Noch einmal zurück in die Wendezeit
Vier dieser Lebensgeschichten haben wir bereits untersucht.KI Damals ging es darum, wie Menschen den Zusammenbruch der DDR und die deutsche Vereinigung in ihrem Alltag bewältigten.
Diesmal interessiert eine andere Frage. Die sechs Menschen hatten sehr unterschiedliche politische Ausgangspunkte und gingen sehr unterschiedlich durch die Transformation. Manche gewannen neue Möglichkeiten, andere verloren Arbeit und Sicherheit.
Doch bei fünf von ihnen ist am Ende eine deutliche Distanz zu den entstandenen Verhältnissen zu erkennen.
Warum?
Die Antwort scheint weder einfach in ihrer früheren Haltung zur DDR noch darin zu liegen, ob sie persönlich zu Gewinnern oder Verlierern der Transformation gehörten.
→ Sechs Menschen, ihre Geschichten — und die Suche nach einer Erklärung
Sechs Menschen – zunächst auf einen Blick
Tikovsky – Mitreden
Tikovsky ist Werkzeugmacher, Ende dreißig. Schon in der DDR steht er der politischen Ordnung kritisch gegenüber und lehnt eine politische Karriere für sich ab. Die Öffnung von 1989 begrüßt er. Beteiligung bedeutet für ihn aber mehr als wählen zu können: Er möchte mitreden und Einfluss auf die Angelegenheiten haben, die sein Leben und seine Arbeit betreffen.
→ Tikovskys Geschichte
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Schon vor 1989 steht Tikovsky der politischen Ordnung der DDR kritisch gegenüber. Eine politische Karriere, die ihm Möglichkeiten zum Aufstieg hätte bieten können, lehnt er ab. Zugleich interessiert er sich für gesellschaftliche Fragen und diskutiert viel mit Freunden und Kollegen.
Die Öffnung von 1989 begrüßt er. Mit ihr verbindet er Erwartungen an Demokratie und Beteiligung. Dabei geht es ihm nicht nur um Parteien oder Wahlen. Auch in seinem Betrieb will er mitreden.
Mit der Transformation zerfällt gerade dieser Zusammenhang. Der Betrieb gerät in die Krise, Kollegen verlieren sich aus den Augen, schließlich wird Tikovsky arbeitslos. Er versucht trotzdem, Einfluss zu nehmen, verfolgt die Auseinandersetzungen um den Betrieb, bildet sich weiter und kämpft später für die Verlängerung der Auffanggesellschaft.
Auch politisch sucht er nach Möglichkeiten der Beteiligung. Doch Parteien und Organisationen entsprechen seinen Vorstellungen immer weniger. Er möchte sich engagieren, ohne sich „vereinnahmen“ zu lassen, und kritisiert die zunehmende Entfernung zwischen Politikern und Bürgern.
Auffällig ist die Kontinuität seines Anspruchs. Tikovsky hatte die DDR nicht deshalb kritisiert, weil er sich aus gemeinsamen Angelegenheiten heraushalten wollte. Im Gegenteil: Er wollte Einfluss nehmen. Auch die neue Ordnung beurteilt er daran, welche Möglichkeiten Menschen tatsächlich haben mitzureden.1
Flieger – Neu anfangen
Flieger war Politoffizier bei der NVA — Politik gehörte damit zu seinem Beruf und seiner Stellung in der DDR. Mit deren Ende verliert er seine bisherige Laufbahn. Er orientiert sich schnell neu und baut sich als Versicherungskaufmann eine erfolgreiche Existenz auf. Zur Politik gewinnt er dagegen ein zunehmend distanziertes Verhältnis.
→ Fliegers Geschichte
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Flieger war Politoffizier bei der NVA. Beruf und Politik waren damit in seinem bisherigen Leben eng miteinander verbunden. Mit dem Ende der DDR verschwindet nicht nur sein Arbeitsplatz, sondern die gesamte berufliche und politische Laufbahn, auf die er sich vorbereitet hatte.
Er reagiert schnell. Flieger qualifiziert sich neu und macht sich als Versicherungskaufmann selbständig. Die neue Wirtschaftsordnung eröffnet ihm Möglichkeiten, die er erfolgreich nutzt. Seine organisatorischen und kommunikativen Fähigkeiten bleiben wertvoll, auch wenn sie nun in einem völlig anderen Zusammenhang gebraucht werden. Materiell gehört er eher zu den Gewinnern der Transformation.
Die neue Tätigkeit beansprucht allerdings viel Zeit; seine Frau hält ihm im privaten Bereich den Rücken frei. Politisch entwickelt sich Flieger in eine andere Richtung.
Flieger sagt, Politik interessiere ihn nicht mehr. Er habe einen „Schnitt“ gemacht, lese keine Zeitung und nimmt sogar an einer Bundestagswahl nicht teil. Ganz unpolitisch ist diese Haltung jedoch nicht. Er äußert weiterhin deutliche politische Urteile. Die „große Politik“ betrachtet er mit erheblichem Misstrauen. Er warnt davor, dass ein rechtes politisches Potential wieder stark werden könnte, äußert sich zugleich selbst ausgesprochen migrationskritisch und teilweise abwertend über Gruppen von Ausländern. Beides steht im Interview nebeneinander.
Damit entsteht ein bemerkenswerter Gegensatz: Flieger findet beruflich schnell einen neuen Platz, politisch aber offenbar nicht.2
März – Verantwortung behalten
März arbeitet seit vielen Jahren in einem Leipziger Warenhaus und ist dort auch Funktionärin der SED. Beruf, betriebliche Verantwortung und politische Tätigkeit sind in ihrem bisherigen Leben eng miteinander verbunden. Nach 1989 verliert sie ihre politische Funktion, bleibt aber im Betrieb und übernimmt später auch in den neuen betrieblichen Verhältnissen wieder eine Leitungsfunktion.
→ März’ Geschichte
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März arbeitet seit fast zwanzig Jahren in einem Leipziger Warenhaus. Sie ist dort nicht nur beruflich tätig, sondern auch Funktionärin der SED. Betriebliche Arbeit, politische Tätigkeit und Verantwortung für andere gehören für sie eng zusammen. Die politische Funktion bedeutet zusätzliche Verpflichtungen und erhebliche zeitliche Belastung. Aus der Zeit vor 1989 ist von März im Interview keine Kritik an den politischen oder gesellschaftlichen Verhältnissen überliefert. Die zeitliche Belastung durch ihre politische Funktion beschreibt sie zwar deutlich; daraus lässt sich aber keine Kritik an der DDR-Ordnung ableiten.
Mit der Wende verliert sie ihre politische Funktion und zunächst auch ihre bisherige berufliche Stellung. Anders als bei Flieger bleibt jedoch der Betrieb selbst bestehen. März bleibt ebenfalls. Sie muss sich in einer neuen Hierarchie und unter neuen Anforderungen behaupten und übernimmt schließlich wieder eine Leitungsfunktion.
Das ist mehr als eine Geschichte erfolgreicher beruflicher Anpassung. März übernimmt nun Verantwortung innerhalb einer Wirtschaftsordnung, die ganz anders organisiert ist. Sie erlebt Personalabbau und neue Leistungsanforderungen und muss selbst Entscheidungen unter diesen Bedingungen mittragen. Gleichzeitig bleibt ihr wichtig, für die Beschäftigten da zu sein und ihre Leistungen anzuerkennen.
Politisch engagiert sie sich nun deutlich weniger. Politische Urteile verschwinden deshalb aber nicht. Sie äußert sich kritisch über Ausländer und beobachtet Veränderungen in ihrem sozialen Umfeld, etwa zunehmenden Alkoholkonsum. Insgesamt beurteilt sie die gesellschaftliche Entwicklung skeptisch. Wie diese Beobachtungen für sie zusammenhängen und wie weit sie sie selbst politisch deutet, lässt sich aus dem Interview nicht eindeutig bestimmen.
März behauptet sich beruflich in den neuen Verhältnissen und übernimmt erneut Verantwortung. Ihre Skepsis gegenüber der gesellschaftlichen Entwicklung verschwindet damit nicht.3
Barzel – Für andere da sein
Barzel war in der DDR ein kritisches Mitglied der SED und gesellschaftlich engagiert. Nach der Wende versucht sie mit Umschulung und Arbeit, beruflich neu Fuß zu fassen, bleibt aber ohne dauerhafte Beschäftigung. Während ihre eigene berufliche Sicherheit schwindet, wird ihr Zuhause zu einem Anlaufpunkt für die Freunde ihrer Kinder.
→ Barzels Geschichte
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Barzel war in der DDR Mitglied der SED, aber kein unkritisches. Sie versteht sich als jemand, der Verantwortung übernimmt und seine Meinung sagt. 1989 hofft sie nicht einfach auf die Abschaffung der DDR, sondern darauf, dass der Sozialismus endlich so verwirklicht wird, wie er ihrer Vorstellung nach sein sollte.
Mit der Wende bricht ein wesentlicher Teil ihres bisherigen Lebenszusammenhangs weg. Sie versucht, sich beruflich neu zu orientieren, macht eine Umschulung und bemüht sich um Arbeit. Eine dauerhafte neue berufliche Perspektive entsteht daraus jedoch nicht.
Untätig wird Barzel deshalb nicht. Familie, gegenseitige Hilfe und soziale Verlässlichkeit gewinnen besonderes Gewicht. Ihre Wohnung wird zeitweise zu einem Anlaufpunkt für die Freunde ihrer Kinder, die dort Beziehungen, Regeln und Halt finden.
Politisch zieht sie sich zugleich zurück. Dabei reicht ihre Enttäuschung tiefer als die Erfahrung der Arbeitslosigkeit. Rückblickend ist sie auch darüber enttäuscht, dass die eigenen Genossen 1989 nicht selbst die notwendigen Veränderungen in Gang setzten.4
Volkmann – Arbeiten können
Volkmann ist alleinerziehende Mutter und arbeitet im Gesundheitswesen. Ihr Beruf ist für sie von großer Bedeutung: Sie möchte ihre Fähigkeiten einsetzen und eine Arbeit tun, die sie fachlich befriedigt. Doch Kind, Haushalt und knappe Zeit begrenzen ihre Möglichkeiten. 1989 verfolgt sie die Montagsdemonstrationen zunächst mit Abstand, geht jedoch später selbst auf die Straße. Wie sie die weitere politische Entwicklung beurteilt, erfahren wir kaum.
→ Volkmanns Geschichte
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Volkmann ist alleinerziehende Mutter und arbeitet im Gesundheitswesen. Ihr Beruf ist für sie weit mehr als eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Sie möchte ihre medizinischen Fähigkeiten einsetzen, qualifizierte Arbeit leisten und möglichst mit Kindern arbeiten. Berufliche Entwicklung und die Anerkennung ihrer Fähigkeiten gehören zu den wichtigsten Dingen in ihrem Leben.
In der DDR treffen dabei ihr eigener Berufswunsch und ein gesellschaftliches Interesse an der Erwerbstätigkeit von Frauen aufeinander. Ausbildung und Berufstätigkeit eröffnen ihr reale Möglichkeiten. Zugleich muss sie Kind, Haushalt und Beruf unter erheblichem Zeitdruck miteinander vereinbaren.
Dabei stößt sie auch an institutionelle Grenzen. Gegen ihren Willen wird sie von einem Vorgesetzten zur Oberschwester in ein Pflegeheim delegiert, obwohl sie darauf hinweist, dass die damit verbundenen Arbeitszeiten für sie als Alleinerziehende kaum zu bewältigen sind. Der Konflikt tritt tatsächlich ein; schließlich gibt sie die Position wieder auf.
Mit der Wende verändern sich die Bedingungen, nicht aber die Bedeutung ihres Berufs. Auch unter den neuen Verhältnissen findet Volkmann Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten einzusetzen, und stößt zugleich auf Grenzen, die sich aus Arbeit, Kind und knapper Zeit ergeben.
Politisch bleibt sie dabei keineswegs unbeteiligt. Die Montagsdemonstrationen verfolgt sie zunächst mit Abstand, geht jedoch später selbst auf die Straße. Wie sie die politische und gesellschaftliche Entwicklung nach der Wende beurteilt, erfahren wir aus dem Interview allerdings kaum.5
Pattermann – Die Wirtschaft verändern
Pattermann engagiert sich 1989 im Neuen Forum. Wenn er erklärt, was er dort will, spricht er vor allem von der Wirtschaft: Er möchte mit herausfinden, was getan werden kann, um „diese Wirtschaft hier zu ändern“. Das passt zu einem Konflikt, der ihn schon vorher beschäftigt: Er will selbständig handeln und stößt immer wieder an betriebliche und gesetzliche Grenzen.
→ Pattermanns Geschichte
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Pattermann gehört zu denen, die 1989 nicht nur auf Veränderung hoffen, sondern selbst daran mitwirken wollen. Er engagiert sich im Neuen Forum. Wenn er erklärt, was er dort will, spricht er vor allem von der Wirtschaft: Er möchte mit herausfinden, was getan werden kann, um „diese Wirtschaft hier zu ändern“.
Das knüpft an frühere Erfahrungen an. Schon in der DDR stößt Pattermann nach eigener Darstellung immer wieder mit Betrieb oder Gesetz zusammen, wenn er sich „gegängelt“ fühlt. Er möchte selbständig handeln und verlangt „gewisse Handlungsfreiheiten“.
Nach der Vereinigung versucht er, die neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten selbst zu nutzen. Doch nun stößt er auf andere Grenzen. Besonders deutlich wird das an seiner Kritik an Treuhand und Finanzierungsmöglichkeiten: Warum kann jemand wie er keinen Kredit bekommen, einen Betrieb übernehmen und versuchen, neue Märkte zu erschließen?
Seine Kritik endet also nicht mit dem Ende der DDR. Was sich ändert, sind die Verhältnisse, an denen sein Anspruch auf wirtschaftliche Handlungsfreiheit und Gestaltung an Grenzen stößt.6
Was verbindet diese sechs Geschichten?
Sechs Menschen gehen sehr unterschiedlich durch den Umbruch. Einige gewinnen neue Möglichkeiten, andere verlieren Arbeit und Sicherheit. Auch ihre politischen Ausgangspunkte unterscheiden sich erheblich.
Am Ende fällt dennoch eine Gemeinsamkeit auf: Bei fünf von ihnen ist eine deutliche Distanz zu den entstandenen Verhältnissen erkennbar. Nur bei Volkmann wissen wir darüber zu wenig.
Persönlicher Erfolg oder Misserfolg reicht als Erklärung dafür offenbar nicht aus. In den Lebensgeschichten wird noch etwas anderes sichtbar: Die Befragten verfolgen sehr individuelle Ziele, sehen ihr eigenes Leben aber zugleich als Teil gesellschaftlicher Zusammenhänge. Arbeit, wirtschaftliche Selbständigkeit, soziale Sicherheit, Verantwortung für andere oder die Möglichkeit mitzureden betreffen für sie nicht nur das eigene Fortkommen. Darin stecken auch Vorstellungen davon, wie Menschen miteinander leben und wie Gesellschaft funktionieren sollte.
Was geschieht mit solchen Vorstellungen, wenn sich innerhalb weniger Jahre fast die gesamte gesellschaftliche Ordnung verändert?
Was ist eigentlich Politik?
Wer nach politischer Orientierung fragt, könnte zunächst dort suchen, wo die Befragten über Wahlen, Parteien, Demonstrationen oder staatliche Politik sprechen. Damit würde aber ein Teil ihrer Erfahrungen aus dem Blick geraten.
In der DDR waren Betrieb, gesellschaftliche Tätigkeit und politische Organisation institutionell eng miteinander verbunden. Dabei bestimmte die SED den Rahmen für die Mitwirkungsmöglichkeiten der Menschen. Politische Tätigkeit konnte deshalb unmittelbar zum beruflichen und betrieblichen Alltag gehören.
Das sieht man besonders deutlich bei März, deren politische Funktion zum betrieblichen Zusammenhang gehört, und bei Flieger, bei dem Politik sogar Teil des Berufs ist. Tikovsky wiederum lehnt eine politische Karriere ab, will aber in seinem Betrieb mitreden. Pattermann geht 1989 zum Neuen Forum und spricht, wenn er sein Motiv erläutert, von der Veränderung der Wirtschaft.
Deshalb reicht es nicht zu fragen, wer politisch aktiv war. Wir müssen auch fragen, was diese Menschen überhaupt als eine Angelegenheit verstanden, auf die sie gemeinsam mit anderen Einfluss nehmen konnten oder sollten.
Wo konnte man etwas gestalten?
1989 erweitert sich der politische Freiheitsraum grundlegend. Zugleich verändert sich, worüber und in welcher Form Beschäftigte in ihren Betrieben mitwirken können.
Auch in der DDR verfügten die Beschäftigten nicht über ihre Betriebe. Eigentumsordnung, Planvorgaben, Produktionsziele und grundlegende Investitionsentscheidungen wurden außerhalb der Belegschaften festgelegt. Innerhalb dieses vorgegebenen Rahmens gab es jedoch Formen aktiver Mitwirkung an der Organisation der konkreten Arbeit und an betrieblichen Angelegenheiten. Diese Mitwirkung blieb politisch und hierarchisch begrenzt, war aber Bestandteil des betrieblichen Alltags.7
Für die Befragten wird der Bruch besonders deutlich, als über die Zukunft ihrer Betriebe entschieden wird. Gerade in diesem Augenblick können sie darüber nicht mitentscheiden. Tikovsky verfolgt die Auseinandersetzungen um seinen Betrieb und versucht Einfluss zu nehmen, aber die Entscheidung liegt anderswo. März erlebt Eigentümerwechsel, Personalabbau und Neuorganisation ihres Warenhauses, ohne dass die Beschäftigten über diese grundlegenden Veränderungen entscheiden. Bei Barzel verschwindet der bisherige betriebliche Zusammenhang schließlich ganz.
Und sofern Beschäftigung erhalten bleibt, verändert sich auch die Mitwirkung innerhalb des Betriebs. Die bisherigen Formen werden durch eine andere Ordnung ersetzt: Die Leitung des Betriebs liegt beim Unternehmen; Arbeitnehmer haben gesetzlich gesicherte Rechte, und wo Betriebsräte bestehen, kommen institutionalisierte Mitwirkungs- und Mitbestimmungsrechte hinzu. Diese Interessenvertretung entsteht jedoch nicht automatisch. Beschäftigte müssen selbst einen Betriebsrat initiieren und wählen; tatsächlich bestehen Betriebsräte vor allem in größeren Betrieben. Auch die Möglichkeiten der neuen Mitbestimmungsordnung mussten deshalb erst kennengelernt und praktisch genutzt werden.8
Die Beschäftigten gewinnen also keine Verfügung über die Zukunft ihrer Betriebe; zugleich verändert sich ihre aktive Mitwirkung im betrieblichen Alltag.
Pattermann geht noch einen Schritt weiter. Er fragt nicht nur nach Mitwirkung innerhalb eines Betriebs. Er möchte selbst wirtschaftlich handeln, einen Betrieb übernehmen und neue Märkte erschließen. Gerade die neue Ordnung verspricht dafür größere Freiheit. Nun stößt er auf Eigentums- und Finanzierungsverhältnisse, die darüber entscheiden, wer diese Freiheit tatsächlich nutzen kann.
Flieger bildet dazu einen Kontrast. Er kann die neuen Möglichkeiten privater Selbständigkeit erfolgreich nutzen und gewinnt erheblichen individuellen wirtschaftlichen Handlungsspielraum. Das zeigt zugleich: Individuell wirtschaftlich handeln zu können ist nicht dasselbe wie gemeinsam über betriebliche und gesellschaftliche Verhältnisse mitwirken zu können.
Es geht also nicht darum, dass DDR-Beschäftigte über ihre Betriebe verfügt hätten. Das taten sie nicht. Aber in der Transformation brachen bisherige betriebliche Mitwirkungszusammenhänge weg oder wurden grundlegend verändert, ohne dass die Beschäftigten dafür Entscheidungsgewalt über die nun anstehenden existentiellen Fragen ihrer Betriebe gewannen.
Wenn die alten Koordinaten nicht mehr tragen
Die fünf sind mit sehr unterschiedlichen Dingen unzufrieden. Auffällig ist aber noch etwas anderes: Keine gemeinsame politische Alternative zeichnet sich ab.
Das lässt sich zunächst aus der Situation von 1989/90 verstehen. Für kurze Zeit war nicht nur die politische Führung der DDR, sondern auch die künftige gesellschaftliche Ordnung offen. Bürgerbewegungen diskutierten über Demokratie, Wirtschaftsreformen und neue Formen gesellschaftlicher Beteiligung. Manche wollten die DDR reformieren, andere möglichst schnell die deutsche Einheit.
Schon 1990 wurde dieser offene Möglichkeitsraum jedoch weitgehend geschlossen. Mit Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion und deutscher Vereinigung wurde im Osten im Wesentlichen die institutionelle Ordnung der Bundesrepublik übernommen.9 Damit änderte sich auch die Orientierungsaufgabe. Es ging für die Einzelnen nun nicht mehr vor allem darum, welche gesellschaftliche Ordnung entstehen sollte. Sie mussten ihren Platz in einer Ordnung finden und sich politisch zu ihr verhalten, deren Grundstrukturen weitgehend feststanden.
Was diese Ordnung im Alltag bedeutete, wussten sie jedoch noch gar nicht. Die meisten Ostdeutschen kannten die Marktwirtschaft nicht aus eigener Lebenserfahrung. Vorstellungen davon gab es selbstverständlich. Sie waren aber auch durch die DDR geprägt, in deren offizieller Darstellung Kapitalismus und Marktwirtschaft als grundsätzlich krisenhafte und sozial ungerechte Ordnung erschienen. Diese Darstellung war propagandistisch und einseitig; daraus folgt jedoch nicht, dass die Menschen sie einfach übernommen hätten.10
Mit der Transformation mussten die Menschen deshalb nicht nur eine ihnen aus eigener Erfahrung unbekannte Wirtschaftsordnung kennenlernen. Sie mussten zugleich überprüfen, was von dem stimmte, was ihnen über diese Ordnung erzählt worden war. Und diese Prüfung fand nicht im Lehrbuch statt, sondern im eigenen Leben.
Genau das zeigen auch die sechs Lebensgeschichten. Tikovsky, März und Barzel erfahren die neue Wirtschaftsordnung wesentlich über Veränderungen ihrer Betriebe und ihrer Erwerbsmöglichkeiten. Pattermann entdeckt neue wirtschaftliche Handlungsmöglichkeiten und zugleich deren Grenzen durch Eigentums- und Finanzierungsverhältnisse. Flieger kann die neuen Möglichkeiten zur Selbständigkeit erfolgreich nutzen. Volkmanns berufliche Entwicklung verläuft weniger unmittelbar entlang des Systembruchs; auch unter den neuen Bedingungen bleiben für sie Beruf, Kind und verfügbare Zeit entscheidende Größen.
Damit entstand eine komplexe Orientierungssituation. Manches, was ihnen zuvor im Rahmen der DDR-Propaganda über den Kapitalismus vermittelt worden war, begegnete ihnen nun als reale Erfahrung oder reale Möglichkeit — etwa Arbeitslosigkeit, Konkurrenz oder die Macht von Eigentum und Kapital. Anderes erwies sich anders als erwartet: Die Marktwirtschaft eröffnete individuelle Handlungs-, Konsum- und Aufstiegsmöglichkeiten, die die DDR nicht geboten hatte. Beides musste gleichzeitig verarbeitet werden.
Die gesellschaftlichen Vorstellungen, die wir in den Lebensgeschichten gefunden haben, verschwanden mit der DDR jedoch nicht. Individuelle Handlungsfreiheit, soziale Sicherheit, Verantwortung für andere und Möglichkeiten der Mitwirkung blieben miteinander verbunden.
Der Sozialismus hatte als politische Ordnung massiv an Glaubwürdigkeit verloren. Auch eine konservativ-marktwirtschaftliche Antwort bot nicht ohne Weiteres einen politischen Ort dafür. Wo individuelle Freiheit vor allem mit Markt und Privateigentum und gesellschaftlicher Zusammenhalt stärker mit Heimat, Nation, Tradition oder Religion verbunden wurden, traf dies nur teilweise auf die Vorstellungen, die in diesen Lebensgeschichten sichtbar werden.
Blickt man über die Interviews hinaus, boten auch die politischen Kräfte, bei denen man andere Anknüpfungspunkte hätte vermuten können, keine einfache Antwort. Die Sozialdemokratie stand zu Beginn der Transformation noch deutlich in ihrer sozialstaatlichen Tradition, öffnete sich aber im weiteren Verlauf der 1990er Jahre stärker marktorientierten Vorstellungen.11 Die Grünen wiederum entstammten wesentlich einer westdeutschen politischen Erfahrungswelt der neuen sozialen Bewegungen. Ihre Themen und Konfliktlinien überschnitten sich zwar teilweise mit denen der ostdeutschen Bürgerbewegungen, waren mit den Erfahrungen unserer Befragten aber keineswegs deckungsgleich.12
Damit stellte sich eine neue Frage: Wo findet man innerhalb der nun gegebenen Ordnung einen politischen Ort für die eigenen Vorstellungen davon, wie individuelles Leben und gesellschaftliche Verantwortung zusammengehören?
Die sechs Interviews geben darauf keine gemeinsame Antwort. Barzel hatte auf eine Reform des Sozialismus gehofft und sieht rückblickend eine Chance vertan. Tikovsky sucht Beteiligungsmöglichkeiten, ohne sich vereinnahmen zu lassen. Pattermann will wirtschaftlich selbständig handeln und stößt unter den neuen Bedingungen auf die Macht von Eigentum und Finanzierung. Flieger findet wirtschaftlich einen neuen Platz, politisch offenbar nicht. März behauptet sich beruflich, wird politisch aber gleichgültiger und beurteilt gesellschaftliche Entwicklungen skeptisch. Bei Volkmann wissen wir über die weitere politische Orientierung zu wenig.
Vielleicht liegt gerade darin ein wichtiger Befund der Transformation: Eine alte politische Ordnung und die mit ihr verbundenen politischen Zuordnungen verlieren ihre Glaubwürdigkeit. Die gesellschaftlichen Vorstellungen der Menschen verschwinden damit aber nicht. Sie müssen unter neuen, bereits gesetzten institutionellen Bedingungen und auf der Grundlage völlig neuer eigener Erfahrungen politisch neu verortet werden.
Unzufrieden – aber womit?
Die Distanz zur neuen Ordnung ergibt keine gemeinsame politische Position. Die fünf nehmen unterschiedliche Probleme wahr und setzen ihre Kritik an unterschiedlichen Stellen an.
Tikovsky kritisiert vor allem die Entfernung zwischen Politikern und Bürgern und sucht nach Möglichkeiten, sich einzumischen, ohne sich einer Organisation unterordnen zu müssen.
Pattermann richtet seine Kritik auf die neue Wirtschaftsordnung. Die versprochene wirtschaftliche Handlungsfreiheit erlebt er als ungleich verteilt.
März beurteilt gesellschaftliche Entwicklungen skeptisch. Sie spricht über Alkoholkonsum und äußert sich kritisch über Ausländer. Wie diese Beobachtungen für sie zusammenhängen und wem sie dafür Verantwortung zuschreibt, lässt sich aus dem Interview nicht sicher rekonstruieren.
Flieger äußert grundsätzliches Misstrauen gegenüber der „großen Politik“. Zugleich warnt er vor einem erstarkenden rechten Potential und äußert sich selbst migrationskritisch und teilweise abwertend über Gruppen von Ausländern. Diese Aussagen stehen im Interview nebeneinander.
Barzels Enttäuschung beginnt schon 1989. Sie hatte die Missstände der DDR gesehen, wollte aber nicht einfach eine andere Gesellschaftsordnung. Sie erwartete vielmehr, dass der Sozialismus endlich so verwirklicht würde, wie er ihrer Vorstellung nach sein sollte. Besonders enttäuscht sie, dass nicht die eigenen Genossen die notwendigen Veränderungen in Gang setzen. In ihrer Rückschau erscheint 1989 damit auch als eine verpasste Möglichkeit zur Reform.
Die gemeinsame Distanz zerfällt damit in sehr verschiedene Fragen: Wie viel Einfluss haben Bürger? Wer verfügt über wirtschaftliche Möglichkeiten? Warum geraten soziale Verhältnisse aus dem Gleichgewicht? Welche gesellschaftliche Ordnung wäre überhaupt wünschenswert?
Eine gemeinsame politische Antwort ist nicht zu erkennen.
Was sagt das über heute – und was gerade nicht?
Die sechs Lebensgeschichten erklären nicht, warum die AfD heute in Ostdeutschland so stark ist. Die Interviews stammen aus den frühen Jahren der Transformation. Wir wissen nicht, wie sich die politischen Vorstellungen dieser Menschen später entwickelten.
Die Untersuchung zeigt aber, was wir als Nächstes fragen müssen. Bisher haben wir die Transformation aus der Perspektive derjenigen betrachtet, die sich in einer neuen gesellschaftlichen Ordnung zurechtfinden mussten. Nun wäre zu untersuchen: Worauf stießen sie bei diesem Anpassungsprozess?
Hier werden die Wendemacher interessant — jene Menschen, die die neuen Verhältnisse praktisch mit aufbauten, vermittelten und durchsetzten. Welche Vorstellungen von Arbeit, Wirtschaft, individueller und gesellschaftlicher Verantwortung brachten sie mit?
Daraus ergibt sich eine neue Hypothese: Vielleicht trafen in der Transformation nicht nur unterschiedliche Interessen aufeinander, sondern auch unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Gesellschaft funktioniert und wer wofür verantwortlich ist. Was der einen Seite als notwendige wirtschaftliche Anpassung oder Eigeninitiative erschien, konnte die andere als Verlust von Einfluss, sozialer Verantwortung oder Verlässlichkeit erfahren.
Vielleicht verstand man sich in einem grundlegenderen Sinne nicht — und dieses Nichtverstehen könnte sowohl zur Entfremdung zwischen Ost und West als auch zu wachsender Distanz gegenüber Politik, Parteien und staatlichen Institutionen beigetragen haben.
Das wissen wir noch nicht. Der nächste Schritt ist deshalb, die andere Seite zu betrachten: die Wendemacher.
Quellen und Anmerkungen
- Auch dieser Beitrag entstand mithilfe einer KI-gestützten Analysemethode. Die Interviews wurden systematisch rekonstruiert und miteinander verglichen; überprüfbare Annahmen wurden, soweit erforderlich, gesonderten Realitätschecks unterzogen. Erkenntnisinteresse, Fragestellungen, Auswahl- und Vertiefungsentscheidungen sowie die Bewertung der Ergebnisse lagen bei der Autorin. Die KI diente als Arbeitsinstrument für Materialerschließung, Vergleich, Recherche sowie Formulierung und Überarbeitung. Das Vorgehen und die Rolle der KI sind im vorhergehenden Beitrag der Reihe, „Wie politische Orientierung entsteht (1) – Vier Leben in der Transformation“, ausführlicher beschrieben. ↩
- Vgl. Margit Weihrich, *Kursbestimmungen. Eine qualitative Paneluntersuchung der alltäglichen Lebensführung im ostdeutschen ↩
- Vgl. Weihrich, *Kursbestimmungen*, Fallgeschichte Flieger, S. 253–276, besonders S. 270–271. Dort sagt Flieger, bei Politik ↩
- Vgl. Weihrich, *Kursbestimmungen*, Fallgeschichte März, S. 337–365, besonders S. 342–344 und 363–364. März beschreibt den ↩
- Vgl. Weihrich, *Kursbestimmungen*, Fallgeschichte Barzel, S. 231–250; zur Parteidisziplin und ihrer rückblickenden Kritik ↩
- Vgl. Weihrich, *Kursbestimmungen*, Fallgeschichte Volkmann, S. 416–444, besonders S. 421. Volkmann berichtet dort, dass sie zu den ↩
- Vgl. Weihrich, *Kursbestimmungen*, Fallgeschichte Pattermann, S. 200–204. Pattermann erklärt sein Engagement im Neuen Forum mit dem ↩
- Das Arbeitsgesetzbuch der DDR von 1977 sah ausdrücklich die „Mitwirkung der Werktätigen an der Leitung und Planung“ vor. Diese ↩
- Das Betriebsverfassungsgesetz eröffnet die Wahl eines Betriebsrats in Betrieben mit mindestens fünf ständig wahlberechtigten ↩
- Der Staatsvertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion legte zum 1. Juli 1990 die Soziale Marktwirtschaft als gemeinsame ↩
- Zur offiziellen politischen Erziehung in der DDR vgl. Anja Giudici u. a., „Staatsbürgerkunde — ‚Schlüsselfach‘ der politischen ↩
- Das Berliner Programm der SPD von 1989 verband soziale Gerechtigkeit mit ökologischen und gesellschaftspolitischen ↩
- Die westdeutschen Grünen gingen wesentlich aus der Studentenbewegung und den Neuen Sozialen Bewegungen hervor, ↩