Dmitry Babich über Ultraliberalismus

Auf Einladung des Center for Citizen Initiatives (CCI) sprach Dmitry Babich im Jahr 2018 vor amerikanischen Zuhörern über das Verhältnis zwischen Russland bzw. den osteuropäischen Staaten und dem Westen.

Seiner Auffassung nach kam es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu einem kulturellen Clash, bei dem es den Osteuropäern v.a. um gute wirtschaftliche Beziehungen mit dem Westen ging, während der Westen – vorwiegend ideologie-getrieben – die vollständige Unterwerfung Osteuropas und Russlands unter sein Ordnungs- und Werte-System erwartete. Dies belegt er an vielen Beispielen.

Seiner Meinung nach greift der Begriff Neoliberalismus zu kurz. Er prägt den Begriff ‚Ultraliberalismus‘  und siedelt diese Weltanschauung und ökonomisch/politische Herrschaftsform als dritte totalitäre Ideologie auf der gleichen Ebene an wie den Nationalsozialismus oder den sowjetisch-geprägten Sozialismus, gekennzeichnet durch den missionarisch-weltverbesserischen Eifer, die ganze Welt den eigenen Vorstellungen zu unterwerfen, und einer „kill-them-all Mentalität“, denen gegenüber, die sich dem widersetzen.

Der Gegenentwurf sei die vorbehaltlose Anerkennung des Prinzips der nationalen Souveränität und dem Aufbau gleichberechtigter internationaler Beziehungen.

Food for thought!

 

Dmitry Babich, born in Moscow, has been an active journalist for 25 years, focusing on Russian politics. Graduating from Moscow State University, Babich has had a successful career in Russian journalism. He has previously been a senior correspondent at the Komsomolskaya Pravda daily, RIA Novosti, and Russia Profile magazine. Between 1999 and 2003 Babich was foreign editor at The Moscow News before returning to Russia Profile in 2009 as acting editor-in-chief. His core areas of focus include Russia’s modern political history, international relations. Babich is also a political analyst at The Voice of Russia.

The Center for Citizen Initiatives (CCI) sponsors Citizen-to-Citizen initiatives and exchanges between the United States and Russia in the interests of better relations between our countries, and has been doing so since the 1980’s.

2 Gedanken zu „Dmitry Babich über Ultraliberalismus

  • Die ultraliberale Ideologie erscheint vielen von uns als so einleuchtend, dass wir sie freiwillig übernehmen und weitergeben: im Glauben an unsere moralische, politische und wirtschaftliche Überlegenheit müssen Serbien, Libyen und Syrien bombadiert werden. Die Geschädigten einer solchen Politik nehmen wir als Menschen nicht wahr, uns interessieren nicht die mörderischen Folgen der Sanktionen im Irak und Iran, in Syrien und Venezuela, denn dort müssen ja böse Regimes in ihre Schranken verwiesen werden; nicht die Toten in Libyen, angefangen beim Lynchmord an Gadhafi über das Bürgerkriegschaos bis hin zu den Flüchlingen, die über Libyen nach Europa zu kommen versuchen und im Mittelmeer ertrinken; nicht das Schicksal von Assange, der unschuldig im Hochsicherheitsgefängnis sitzt, aber als angeblicher Vergewaltiger und Trump-Begünstiger kein menschliches Mitgefühl verdient.
    Und Hilary Clinton (https://www.youtube.com/watch?v=mlz3-OzcExI) und Madelaine Albright (https://www.youtube.com/watch?v=4iFYaeoE3n4) sind leuchtende feministische Vorbilder.

  • «So sehr wir also versucht sind, den moralischen Zeigefinger zu erheben: Die Ursache für das Systemversagen der Staatenwelt – ob im Fall Julian Assange oder in anderen Fällen – ist nicht moralischer Natur, sondern neurobiologisch und sozialpsychologisch verankert. […] Wie ich in meinem Bericht an die Uno-Generalversammlung im Oktober 2020 darlegte, werden auch komplexe politische Entscheidungsprozesse vorwiegend von unbewussten Emotionen gesteuert, welche in erster Linie auf die eigene Existenzsicherung und die Vermeidung von potentiell bedrohlichen Konflikten abzielen. Unbequeme Wahrheiten und moralische Dilemmata werden dabei mit verschiedenen Formen der Selbsttäuschung ausgeblendet, verdrängt oder schöngeredet. Das Resultat dieses (Selbst-)Täuschungsprozesses ist immer ein moralfreier Raum, in dem Unmenschlichkeit und Unredlichkeit praktiziert werden können, ohne als solche wahrgenommen zu werden.»

    – Nils Melzer, Der Fall Assange, S. 261

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