. Aus Volkseigentum wurde privatisierbares Vermögen. Anschließend wurde rechtlich verbindlich festgelegt, wer seine neuen Eigentümer waren.
Die demokratische Legitimation dieses Vorgangs ist deshalb kein Gegenargument gegen die Feststellung eines weitreichenden Eigentumstransfers. Seine rechtliche Absicherung war vielmehr eine Voraussetzung dafür, dass die neue Eigentumsordnung entstehen und dauerhaft gesichert werden konnte. Sie machte den Eigentumstransfer rechtmäßig, aber nicht neutral.
Damit stellt sich auch hier die Frage, die uns bei den Wendemachern immer wieder begegnet:
Wer konnte gegenüber wem über was verfügen?
Die Antwort darauf wurde 1990 auch durch Recht neu bestimmt.
Die Wendemacher dazwischen
Damit wird auch die besondere Position unserer vier Wendemacher deutlicher.
Michael Clausecker arbeitete innerhalb der Treuhand an der Privatisierung und Sanierung von Unternehmen. Für ihn war dies eine wirtschaftliche Aufgabe. Er vollzog einen Prozess, dessen Regeln er nicht geschaffen hatte und dessen betriebswirtschaftliche Logik ihm plausibel erschien.
Paul Morzynski kam aus Westdeutschland und wurde schließlich selbst Eigentümer eines ostdeutschen Unternehmens. Gleichzeitig veränderte die Erfahrung mit Halloren seinen Blick auf den Betrieb und seine Beschäftigten.
Heiner Hellfritzsch ging den umgekehrten Weg. Er hatte einen volkseigenen Betrieb geleitet und schaffte es, ihn gemeinsam mit Kollegen selbst zu übernehmen. Damit gehörte er zu jener kleinen Minderheit Ostdeutscher, bei denen aus der bisherigen Verantwortung für Volkseigentum tatsächlich neues privates Eigentum wurde.
Detlef Scheunert schließlich saß als einziger Ostdeutscher auf der Direktorenebene der Treuhand. Er vollzog die Privatisierung mit, erkannte aber zugleich das Problem der entstehenden Eigentumsstruktur. Sein Versuch, gezielt mehr Unternehmen in ostdeutsche Hände zu bringen, scheiterte.
Sie wirkten an einer Transformation mit, durch die Ostdeutschland in eine neue Wirtschaftsordnung überführt und sein Produktivvermögen weitgehend neu verteilt wurde. Zugleich versuchten sie innerhalb dieses Prozesses Betriebe zu erhalten, Arbeitsplätze zu retten, neue Eigentümer zu finden oder selbst Eigentümer zu werden.
Sie machten die Wende – aber sie bestimmten nicht die Ordnung, innerhalb derer sie sie machten.
Hellfritzsch: Wie rettet man einen Betrieb in eine neue Ordnung?
Heiner Hellfritzsch kam nicht unvorbereitet in die neue Zeit. Als DDR-Betriebsleiter kannte er Florena, die Produktion und die Beschäftigten. Er hatte Leitungserfahrung, konnte organisieren und technische und betriebliche Probleme lösen. Auch Kontakte zu westdeutschen Unternehmen gab es bereits.
Aber 1990 änderten sich die Gegenstände, über die er entscheiden musste. Denn fast alles, was außerhalb der Werkstore darüber entschied, ob dieser Betrieb weiterbestehen konnte, hatte sich verändert.
Plötzlich fehlte der Absatz
Florena konnte Kosmetik herstellen. Bisher war es darum gegangen, produktionsfähig zu sein, um die Versorgung der DDR-Bevölkerung sicher zu stellen. Nun bestand das Problem darin, einen Markt für die hergestellten Produkte zu finden.
Denn mit der neuen Wirtschaftsordnung verschwanden auch die bisherigen Absatzwege. Westdeutsche Handelsketten übernahmen Kaufhallen und brachten ihre eigenen Lieferanten, Sortimente und Verfahren mit. Florena musste nun dafür sorgen, überhaupt in die Regale zu kommen.
Produktionsfähigkeit allein sicherte den Betrieb also nicht mehr. Florena brauchte marktfähige Produkte, konkurrenzfähige Preise, Verpackungen, Vertrieb und Zugang zum Handel.
So musste Hellfritzsch eine Welt kennenlernen, die für einen westdeutschen Unternehmer selbstverständlich war. Später beschrieb er diesen Lernprozess drastisch: Man müsse das neue „System inhalieren“.
Aus dem Betriebsleiter wird ein möglicher Eigentümer
Gleichzeitig eröffnete die neue Ordnung Möglichkeiten, die Hellfritzsch vorher nicht gehabt hatte. Er konnte Florena selbst übernehmen. Gemeinsam mit zwei Kollegen entschied er sich für ein Management-Buy-out.
Aus einer theoretischen Möglichkeit wurde aber noch lange kein Unternehmen. Die Treuhand musste dem Verkauf zustimmen. Das notwendige Kapital musste beschafft werden. Banken mussten Kredite geben, Fördermöglichkeiten erschlossen und Partner gefunden werden. Gleichzeitig musste Florena investieren und sich einen Markt erarbeiten.
Die neue Freiheit eröffnete sehr viel mehr Entscheidungsmöglichkeiten. Aber es hing nun von Akteuren ab, mit denen er vorher kaum oder gar nicht zu tun gehabt hatte, ob seine Entscheidungen überhaupt wirksam werden konnten.
Die neue Ordnung bot auch Hilfe
Hellfritzschs Geschichte war nicht nur ein Kampf gegen westdeutsche Institutionen. Vielmehr konnte er die Institutionen und Möglichkeiten der neuen Ordnung nutzen. Eigenkapitalhilfe, Bankfinanzierung und Investitionsförderung halfen bei der Finanzierung. Wirtschaftsverbände eröffneten Kontakte. Kooperationen mit westdeutschen Unternehmen verschafften Florena zusätzliche Möglichkeiten.
Auch vorhandene Beziehungen erwiesen sich als wertvoll. Kontakte zu Beiersdorf bestanden bereits aus DDR-Zeiten und waren nun unter völlig anderen Bedingungen hilfreich.
So entwickelte und erweiterte Hellfritzsch Stück für Stück durch Verhandlungen, Kontakte, Finanzierung, Kooperationen und Entscheidungen seine Handlungsmöglichkeiten.
Warum war Hellfritzsch erfolgreich?
Hellfritzsch besaß Ressourcen, die keineswegs jeder Betriebsleiter hatte: lange Leitungserfahrung, genaue Kenntnis des Unternehmens, zwei erfahrene Partner für die Übernahme und bereits vorhandene Kontakte in den Westen.
Hinzu kamen neue Ressourcen, zu denen er Zugang fand: Finanzierung, Förderung, Banken, Verbände und Unternehmenspartner. So kam bei Florena vieles zusammen, auf das Hellfritzsch aufbauen konnte.
Was blieb vom alten Betriebsleiter?
Hellfritzsch sah Florena weiterhin nicht nur als eine Ansammlung von Maschinen, Produkten und Bilanzen. Beschäftigte, Betrieb und Standort gehörten bereits in der DDR zu dem Zusammenhang, für den er sich verantwortlich sah.
Auch unter marktwirtschaftlichen Bedingungen blieb das so. Keineswegs lehnte er dabei die Regeln des Marktes ab. Im Gegenteil: Er wollte sie verstehen und lernen, mit ihnen erfolgreich umzugehen. Der Markt war für ihn eine Realität, der sich Florena stellen musste. Aber er bestimmte nicht allein, was für Hellfritzsch ein funktionierender Betrieb war.
Das zeigte sich noch einmal, als Hellfritzsch und seine Partner Florena später verkauften. Nun waren sie selbst Eigentümer und konnten darüber entscheiden, an wen das Unternehmen gehen sollte. Nach Hellfritzschs Darstellung war dabei nicht allein der höchste Kaufpreis ausschlaggebend. Entscheidend war auch, dass Beiersdorf bereit war, den Standort Waldheim für einen vereinbarten Zeitraum zu erhalten und weiterzuentwickeln. Dafür nahmen die Eigentümer finanzielle Abstriche in Kauf.
Die ausgehandelte Garantie galt nicht unbegrenzt. Aber der Standort blieb tatsächlich noch rund zwei Jahrzehnte nach der vollständigen Übernahme durch Beiersdorf bestehen. Erst 2023 wurde die Produktion in Waldheim eingestellt und nach Leipzig verlagert.
Hellfritzsch konnte also auch beim Verkauf noch beeinflussen, was mit dem Betrieb und seinem Standort geschah. Dauerhaft bestimmen konnte er es nicht mehr, nachdem die Verfügung über Florena auf einen neuen Eigentümer übergegangen war.
Ein möglicher anderer Weg
Der Fall zeigt, dass der Übergang von Volkseigentum zu Privateigentum nicht zwangsläufig bedeuten musste, dass ein westdeutscher oder ausländischer Investor Eigentümer wurde. Ein vorhandener ostdeutscher Betriebsleiter konnte seine Kenntnisse und Erfahrungen in die neue Ordnung mitnehmen und selbst Eigentümer werden.
Aber der Fall Florena kann nicht einfach auf andere DDR-Betriebe übertragen werden. Dass ein Management-Buy-out rechtlich möglich war, bedeutete noch lange nicht, dass jeder DDR-Betriebsleiter seinen Betrieb hätte übernehmen können. Tatsächlich blieb ein solches Verfahren die Ausnahme, insbesondere bei größeren Betrieben.
Und genau hier berühren sich die Geschichten von Hellfritzsch und Scheunert. Was Hellfritzsch mit Florena gelang, wollte Scheunert von seiner Position als Treuhanddirektor aus auf breiterer Ebene ermöglichen: Ostdeutsche sollten nicht nur Beschäftigte westdeutscher Eigentümer werden. Sie sollten selbst Unternehmen übernehmen und wirtschaftliche Verfügungsmacht gewinnen.
Die interessante Frage lautet deshalb nicht nur, warum so viele DDR-Betriebe verschwanden. Sie lautet auch: Unter welchen Bedingungen hätte es mehr Fälle wie Florena geben können?
Morzynski: Wie wird aus einem Sanierungsfall der eigene Betrieb?
Paul Morzynski begann mit ganz anderen Voraussetzungen als Heiner Hellfritzsch. Als junger westdeutscher Steuer- und Unternehmensberater suchte er eine neue berufliche Herausforderung. Die Umbruchsituation in Ostdeutschland bot sie ihm.
Er kannte also die Wirtschaftsordnung. Neu war für ihn der konkrete Betrieb.
Ein Sanierungsfall
Die Schokoladenfabrik Halloren in Halle erschien Morzynski zunächst als wirtschaftliche Aufgabe. Er prüfte Zahlen, Kosten, Absatzmöglichkeiten und die Frage, ob das Unternehmen unter den neuen Bedingungen bestehen konnte.
Auch die Beschäftigten betrachtete er zunächst vor allem unter diesem Gesichtspunkt. Arbeit war ein Produktionsfaktor, Personalkosten waren Teil der Rechnung. Dann machte er eine Erfahrung, mit der er nicht gerechnet hatte.
Was ist ein Betrieb?
Morzynski bemerkte, wie stark die Beschäftigten an Halloren hingen. Der Betrieb war für sie mehr als ein Arbeitsplatz. Sie identifizierten sich mit ihm und wollten, dass er weiterbestand.
Damit veränderte sich auch sein Blick auf das Unternehmen. Die Beschäftigten blieben für ihn nicht mehr nur eine Größe in der wirtschaftlichen Rechnung. Ihre Beziehung zum Betrieb wurde selbst zu etwas, mit dem er rechnen musste – und schließlich auch wollte.
Vom Berater zum Eigentümer
So blieb Morzynski nicht der Berater von außen. Er übernahm zunehmend Verantwortung und wurde schließlich selbst Eigentümer.
Damit änderte sich auch seine eigene Stellung zum Betrieb. Als Berater konnte er untersuchen, empfehlen und weiterziehen. Als Eigentümer hing der Erfolg des Unternehmens nun unmittelbar von seinen Entscheidungen ab.
Halloren wurde für ihn zu mehr als einem Investitionsobjekt. Nach seiner eigenen Darstellung entwickelte sich Morzynski zum Familienunternehmer. Der Betrieb wurde zu einer langfristigen Aufgabe.
Seine Verantwortung für die Beschäftigten entstand damit anders als bei Hellfritzsch. Hellfritzsch brachte sie aus seiner bisherigen Tätigkeit mit. Morzynski entwickelte sie im Umgang mit einem Betrieb, dessen soziale Wirklichkeit ihm zunächst fremd gewesen war.
Zwei Wege zum Unternehmer
Wie bei Hellfritzsch beruhte Morzynskis Erfolg auf Ressourcen, die er schon mitbrachte. Er kannte die neue Wirtschaftsordnung. Er verstand Finanzierung, Steuern und Unternehmensrechnung und verfügte über westdeutsche berufliche Kontakte. Dafür fehlte ihm etwas, das Hellfritzsch selbstverständlich besaß: die Kenntnis des konkreten Betriebs und seiner Menschen.
Auch ihre Wege zum Eigentum unterschieden sich. Hellfritzsch versuchte, aus seiner bisherigen Verantwortung für einen volkseigenen Betrieb neues Eigentum zu machen. Morzynski konnte als Westdeutscher in Ostdeutschland eine unternehmerische Möglichkeit ergreifen, die sich durch die Transformation eröffnete.
Diese Unterschiede verschwanden nicht dadurch, dass schließlich beide Unternehmer waren. Aber in einem Punkt näherten sich ihre Vorstellungen an: Beide betrachteten den Betrieb nicht allein als Vermögenswert. Beschäftigte und Fortbestand des Unternehmens gehörten für sie schließlich mit dazu.
Gerade Morzynskis Geschichte zeigt, dass solche Vorstellungen nicht einfach aus Herkunft oder Wirtschaftsordnung folgen. Sie können sich durch die Tätigkeit selbst verändern.
Die Transformation veränderte damit nicht nur Unternehmen und Eigentumsverhältnisse. Wer in ihr handelte, machte Erfahrungen, die auch den eigenen Blick auf ein Unternehmen verändern konnten.
War die Treuhand eigentlich westdeutsch?
Die Treuhand erscheint in der Erinnerung häufig als westdeutsche Institution, die über ostdeutsche Betriebe entschied.
Das stimmt – und stimmt zugleich nicht.
Eine ostdeutsche Belegschaft
Die Treuhand war ursprünglich eine DDR-Institution. Auch nach der deutschen Einheit arbeiteten dort überwiegend Ostdeutsche.
Mitte 1993 stammten 69 Prozent der rund 4.000 Beschäftigten aus der ehemaligen DDR. Viele kamen aus aufgelösten Ministerien und Behörden. Sie bildeten das personelle Rückgrat der Organisation.
Wer also in einem Treuhandbüro arbeitete, war keineswegs wahrscheinlich Westdeutscher. Auf den Führungsebenen sah es anders aus.
Eine westdeutsche Führung
Für den Umbau der Treuhand wurden gezielt westdeutsche Manager und Wirtschaftsexperten angeworben. Unternehmen und Wirtschaftsverbände stellten Personal zur Verfügung. Auch junge westdeutsche Juristen und Betriebswirte kamen zur Treuhand.
Je weiter man in der Hierarchie nach oben ging, desto westdeutscher wurde die Institution. Von 172 Abteilungsleitern stammten Mitte 1993 nur 17 Prozent aus Ostdeutschland. Die Direktorenposten waren westdeutsch besetzt. Hier saßen diejenigen, die über größere Unternehmensgruppen, Branchen und Grundsatzfragen entschieden.
Warum war das so?
Dafür gab es einen naheliegenden Grund. Die Treuhand sollte DDR-Unternehmen innerhalb kürzester Zeit privatisieren und in eine marktwirtschaftliche Ordnung überführen. Dafür wurden Menschen gesucht, die Erfahrung mit Unternehmen, Banken, Finanzierung und westdeutschen Märkten hatten.
Diese Kenntnisse waren in Ostdeutschland naturgemäß seltener. Die DDR hatte nach anderen Regeln funktioniert.
Aber mit den Personen kam auch deren Erfahrungshorizont in die Institution. Westdeutsche Manager kannten die Ordnung, in die die ostdeutschen Unternehmen überführt werden sollten. Die DDR-Wirtschaft, ihre Betriebe und die Lebenswirklichkeit ihrer Beschäftigten kannten sie häufig erst einmal nicht.
Ostdeutsche Mitarbeiter brachten diese Kenntnisse mit. Sie saßen aber überwiegend auf Ebenen, auf denen sie weniger entscheiden konnten.
Wer entschied?
Entscheidend ist deswegen nicht nur, wer dort arbeitete. Entscheidend ist, wer gegenüber wem über was verfügen konnte. Eine ostdeutsche Sachbearbeiterin und ein westdeutscher Direktor waren beide Treuhandmitarbeiter. Ihre Möglichkeiten, den Verlauf einer Privatisierung zu beeinflussen, waren jedoch sehr verschieden.
Das Gefälle hatte auch eine Geschlechterdimension. Die Treuhandbeschäftigten waren mehrheitlich Frauen und mehrheitlich Ostdeutsche; die Führung wurde dagegen von westdeutschen Männern geprägt.
Die Institution verband deshalb ostdeutsche Mitarbeit mit überwiegend westdeutscher Entscheidungsmacht.
Formal ging es dabei nicht um die Herkunft. Vielmehr brachten die westdeutschen Führungskräfte genau die Kenntnisse mit, die für die neue Ordnung gebraucht wurden.
Die Unternehmen mussten verkäuflich werden
Damit wurde aber zugleich eine bestimmte Sicht auf die Betriebe und die Volkswirtschaft insgesamt besonders wirksam. Die Aufgabe der Treuhand war eben nicht, eine neue ostdeutsche Wirtschaftsordnung zu entwickeln. Sie sollte vielmehr die vorhandenen Unternehmen privatisieren, sanieren oder schließen.
Dafür mussten Betriebe unter den Bedingungen der neuen Wirtschaftsordnung beurteilt werden. Konnte das Unternehmen am Markt bestehen? Wie hoch war sein Kapitalbedarf? Gab es einen Käufer? Welche Investitionen waren notwendig?
Aus dieser Perspektive wurde der einzelne Betrieb zum Gegenstand einer wirtschaftlichen Prüfung.
Was mit einer Region geschah, wenn mehrere Betriebe verschwanden, wie vorhandene Produktionszusammenhänge erhalten werden konnten oder ob eine eigene ostdeutsche Unternehmerschaft entstand, lag nicht im selben Maße im Blickfeld.
Das erklärt einen Teil dessen, was wir bei Clausecker und Scheunert beobachten.
Die Ausnahme Scheunert
Detlef Scheunert war Ostdeutscher und zugleich Direktor der Treuhand.
Damit befand er sich an einer ungewöhnlichen Stelle. Er kannte die DDR-Wirtschaft aus eigener beruflicher Erfahrung, verfügte aber zugleich über die Entscheidungsmöglichkeiten der Treuhandführung.
Deshalb ist sein Fall für unseren Vergleich so interessant.
Scheunert akzeptierte die neue Wirtschaftsordnung und arbeitete an der Privatisierung mit. Gleichzeitig fragte er stärker danach, welche Wirtschaftsstruktur in Ostdeutschland zurückblieb und wem die Unternehmen künftig gehören würden.
Sein Versuch, ostdeutsche Manager selbst zu Unternehmern zu machen, lässt sich auch vor diesem Hintergrund verstehen.
Ost oder West reicht nicht
Trotzdem wäre es zu einfach, Clausecker und Scheunert nur als Westdeutschen und Ostdeutschen gegenüberzustellen.
Auch ihre Positionen unterschieden sich. Clausecker betreute neun einzelne Unternehmen. Scheunert war als Direktor für eine ganze Branche verantwortlich. Schon deshalb musste er einen größeren Zusammenhang betrachten.
Andere westdeutsche Direktoren konnten ebenfalls über einzelne Betriebe hinausdenken. Herkunft erklärt also nicht alles. Dennoch spielte sie eine Rolle.
Die Treuhand vereinte Menschen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen in einer Institution. Ihre Aufgaben und ihre Macht waren ungleich verteilt. An der Spitze dominierten Menschen, die die westdeutsche Wirtschaftsordnung kannten. Diejenigen, deren bisherige Wirtschaftsordnung gerade abgewickelt wurde, stellten zwar die Mehrheit der Beschäftigten – in den entscheidenden Positionen waren sie jedoch kaum vertreten.
Scheunert war die Ausnahme, an der dieses Verhältnis besonders sichtbar wird.
Zwei Männer in der Treuhand
Michael Clausecker und Detlef Scheunert arbeiteten beide für die Treuhand. Beide hielten einen tiefgreifenden Umbau der DDR-Wirtschaft für notwendig. Beide akzeptierten Marktwirtschaft, Privatisierung und die Schließung von Unternehmen, für die sie keine wirtschaftliche Zukunft sahen.
Trotzdem unterschieden sie sich darin, worauf sie bei ihrer Arbeit blickten.
Clausecker: Was braucht dieser Betrieb?
Clausecker kam aus einem westdeutschen Großunternehmen. Er kannte Betriebswirtschaft und Controlling und wollte bei der Treuhand ausdrücklich in der Privatisierung arbeiten.
Schließlich war er gleichzeitig für neun Unternehmen zuständig. Dort musste er sehr konkrete Probleme lösen: Liquidität sichern, Management beurteilen, Produkte und Märkte prüfen, Berater einsetzen und Käufer suchen.
Sein Gegenstand war das einzelne Unternehmen.
Das bedeutete nicht, dass ihm die Beschäftigten gleichgültig waren. Aber auch ihre Zukunft hing für ihn zunächst davon ab, ob der Betrieb wirtschaftlich überleben konnte.
Clausecker beschreibt seine Tätigkeit rückblickend als die eines „Facilitators“. Er sollte dafür sorgen, dass Entscheidungen getroffen und Lösungen möglich wurden. Sein Blick richtete sich darauf, was für den jeweiligen Betrieb getan werden musste.
Was gleichzeitig mit der gesamten ostdeutschen Wirtschaftsstruktur geschah, gehörte nicht zu seinem unmittelbaren Verantwortungsbereich.
Scheunert: Was bleibt von der ostdeutschen Wirtschaft?
Scheunert kam aus der DDR-Wirtschaft und stieg innerhalb der Treuhand bis zum Direktor auf.
Auch er hielt Privatisierungen und Betriebsschließungen für notwendig. Aber sein Blick reichte weiter. Er beschäftigte sich mit Branchenzusammenhängen, Eigentumsstrukturen und der Frage, welche wirtschaftliche Struktur in Ostdeutschland entstand.
Dabei beunruhigte ihn besonders die Gefahr einer „verlängerten Werkbank“. Ostdeutsche Betriebe konnten weiterbestehen und trotzdem wesentliche unternehmerische Funktionen und Entscheidungsmöglichkeiten verlieren.
Deshalb interessierte ihn auch, wer die neuen Eigentümer wurden. Gegen Ende der Treuhandzeit versuchte er, ostdeutschen Managern die Möglichkeit zu verschaffen, selbst Unternehmer zu werden.
Er akzeptierte also die neue Wirtschaftsordnung. Innerhalb dieser Ordnung wollte er jedoch beeinflussen, welche Unternehmens- und Eigentumsstruktur entstand. Seine eigenen Vorstellungen gingen damit über die Sanierung einzelner Unternehmen hinaus.
Ost gegen West?
Es wäre naheliegend, diesen Unterschied mit ihrer Herkunft zu erklären.
So einfach ist es nicht.
Clausecker und Scheunert hatten innerhalb der Treuhand unterschiedliche Aufgaben. Clausecker arbeitete operativ an einzelnen Unternehmen. Scheunert war als Direktor für einen größeren Bereich verantwortlich.
Ein Kontrollvergleich hat gezeigt, wie wichtig dieser Unterschied ist. Auch der westdeutsch geprägte Direktor Ken-Peter Paulin betrachtete Branchen, Zulieferstrukturen und Beschäftigungsfolgen. Umgekehrt eignete sich der ostdeutsche Treuhandmitarbeiter Ralph Steger die professionelle Arbeitsweise der Treuhand an, ohne deshalb seine bisherigen Erfahrungen und Sichtweisen einfach zu verlieren.
Herkunft, berufliche Erfahrung, institutionelle Position und konkrete Tätigkeit wirken zusammen. Man kann nicht aus einem einzelnen Unterschied unmittelbar auf „ostdeutsches“ oder „westdeutsches“ Denken schließen. Dennoch spielte es eine Rolle.
Was verändert eine Position?
Clausecker liefert dafür noch einen weiteren Hinweis.
1993 wechselte er von der Treuhand zum Waggonbau Niesky. Damit änderte sich seine Position. Zuvor hatte er als Treuhandmitarbeiter an Entscheidungen über Unternehmen mitgewirkt. Nun trug er selbst Verantwortung für eines dieser Unternehmen.
Damit rückten auch die Folgen betriebswirtschaftlicher Entscheidungen näher. Clausecker musste selbst Personal abbauen. Er beschreibt diese Erfahrung rückblickend als furchtbar.
Sein wirtschaftliches Entscheidungskriterium änderte sich dadurch jedoch nicht grundsätzlich. Wenn Entlassungen aus seiner Sicht notwendig waren, um den Betrieb zu erhalten, hielt er sie weiterhin für erforderlich.
Die neue Tätigkeit veränderte also seine Erfahrung der Folgen. Sie musste deshalb noch nicht seine Vorstellung davon verändern, was wirtschaftlich richtig war.
Wer konnte handeln?
Clausecker und Scheunert waren keine politischen Entscheider über die Grundrichtung der Transformation. Als sie in der Treuhand arbeiteten, waren wesentliche Entscheidungen über Wirtschaftsordnung, Eigentumsordnung und Privatisierung bereits getroffen.
Innerhalb dieses Rahmens besaßen sie jedoch Handlungsmöglichkeiten, die viele andere nicht hatten.
Sie konnten auf Finanzierung, Management, Käufer, Sanierung und Privatisierung von Unternehmen Einfluss nehmen. Scheunerts Position gab ihm darüber hinaus Möglichkeiten, auf einen größeren Bereich der entstehenden Wirtschaftsstruktur einzuwirken.
Damit führt der Vergleich zu einer anderen Frage als der nach Ost und West:
Wer konnte gegenüber wem über was verfügen?
Die beiden Treuhandmitarbeiter bestimmten die neue Ordnung nicht. Aber ihre institutionelle Position gab ihnen die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen oder vorzubereiten, die anschließend zu Bedingungen wurden, unter denen andere handeln mussten.
Auch darin waren sie Wendemacher.
Was geschieht, wenn alle betriebswirtschaftlich vernünftig handeln?
Die Entscheidungen unserer vier Wendemacher lassen sich zunächst gut verstehen.
Hellfritzsch musste Florena konkurrenzfähig machen. Morzynski musste dafür sorgen, dass Halloren wirtschaftlich überlebte. Clausecker prüfte Unternehmen darauf, ob sie saniert und privatisiert werden konnten. Auch Scheunert hielt die Schließung von Betrieben für notwendig, wenn er für sie keine wirtschaftliche Perspektive sah.
Jeder einzelne Betrieb musste sich unter den neuen Bedingungen rechnen.
Aber was geschieht mit einer Volkswirtschaft, wenn innerhalb kürzester Zeit Tausende Betriebe gleichzeitig nach diesem Maßstab beurteilt werden?
Betriebswirtschaftlich oder volkswirtschaftlich?
Für ein Unternehmen ist die Rechnung vergleichsweise einfach. Es braucht Kunden, muss seine Kosten finanzieren können und benötigt Kapital für Investitionen. Gelingt das dauerhaft nicht, kann es nicht weiterbestehen.
Für eine Volkswirtschaft reicht diese Rechnung nicht.
Der Betrieb, der Personal abbaut, senkt seine Kosten. Für die Volkswirtschaft entstehen Arbeitslose. Ein Unternehmen kann einen Zulieferer wechseln und damit günstiger produzieren. Verschwindet der bisherige Zulieferer, kann das jedoch andere Unternehmen und eine ganze Region treffen.
Was aus der Sicht eines einzelnen Unternehmens vernünftig ist, muss deshalb in der Summe nicht zu einer funktionierenden Wirtschaftsstruktur führen.
Genau dieses Problem stellte sich in Ostdeutschland in extremer Form.
Die Bedingungen änderten sich für alle gleichzeitig
Die DDR-Unternehmen wurden nicht nach und nach einer neuen Wirtschaftsordnung ausgesetzt. Mit der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion änderten sich zentrale Bedingungen gleichzeitig.
Die D-Mark wurde zum gesetzlichen Zahlungsmittel. Die Unternehmen standen plötzlich im Wettbewerb mit westdeutschen und internationalen Anbietern. Ihre bisherigen Absatzbeziehungen brachen teilweise weg. Zugleich mussten sie Kosten in D-Mark tragen.
Dass dies die Wettbewerbsfähigkeit vieler DDR-Betriebe gefährden würde, war schon 1990 bekannt. Die Bundesbank warnte vor den Folgen eines zu hohen Umstellungskurses. Trotzdem wurden Löhne und andere laufende Zahlungen im Verhältnis 1:1 umgestellt.
Dafür gab es politische und soziale Gründe. Die Bevölkerung wollte die D-Mark. Kaufkraft und Einkommen sollten nicht drastisch sinken. Die schnelle Währungsunion sollte außerdem die Abwanderung bremsen und den Weg zur deutschen Einheit beschleunigen.
Die wirtschaftliche Folge blieb trotzdem bestehen: Viele Unternehmen mussten sich unter Bedingungen bewähren, denen sie kurzfristig kaum gewachsen waren.
Privatisieren oder erst sanieren?
Auch darüber, wie mit diesen Unternehmen umzugehen sei, wurde gestritten.
Die Treuhand setzte zunehmend auf schnelle Privatisierung. Dahinter stand eine nachvollziehbare Überlegung: Private Eigentümer verfügten über Kapital, Märkte und unternehmerische Erfahrung. Sie sollten die eigentliche Sanierung übernehmen.
Rohwedder formulierte 1991 entsprechend, Privatisierung sei die wirksamste Form der Sanierung.
Aber es gab andere Vorstellungen. Sollte man Unternehmen zunächst länger sanieren und erst anschließend privatisieren? Sollten staatliche Beteiligungsgesellschaften oder Sanierungsholdings Betriebe vorübergehend übernehmen? Welche Unternehmen mussten erhalten werden, damit industrielle Zusammenhänge nicht auseinanderbrachen?
Diese Fragen wurden damals gestellt.
Die Gefahr der Deindustrialisierung
Spätestens 1991 war auch die Gefahr sichtbar, dass nicht nur einzelne unrentable Unternehmen verschwanden.
In der Region Halle–Leipzig–Bitterfeld warnte ein Gutachten von McKinsey und Goldman Sachs vor negativen Kettenwirkungen. Wenn Betriebe geschlossen wurden, konnten auch Zuliefer- und Absatzbeziehungen anderer Unternehmen zusammenbrechen.
Damit änderte sich die Fragestellung.
Es ging nun nicht mehr nur darum, welcher Betrieb überlebensfähig war, sondern auch darum, welche wirtschaftlichen Strukturen erhalten werden mussten, damit andere Betriebe überhaupt überlebensfähig bleiben konnten.
Anfang der 1990er Jahre wurde deshalb zunehmend über den Erhalt „industrieller Kerne“ gesprochen. Gewerkschaften, ostdeutsche Landesregierungen und Teile der Opposition forderten eine aktivere Industriepolitik. Sachsen entwickelte beispielsweise die Idee eines Fonds, der sanierungsfähige Treuhandunternehmen übernehmen, stabilisieren und später privatisieren sollte.
Es gab also Alternativen innerhalb der neuen marktwirtschaftlichen Ordnung. Gestritten wurde darüber, wie der Übergang organisiert werden sollte.
Was geschah mit der Volkswirtschaft?
Damit stoßen wir auf ein Problem, das sich mit der Betrachtung einzelner Betriebe nicht beantworten lässt.
Clausecker konnte versuchen, für seine neun Unternehmen tragfähige Lösungen zu finden. Hellfritzsch und Morzynski konnten ihre Unternehmen erhalten. Scheunert konnte innerhalb seines Bereichs versuchen, industrielle Strukturen und ostdeutsches Eigentum stärker zu berücksichtigen.
Keiner von ihnen war für die Entwicklung der ostdeutschen Volkswirtschaft verantwortlich.
Aber wer war es?
Der Bund bestimmte wesentliche Rahmenbedingungen der Transformation.
Die Treuhand verfügte über einen großen Teil der ostdeutschen Unternehmen. Ihr Auftrag war vor allem, diese zu privatisieren, zu sanieren oder zu schließen.
Die neuen Länder und Kommunen mussten mit den regionalen Folgen des Umbruchs umgehen. Sie konnten Wirtschaftsförderung betreiben, versuchen, ihre Region als Standort zu entwickeln u.v.m.
Damit waren Zuständigkeiten vorhanden. Doch die Verfügung über Unternehmen, die Verantwortung für regionale Entwicklung und die Verantwortung für die sozialen Folgen waren auf unterschiedliche Institutionen verteilt. Deren Möglichkeiten, die Entwicklung tatsächlich zu beeinflussen, unterschieden sich erheblich.
Das Problem lag deshalb nicht einfach in fehlender Zuständigkeit. Die entscheidende Frage war, wer überhaupt über die Mittel verfügte, die entstehende Wirtschaftsstruktur zu beeinflussen. Denn während einzelne Unternehmen privatisiert, verkleinert oder geschlossen wurden, veränderten sich zugleich Produktionszusammenhänge, regionale Wirtschaftsstrukturen und der Arbeitsmarkt.
Genau hier setzt Teil 2 unserer Geschichte an: Wer sollte mit diesen Folgen umgehen – und welche Möglichkeiten hatten diese Akteure überhaupt?
Und was geschah mit den Menschen?
Auf der Ebene des Unternehmens hieß eine Entscheidung vielleicht: 800 Stellen müssen abgebaut werden, damit der Betrieb überlebt.
Damit verschwanden die 800 Menschen aber nicht.
Sie tauchten an einer anderen Stelle des Transformationsprozesses wieder auf: beim Arbeitsamt.
Dort wurden aus Beschäftigten Arbeitslose, Kurzarbeiter, Teilnehmer an Umschulungen oder Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Manche fanden neue Arbeit. Andere gingen in den Westen. Wieder andere verloren mit ihrer bisherigen Tätigkeit einen wesentlichen Teil ihres bisherigen Lebenszusammenhangs.
Damit verschiebt sich unser Blick ein weiteres Mal.
Was bei der Treuhand als Sanierung eines Unternehmens erscheint, wird bei der Arbeitsverwaltung zum Problem eines regionalen Arbeitsmarktes. Und was dort als Arbeitslosigkeit registriert wird, erscheint im Leben eines einzelnen Menschen als Verlust seiner bisherigen Tätigkeit und möglicherweise seiner bisherigen Zukunftsvorstellung.
Dort beginnt Teil 2 der Geschichte der Wendemacher.
Wer trägt eigentlich die Verantwortung für diesen Beitrag?
Dieser Beitrag ist mit Hilfe von KI entstanden. Das gilt nicht nur für die Formulierung des Textes. KI wurde auch für Recherche, Analyse und Vergleich eingesetzt.
Damit stellt sich eine einfache Frage: Wer trägt die Verantwortung dafür, dass das Ergebnis stimmt?
Die KI kann sie nicht übernehmen. Am Ende muss die Autorin entscheiden, ob sie für den veröffentlichten Text einstehen kann.
Deshalb kommt es darauf an, wie die Arbeit organisiert wird.
Ausgangspunkt sind die Quellen
Am Anfang standen Interviews und Berichte über Menschen, die an der Transformation beteiligt waren.
Die KI half zunächst dabei, dieses Material zu erschließen: Was erzählt eine Person über ihre damalige Situation? Was wollte sie erreichen? Welche Probleme nahm sie wahr? Welche Möglichkeiten sah sie? Wie handelte sie?
Dabei geht es zunächst darum, die Sicht des jeweiligen Akteurs möglichst genau zu rekonstruieren.
Das ist noch keine Aussage darüber, ob diese Sicht der Wirklichkeit entsprach.
Dann kommt der Realitätscheck
Menschen handeln aufgrund ihrer Vorstellung von der Situation, in der sie sich befinden. Diese Situationsvorstellung lässt sich aus Interviews und Berichten zumindest teilweise rekonstruieren.
Aber sie ist nicht mit der Wirklichkeit identisch.
Deshalb gehört zu unserer Methode ein eigener Realitätscheck. Er prüft mehr als einzelne Fakten. Die rekonstruierte Situationsvorstellung wird mit den Bedingungen des tatsächlichen Handelns konfrontiert.
Dabei müssen auch Deutung und Wirklichkeit auseinandergehalten werden. Wenn ein Treuhandmitarbeiter eine Privatisierung für notwendig hielt, ist damit noch nicht geklärt, was diese Privatisierung tatsächlich bewirkte. Umgekehrt beweist die Erfahrung eines Beschäftigten, sein Betrieb sei „ausverkauft“ worden, noch nicht, dass damit der Vorgang vollständig beschrieben ist.
Gerade solche Unterschiede zwischen Vorstellung, Deutung und Wirklichkeit können für das Verständnis eines Falles entscheidend werden.
Fälle werden vergleichbar gemacht
Danach wurden die Fälle nach denselben Fragen untersucht.
Hellfritzsch und Morzynski waren beide Unternehmer, kamen aber aus unterschiedlichen Welten. Clausecker und Scheunert arbeiteten beide bei der Treuhand, hatten dort aber unterschiedliche Positionen.
Erst der systematische Vergleich machte Unterschiede sichtbar, die beim Lesen eines einzelnen Interviews leicht als persönliche Besonderheit erscheinen können.
Dann lässt sich weiterfragen: Liegt ein Unterschied an der Herkunft? An der beruflichen Erfahrung? An der Position? An den verfügbaren Ressourcen? Oder an der konkreten Tätigkeit?
Die KI ist für solche Vergleiche sehr nützlich. Sie kann große Mengen bereits erschlossenen Materials gleichzeitig gegenüberstellen und nach Gemeinsamkeiten, Unterschieden und Widersprüchen suchen.
Die Methode entsteht während der Arbeit
Dieser Arbeitsprozess verlief nicht geradlinig. Auch die Methode stand am Anfang nicht fertig fest.
Bei der Untersuchung eines Falles tauchten Fragen auf, die vorher nicht vorgesehen waren. Im Vergleich mit einem zweiten Fall erwiesen sich manche Kategorien als zu grob. Andere mussten neu eingeführt werden. Neue Erkenntnisse führten dazu, bereits untersuchte Fälle noch einmal anzusehen.
So entstanden für die einzelnen Arbeitsschritte nach und nach Kategorien, Kriterien und feste Abläufe. Sie strukturieren inzwischen auch die Arbeit mit der KI.
Das ist wichtig. Statt die KI allgemein zu fragen, was ein Interview „aussagt“, wird eine bestimmte Aufgabe gestellt. Das Ergebnis wird geprüft und mit anderen Ergebnissen verbunden. Entsteht dabei ein Problem, kann auch das Verfahren selbst verändert und anschließend erneut erprobt werden.
Die Methode entwickelt sich damit in einer Schleife: anwenden, prüfen, verändern, erneut anwenden.
KI erleichtert ein solches Vorgehen erheblich. Bereits untersuchtes Material kann mit einer neuen Fragestellung erneut ausgewertet werden. Vergleiche lassen sich wiederholen. Eine neu entstandene Hypothese kann an früheren Fällen geprüft werden.
So entwickeln sich Analyse und Methode miteinander.
Eine plausible Erklärung ist noch kein Befund
Genau hier liegt aber auch eine Gefahr.
KI kann sehr schnell plausible Zusammenhänge herstellen. Gerade deshalb muss kenntlich bleiben, welchen Status eine Aussage hat.
Stammt sie unmittelbar aus einer Quelle? Ist sie ein Befund? Eine weitergehende Rekonstruktion? Oder erst eine Hypothese?
Diese Unterscheidungen müssen während der Arbeit festgehalten werden. Denn nach einer langen Analyse lässt sich ein fertiger Text nicht einfach noch einmal gegen das gesamte Ausgangsmaterial prüfen.
Die Prüfbarkeit muss während der Arbeit entstehen.
Die KI arbeitet mit – sie entscheidet nicht
In dieser Untersuchung hat die KI sehr unterschiedliche Aufgaben übernommen. Sie hat Material geordnet, Interviews analysiert, Fälle verglichen, Widersprüche entdeckt, Recherchefragen entwickelt, Informationen gesucht, Texte formuliert und Fehler der Autorin korrigiert.
Dabei hat sie jedoch auch Fehler gemacht. Sie hat Zusammenhänge zu schnell erklärt, Aussagen stärker verallgemeinert, als das Material erlaubte, und gelegentlich etwas für geklärt gehalten, das noch geprüft werden musste.
Solche Fehler sind nicht nur Störungen. Sie zeigen, an welchen Stellen menschliche Kontrolle notwendig ist.
Die entscheidenden Fragen blieben deshalb bei der Autorin: Ist diese Aussage durch die Quellen gedeckt? Ist die Erklärung überzeugend? Welche andere Erklärung wäre möglich? Was wissen wir nicht? Und kann ich für diesen Satz einstehen?
Was steckt dahinter?
Die hier beschriebene Arbeitsweise ist aus einem größeren Forschungsprojekt entstanden. Dort wird ein Orientierungsmodell entwickelt: ein Modell dafür, wie Menschen sich ein Bild ihrer Situation machen, dieses überprüfen, Handlungsmöglichkeiten erkennen und zu Entscheidungen kommen.
Für die KI-gestützte Wissensarbeit erwies sich dieses Modell zugleich als Analyseinstrument. Aus ihm ließen sich Fragen, Kategorien und Prüfschritte für die Arbeit mit Quellen entwickeln.
Wie dieses Modell genau aufgebaut ist, würde an dieser Stelle zu weit führen. In unserer Untersuchung hatte es einen sehr praktischen Zweck: Es half dabei, die Arbeit mit der KI so zu strukturieren, dass ihre Ergebnisse überprüfbar blieben.
Wer ist also der Autor?
KI-gestützte Wissensarbeit verwischt leicht die Grenze zwischen eigenem und maschinell erzeugtem Text. Für die Verantwortung hilft diese Unterscheidung nur begrenzt.
Entscheidend ist, wer das Ergebnis veröffentlicht.
Wer einen Text unter dem eigenen Namen veröffentlicht, übernimmt damit die Verantwortung für das gesamte Produkt – auch für die Teile, bei denen KI mitgearbeitet hat.
Dazu muss die Autorin nicht jeden einzelnen Arbeitsschritt selbst ausgeführt haben. Sie muss aber nachvollziehen können, wie die wesentlichen Aussagen zustande gekommen sind, worauf sie beruhen und wo Unsicherheiten liegen.
Das ist der Zweck dieser Methode.
Sie soll die Urteilsbildung nicht an die KI abgeben. Sie soll einen Arbeitsprozess schaffen, in dem KI sehr weitgehend eingesetzt wird, und die Autorin trotzdem am Ende ihren Lesern guten Gewissens versichern kann:
Für dieses Ergebnis übernehme ich die Verantwortung.
[Methodisches Rabbit Hole am Ende des Beitrags: RH 7 – Wer trägt eigentlich die Verantwortung?]
Quellen und Weiterlesen
Interviews
Die Fallanalysen beruhen auf Videointerviews der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die im Arbeitsprozess verwendeten Transkripte wurden von der Autorin aus den Videos erstellt.
- Heiner Hellfritzsch (Florena): Bundesstiftung Aufarbeitung, Treuhandbetriebe Interviews: Heiner Hellfritzsch (Florena). Video und Angaben zum Interview. Relevante Stellen: Umbruch und erste Westkontakte 0:10–3:22; Zusammenbruch der bisherigen Absatzordnung und neue Marktbedingungen 4:18–8:06; MBO, Finanzierung und Aneignung der neuen Marktordnung, darunter „das System inhalieren“ 8:17–16:54.
- Paul Morzynski (Halloren): Bundesstiftung Aufarbeitung, Treuhandbetriebe Interviews: Paul Morzynski (Halloren Schokoladenfabrik). Video und Angaben zum Interview. Relevante Stellen: beruflicher Zugang zur ostdeutschen Transformation und Erwerb Hallorens 0:49–4:58; materielle Lage, Beschäftigungs- und Investitionszusagen 6:34–9:58; besondere Bindung der Belegschaft und Entstehung gegenseitigen Vertrauens 15:47–17:11; aus dem zunächst begrenzten Engagement werden rund 25 Jahre 19:57–23:03.
- Michael Clausecker: Bundesstiftung Aufarbeitung, Treuhand: Interview mit Michael Clausecker. YouTube. Relevante Stellen: Wechsel zur Treuhand, Privatisierungsauftrag und Arbeitsweise 1:19–4:39; gesellschaftliche Verantwortung und Selbstbeschreibung als „Facilitator“ 8:13–9:27; Begründung der schnellen Privatisierung ab 9:36; Wechsel der Perspektive in Niesky und persönlich erlebter Personalabbau 16:56–18:04.
- Detlef Scheunert: Bundesstiftung Aufarbeitung, Treuhand: Interview mit Detlef Scheunert. YouTube. Relevante Stellen: Erfahrung der DDR-Wirtschaft und ihrer betrieblichen Realität 5:25–12:02; Weg zur Treuhand, westdeutsch dominierte Führung und eigener Aufstieg zum Direktor 12:11–18:35; rückblickende Begründung der Treuhand als Transformationsinstitution und des Privatisierungskurses 19:24–22:15. Die weitergehenden Aussagen Scheunerts zu Eigentumsstruktur, „verlängerter Werkbank“ und ostdeutschem Unternehmertum werden im Beitrag durch die zusätzlich genannten Quellen belegt.
- Ralph Steger und Ken-Peter Paulin: Kontrollfälle für die Prüfung von Herkunft, Position und Tätigkeit. Bundesstiftung Aufarbeitung, Treuhand-Interviews nach Organigramm.
Währungsunion und wirtschaftlicher Übergang
- Bundeszentrale für politische Bildung: Der Fall der Mauer – Sternstunde einer friedlichen Revolution. Zu den Übersiedlerzahlen nach dem Mauerfall: 1989 insgesamt 343.854, im Januar 1990 73.729, im Februar 63.893 und im März 46.241. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/539075/der-fall-der-mauer-sternstunde-einer-friedlichen-revolution/
- Bundeszentrale für politische Bildung: Zwölf Thesen zu Wirtschaftsumbau und Treuhandanstalt. Zur Volkskammerwahl als wirtschaftspolitischer Zäsur und zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion als rascher Übernahme der bundesdeutschen Wirtschafts- und Rechtsordnung. https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/513279/zwoelf-thesen-zu-wirtschaftsumbau-und-treuhandanstalt/
- Deutsche Bundesbank: Der Vertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion – Die Vorstufe zur Deutschen Einheit. Zur politischen Entscheidung über die Währungsunion, zum Umstellungskurs und zu den damaligen Warnungen vor Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit der DDR-Unternehmen. https://www.bundesbank.de/de/presse/reden/der-vertrag-ueber-die-waehrungs-wirtschafts-und-sozialunion-die-vorstufe-zur-deutschen-einheit-710860
- Deutsche Bundesbank: Von der Mark der DDR über die D-Mark zum Euro – der 1. Juli 1990. Zur Marktöffnung, zum Wettbewerbsdruck und zu den Umstellungskursen. https://www.bundesbank.de/de/presse/gastbeitraege/von-der-mark-der-ddr-ueber-die-d-mark-zum-euro-der-1-juli-1990-608106
- Deutsche Bundesbank: Monatsbericht Juli 1990. Zeitgenössische Darstellung der Währungsunion und der Wettbewerbsproblematik. https://www.bundesbank.de/resource/blob/691212/f5254d55c2a138dcb33d867bdc5be6a5/mL/1990-07-monatsbericht-data.pdf
Treuhand, Privatisierung und Eigentumsstruktur
- Bundeszentrale für politische Bildung: Treuhandanstalt und Wirtschaftsumbau. Zur Privatisierungsstrategie und zur Eigentümerstruktur: rund 80 Prozent der privatisierten Unternehmen gingen an westdeutsche, 14 Prozent an ausländische und 6 Prozent an ostdeutsche Erwerber. https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/315873/treuhandanstalt-und-wirtschaftsumbau/
- Bundesstiftung Aufarbeitung: Die Treuhand. Geschichte und Bilanz. Zur Schlussbilanz von 12.354 Treuhand-Unternehmen: 6.546 privatisiert, 1.588 reprivatisiert, 310 kommunalisiert, 3.718 abgewickelt und 192 an Nachfolgegesellschaften übergeleitet. https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/sites/default/files/shop/abzug_treuhand_lzt_030615.pdf
- Bundeszentrale für politische Bildung: Die Geburtsstunde der Treuhand. Zur Entstehung der Treuhand, zum Eigentumstransfer und zur Wahrnehmung als „Ausverkauf“. https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/201919/die-geburtsstunde-der-treuhand/
Soziale Abfederung und Arbeitsmarktpolitik
- Bundeszentrale für politische Bildung: Die ostdeutschen Regionen im Wandel. Zur sozialen Abfederung durch Vorruhestand, Kurzarbeit, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und berufliche Weiterbildung; in der Hochphase 1991 wurden mehr als 2,8 Millionen Menschen durch solche Maßnahmen erfasst. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/538780/die-ostdeutschen-regionen-im-wandel-regionale-aspekte-des-transformationsprozesses/
- Bundeszentrale für politische Bildung: Probleme der inneren Einigung. Zur Übertragung des westdeutschen Systems sozialer Sicherung durch Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion und Einigungsvertrag. https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/deutsche-teilung-deutsche-einheit/43787/probleme-der-inneren-einigung/
- Bundeszentrale für politische Bildung: Treuhandanstalt: Bilanz und Perspektiven. Zu Kurzarbeit, Qualifizierung, Arbeitsfördergesellschaften, Sozialplänen und der sozialen Abfederung von Personalabbau in Treuhandunternehmen. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/537119/treuhandanstalt-bilanz-und-perspektiven/
Florena nach der Privatisierung
- Beiersdorf: Meilensteine. Zur vollständigen Übernahme Florenas im Jahr 2002 und zur bereits vor 1989 begonnenen Zusammenarbeit. https://www.beiersdorf.de/ueber-uns/unsere-geschichte/meilensteine
- Beiersdorf: Markengeschichte Florena. Zur Privatisierung nach der Wiedervereinigung und zur vollständigen Zugehörigkeit zu Beiersdorf seit 2002. https://www.beiersdorf.de/marken/markengeschichte/florena
- dpa/ZEIT: Beiersdorf hat mit Produktion im neuen Werk begonnen, 3. Mai 2023. Zur Aufnahme der Produktion in Leipzig und zur Schließung des Standorts Waldheim; ein erheblicher Teil der Beschäftigten wechselte nach Leipzig. https://www.zeit.de/news/2023-05/03/beiersdorf-hat-mit-produktion-im-neuen-werk-begonnen
Institutionelle Zuständigkeiten und Aufbau Ost
- Bundeszentrale für politische Bildung: Aufbau Ost. Überblick über die Verteilung wirtschaftspolitischer Maßnahmen zwischen Privatisierung durch die Treuhand, Infrastruktur- und Investitionsförderung sowie kommunalen und staatlichen Aufgaben. https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/501143/aufbau-ost/
- Bundeszentrale für politische Bildung: Zentrale Akteure im Feld der Arbeitsmarktpolitik. Zur verteilten Verantwortung von Bund, Ländern, Kommunen, Arbeitsverwaltung, Gewerkschaften und Arbeitgebern in der Arbeitsmarktpolitik. https://www.bpb.de/themen/arbeit/arbeitsmarktpolitik/305698/zentrale-akteure-im-feld-der-arbeitsmarktpolitik/
- Bundeszentrale für politische Bildung: Massenentlassungen, Mobilität und Arbeitsmarktpolitik. Zu Vorruhestand, Kurzarbeit, ABM, Qualifizierung und Beschäftigungsgesellschaften als Instrumenten zur Bearbeitung der Beschäftigungsfolgen des Transformationsprozesses. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/536625/massenentlassungen-mobilitaet-und-arbeitsmarktpolitik-das-beispiel-zweier-ostdeutscher-grossbetriebe/
Personal und Führung der Treuhand
- Bundesstiftung Aufarbeitung: Der Alltag einer umstrittenen Behörde: Treuhand Interviews. Zur Personalstruktur: klare Mehrheit der Beschäftigten ostdeutsch und weiblich, Führungskräfte überwiegend westdeutsch und männlich. https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/dossiers/die-treuhandanstalt/alltag-einer-umstrittenen-behoerde
- Bundesstiftung Aufarbeitung: Die Treuhand. Geschichte und Bilanz. Zur Entwicklung der Beschäftigtenstruktur und zur westdeutschen Dominanz der Führungsebenen. https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/sites/default/files/shop/abzug_treuhand_lzt_030615.pdf
- Bundesstiftung Aufarbeitung: Treuhand: Interview mit Detlef Scheunert. Scheunert wird dort als einziger Ostdeutscher auf dieser Führungsebene und als Direktor für Glas, Keramik und Optik beschrieben. https://www.youtube.com/watch?v=azmbaEVDzE4
Deindustrialisierung und wirtschaftspolitische Alternativen
- Roland Czada: Das zentralistische Erbe. Die institutionelle Entwicklung der Treuhandanstalt und die Nachhaltigkeit ihrer Auswirkungen auf die bundesstaatlichen Verfassungsstrukturen, APuZ 43–44/1994. Zum McKinsey-/Goldman-Sachs-Gutachten für Halle–Leipzig–Bitterfeld, zu negativen Kettenwirkungen, „industriellen Kernregionen“ und Sanierungsalternativen. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/537118/das-zentralistische-erbe-die-institutioneile-entwicklung-der-treuhandanstalt-und-die-nachhaltigkeit-ihrer-auswirkungen-auf-die-bundesstaatlichen-verfassungsstrukturen/
- Varinia Bernau: Unsichtbare Grenzen, Süddeutsche Zeitung, 15. September 2015. Zu Scheunerts Versuch, zwölf verbliebene Unternehmen ostdeutschen Managern zur eigenverantwortlichen Sanierung zu übertragen und dafür britisches Risikokapital zu gewinnen. https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/mitwochsportraet-unsichtbare-grenzen-1.2648733
Recht und Eigentum
- Katharina Pistor: The Code of Capital: How the Law Creates Wealth and Inequality, Princeton University Press 2019. Zum Grundgedanken, dass Vermögenswerte durch Recht als Kapital „codiert“ und die daraus entstehenden Ansprüche staatlich durchsetzbar werden. Übersicht bei Columbia Law School: https://www.law.columbia.edu/faculty/katharina-pistor
- Katharina Pistor: The Code of Capital: How the Law Creates Wealth and Inequality – Core Themes, 2021. Kurze Darstellung der These „Capital is coded in law“. https://scholarship.law.columbia.edu/faculty_scholarship/3183/
Hinweis zur Verwendung der Quellen
Die Interviews werden als Quellen für die Situationsvorstellungen, Erfahrungen und rückblickenden Deutungen der Beteiligten verwendet. Historische und wirtschaftliche Sachverhalte werden, soweit sie für die Analyse entscheidend sind, zusätzlich mit unabhängigen Quellen geprüft. Die weitergehenden Interpretationen des Beitrags – etwa die Bezeichnung des Eigentumstransfers als „Raubzug westdeutscher Kapitaleigner“ – sind als Deutungen der Autorin kenntlich gemacht und werden nicht den zitierten Quellen zugeschrieben.