Zeitenwende und Sorgearbeit

Mal was zur Kategorie „Wenn’s nach mir ginge“. Es nervt, dass die Betroffenen sich ständig rechtfertigen müssen, wenn sie bessere Bedingungen für Familien mit Kindern, Erziehungskräfte, Pflegebedürftige und Pfleger*innen fordern, nach dem Motto „Das ist aber auch wichtig“. Eigentlich ist das doch eine Selbstverständlichkeit. Aber das selbstverständlich Machbare scheitert – wie so oft – an der Macht (sanfter ausgedrückt am ‚politischen Willen‘). Heutzutage erst recht, wo alle Ressourcen in die Rüstungsindustrie gehen müssen.  Mein Artikel erschien am 24.6.22 bei Makroskop und passt zur heutigen Demo für eine ‚Zivile Zeitenwende‘.

Sorgearbeit fristet in der öffentlichen Debatte ein Schattendasein, obwohl die Demographie eine andere Sprache spricht. Ein Gedankenspiel für eine humane Gesellschaft in einem Staat, dem es an Geld eigentlich nicht mangelt.

Obwohl es niemanden gibt, der nicht irgendwann und irgendwie von ihr betroffen ist, gilt Sorgearbeit immer noch als Privatsache – und fristet in Politik und Ökonomie ein Schattendasein als „Sozialgedöns“.

Die Journalistin und Bauchautorin Carina Frey, die sich auf die Pflegepolitik in Deutschland spezialisiert hat, macht zwei Vorschläge, die Abhilfe schaffen könnten: eine „Care-Abgabe“, die der Wirtschaft auferlegt werden könnte; und ein „Optionszeitenmodell“, das es Berufstätigen bei einem angemessenen Grundeinkommen erlauben würde, sich als Teil ihrer Lebensarbeitszeit um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige zu kümmern.

Doch noch handelt es sich nur um Vorschläge, die noch diskutiert und weiterentwickelt werden, schreibt Frey: „Weder die Care-Abgabe noch das Optionszeitenmodell stehen auf der politischen Tagesordnung“.

Und das ist symptomatisch. Tatsächlich wird der Komplex Care-Arbeit sehr defensiv angegangen. Wenn es öffentliche Diskussionen gibt, dann geht es um die Defizite und Probleme: alte Menschen, die stundenlang in ihren Exkrementen liegen, vernachlässigte Kinder, gestresste doppelt-belastete Mütter und überfordertes Personal in Kitas und Pflegeeinrichtungen. Skandale, die zeigen, wie sehr die schwächsten der Gesellschaft in einem der reichsten Länder der Erde im Stich gelassen werden. Es folgt der moralische Appell, mehr Geld in die Pflege zu stecken – doch es bleibt bei diesen Lippenbekenntnissen.

Ohne Sorgearbeit gäbe es keine Lohnarbeit

Der Vorschlag der Philosophin und Historikerin Tove Soiland für eine Care-Abgabe geht über eine moralische Pflicht hinaus und formuliert stattdessen einen Anspruch, der auch eine ökonomische Begründung hat: Ohne Care-Arbeit gäbe es keine Lohnarbeit, stellt sie fest. Ihrer Ansicht nach sollte der Staat die in den Sektoren mit höherer Produktivität erwirtschafteten Profite über eine Abgabe nach dem Muster der Öko-Steuer umverteilen, um damit den Care-Sektor mit seiner niedrigeren Profitabilität zu unterstützten.

Das sei gerechtfertigt, findet auch die feministische Ökonomin Anna Saave, die sich mit dem Vorschlag genauer befasst hat: Die Wirtschaft sei auf die angemessene Produktion und Reproduktion von Arbeitskräften angewiesen, übernehme dafür aber keine Verantwortung. Die Kosten der Sorgearbeit sind teilweise in den Lohnkosten enthalten, werden aber ansonsten weitgehend externalisiert.

Doch greift nicht auch diese Forderung immer noch zu kurz? Gute Care-Arbeit wird in diesem Modell davon abhängig gemacht, ob das Geld dafür aufgebracht werden kann. Heißt: Am Anfang steht die Frage „Wer soll das bezahlen?“ und nicht, „in welcher Gesellschaft wollen wir leben?“.

Mit Recht fordert daher die Familiensoziologin Karin Jurczyk:

„Wir dürfen nicht nur an einzelnen Schrauben drehen, sondern müssen Arbeit insgesamt neu denken.“

Immerhin leisten die Vorschläge der Care-Abgabe und des Optionszeitenmodell einen wichtigen Beitrag, um die Perspektive zu weiten. Nicht nur Arbeit, sondern auch unsere Gesellschaft, die Arbeit definiert und durch diese definiert wird, muss insgesamt neu gedacht werden. Etwa eine Gesellschaft, die dafür sorgt

  • dass alle Kinder geborgen, gesund, fröhlich und liebevoll umsorgt aufwachsen können und eine bestmögliche Bildung und Ausbildung erhalten,
  • dass alte Menschen ebenso liebevoll umsorgt und sinnhaft ihren Lebensabend verbringen können und erleben, dass die Gesellschaft sie selbst und ihre Erfahrungen als wertvoll betrachtet und entsprechend würdigt, und
  • dass die produktiven Altersgruppen ohne Existenzsorgen und ständige Überforderungen ihrer Arbeit nachgehen können und genügend Raum für Erholung und die Verfolgung anderer Interessen haben.

Eine solche Gesellschaft wäre sich dessen bewusst, dass ihr Reichtum auf der Verwirklichung dieser Anforderungen beruht und misst nicht zuletzt daran den Zustand ihrer Demokratie und ihrer Humanität.

Erscheint diese Vision nicht maßlos utopisch? Man könnte eine Gegenfrage stellen: Ist nicht vielmehr unsere reale Lage völlig absurd?

Sorgearbeit als größte Herausforderung des modernen Sozialstaats

Eigentlich sind alle materiellen Voraussetzungen dafür gegeben, den Sozialstaat angemessen zu modernisieren. Ohnehin handelt es sich primär nicht um eine materielle Frage. Was fehlt, ist der politische Wille. Genauer: der Wille, zu investieren.

Auch der Vorschlag für eine Care-Abgabe suggeriert, dass gute Pflegearbeit eine Geldfrage ist. Geld, so argumentiert Soiland, ist da; es müsse nur umverteilt und diese Umverteilung dann lediglich richtig gerechtfertigt werden.

Im besten Fall sollte das alles aber gar nicht die Sorge der Betroffenen selbst sein. Es handelt sich vielmehr primär um die Aufgabe eines modernen Wohlfahrtsstaates, allgemeine Lebensrisiken abzusichern, die früher von den längst nicht mehr existierenden Dorf- und Familiengemeinschaften getragen wurden. Zudem muss er die für das Funktionieren der Wirtschaft nötige Infrastruktur bereitstellen und auch dafür sorgen, dass diejenigen gesellschaftlichen Bereiche angemessen versorgt werden, die nicht Gegenstand privatwirtschaftlichen Profitstrebens sind bzw. sein sollten.

Am fehlenden Geld muss er dabei nicht scheitern. Die Corona-Krise hat gezeigt, in welchen finanziellen Dimensionen der Staat operieren kann, wenn er das will, es aber ausgerechnet im prekären Pflegesektor nicht getan hat. Was sich eine reiche Industrienation wie Deutschland tatsächlich leisten kann, hängt von den verfügbaren Ressourcen ab. So lauten die eigentlich entscheidenden Fragen, die die Gesellschaft mit staatlicher Hilfe beantworten muss:

Wären bei besserer Bezahlung mehr Pflegekräfte zu haben? Könnte man Menschen zeitweise bei angemessenem Einkommen von der Erwerbsarbeit freistellen, damit diese sich der Kindererziehung oder der Pflege Angehöriger widmen können, ohne dass der Wirtschaft Arbeitskräfte fehlen? Und falls nein, wie lassen sich zur besseren Ausstattung der Sorgearbeit die gesellschaftlichen Ressourcen umstrukturieren?

Erst in diesem Rahmen wäre dann zu entscheiden, ob es eine gute Idee ist, durch eine Care-Abgabe den produktivsten Industriezweigen unseres Landes Ressourcen zu entziehen oder eher nicht.

Gefühlt gibt es in Deutschland einen großen Arbeitskräftemangel in allen Dienstleistungs- und Handwerksberufen, nicht nur im Sorgebereich. Überall werden händeringend Mitarbeiter gesucht. Die Standardantwort lautet: Wenn die entsprechenden Branchen höhere Löhne zahlten und die Arbeitsbedingungen verbesserten, würde der Markt das Problem von selbst lösen.

Können wir Strukturwandel?

Tove Soiland scheint zu glauben, dass das nicht funktionieren kann, da die niedrigen Löhne die niedrige Produktivität der Branchen widerspiegeln. Brauchen wir also eine Lohnpolitik, die das allgemeine Lohnniveau an die Durchschnittsproduktivität anpasst, wie auch einige Postkeynesianer schon gefordert haben? Wäre diese praktikabel? Welche Folgen wären für die Produktivitätsentwicklung zu erwarten? Immerhin gibt es auch in den Niedriglohnbranchen noch Luft für Produktivitätssteigerungen, die sich wegen der niedrigen Löhne bis jetzt einfach nicht lohnen.

Gibt es überhaupt genügend freie Arbeitskräfte in Deutschland, um die Lücken zu füllen? Genauer müsste man auf die versteckte Arbeitslosigkeit oder die Unterbeschäftigung schauen, denn eine Arbeitslosenquote von 3 Prozent in Deutschland lässt vermuten, dass es an Arbeitskräften mangelt.

Überall in Europa sind die Arbeitslosenzahlen weitaus höher. Sollen wir also unsere Lücken mit der Jugend Südeuropas füllen? Dieser marktliberale Flexibilitätstraum ist schon lange für viele Ost- und Südeuropäer Realität. Aber ist das die richtige Antwort? Sollte nicht grundsätzlich die Arbeit zu den Menschen kommen statt umgekehrt?

Also bleibt nur die Ressourcenumschichtung – einige Branchen müssen Federn lassen, um andere zu stärken.

Abgesehen davon, dass Arbeitskräfte nicht beliebig austauschbar sind, und Ingenieure nicht so ohne Weiteres zum Windelwechseln abkommandiert werden können – hier geht es um längerfristige Bildungs- und Lenkungsprozesse – berühren wir nun eines der großen deutschen Tabus: die deutsche Exportwirtschaft.

Die Arbeitslosenzahlen deuten darauf hin: mit den deutschen Exporten kann die Wirtschaft anderer Länder nicht konkurrieren. Die ganze Welt sieht es kritisch, während hingegen (fast) ganz Deutschland stolz darauf ist und geflissentlich Forderungen nach einer Stärkung der Binnennachfrage überhört. Dabei kann eine stärkere Binnenwirtschaft dazu führen, dass die Erzeugnisse der Arbeit dem Land selber zugutekämen und nicht ins Ausland verkauft würden.

Wäre eine den produktiven Wirtschaftszweigen auferlegte Care-Abgabe da nicht genau richtig? Die Abgabe würde zur Verteuerung der Produkte führen (denn auf Profite würden die Unternehmen nicht verzichten), die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft im Ausland sinken.

Aber angenommen, diese Abgabe oder andere Maßnahmen würden die Exportwirtschaft zum Schrumpfen bringen. Würden dann die gleichen Produkte nachgefragt? Vermutlich nicht. Vielmehr stünde ein erheblicher Strukturwandel an, der genau in die gewünschte Richtung nach Stärkung der Sorgearbeit, weiterer Dienstleister und des Handwerks gehen könnte.

Oder auch nicht. Denn heute scheint dieser Strukturwandel, der gerade noch als völlig unwahrscheinlich eingeschätzt werden musste, infolge der Produktionseinbrüche aufgrund der sanktionsbedingten Energiepreiserhöhungen plötzlich auf der Tagesordnung zu stehen. Leider nicht als geplanter ökonomischer Wandel, sondern als Schocktherapie. Das Handwerk immerhin darf darauf hoffen, von verstärkten Anstrengungen für den Ausbau der erneuerbaren Energien und den geplanten energetische Sanierungen zu profitieren.

Zu befürchten steht jedoch, dass angesichts des neuen politischen Kurses in Deutschland alle verfügbaren Ressourcen in den Aufbau der Rüstungsindustrie gesteckt werden. Und dass angesichts der zu erwartenden Rezession wieder behauptet wird, wir könnten uns eine bessere Sorgearbeit nicht leisten.

 

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