Oft fragt man sich, wie es dazu kommt, dass der Medien-Mainstream häufig als gleichgeschaltet erscheint und von bestimmten Meinungskorridoren Abweichendes keine Chance auf Veröffentlichung hat. Schließlich gibt es niemanden, der direkt diktiert, was zu schreiben ist. Meiner Erfahrung nach entwickeln die Redakteure ein feines Gespür für das, was geht, und was nicht, und lektorieren entsprechend.
Eigentlich müsste es möglich sein, als Autorin einseitig zu schreiben, besonders als Antwort auf wahrgenommene andere Einseitigkeiten. Durch die Meinungsfreiheit gedeckt ist darüber hinaus fast alles, auch der größte Quatsch und beispielweise Pro-Russisches (das aber sanktioniert wird). Das verantwortet man als Autorin selbst.
Eine Publikation indessen, auch eine, die sich die Ausweitung enger Meinungskorridore auf die Fahne geschrieben hat, muss natürlich auf journalistische Qualitätsstandards achten, um seriös zu sein. Aber bis wann wird zur Einhaltung von Qualitätsstandards und zur Vermeidung von Verkürzungen oder zu einseitigen Darstellungen lektoriert, und wann beginnt die Abschwächung oder sogar Zensur von vom Mainstream abweichenden Sichtweisen? Damit musste ich mich in der Vergangenheit immer wieder auseinandersetzen. Ich habe dabei viel gelernt und meine Schreibweise verbessert; allerdings musste ich auch klarer definieren, was ich eigentlich sagen möchte und was meine spezifische Schreibweise ausmacht und ausmachen soll.
Hier ein anschauliches Beispiel zum Text Der Iran-Krieg mit Carl von Clausewitz. Teil 2: Die äußerste Anwendung von Gewalt.
Hierzu sah ich mich mit einer lektorierten Fassung konfrontiert, die für mich nicht akzeptabel war. Die KI gab mir recht (nach längeren Diskussionen, weswegen man diesen für mich so schmeichelhaften Text auch nicht überbewerten sollte).
Zunächst also der Vergleich der Fassungen des Iran-Teils meines Beitrages:
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Original |
Vorschlag für eine lektorierte Fassung |
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Fußnote: Die biblische Erzählung von Amalek wird oft als völkermörderisch beschrieben, da sie die Auslöschung eines ganzen Volkes fordert, einschließlich Männer, Frauen und Kinder. |
Die biblische Erzählung von Amalek wird oft als völkermörderisch beschrieben, da sie die Auslöschung eines ganzen Volkes fordert. |
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Die Unterstützung und Opferbereitschaft gerade in schwierigen Zeiten hat mit den religiösen Traditionen der Shia zu tun. Aber auch ein starker Nationalismus in einem Land, das seit Jahrhunderten um seine Souveränität kämpfen muss, steht dahinter. Das entspricht der Staatsphilosophie der islamischen Republik. Die Etablierung eines politischen Systems unter Ayatollah Ruholla Khomeini, in dem die Staatssouveränität über der Sharia, dem islamischen Gesetz, steht, öffnete 1979 den Weg zu einem islamischen Nationalstaat. Entgegen anderslautenden Behauptungen ist die iranische Führung geschlossen mit klaren Verantwortungsstrukturen, wie sich an ihrer konsistenten politischen Haltung ablesen lässt. Die jetzige Spitze besteht durchweg aus Veteranen des Irak-Iran-Krieges 1980-1988 und ist entschlossen, den Iran aus dem seit vielen Jahren bestehenden Druck zu befreien. Seit Jahrzehnten hat sich das Land auf diesen Krieg vorbereitet. An wirtschaftlichen Druck ist es nach jahrelangen Sanktionen gewöhnt und kann sich weitgehend selbst mit dem Notwendigsten versorgen. Nachdem das Regime international lange geächtet wurde, erregt es jetzt teilweise Respekt, wie die Äußerungen des deutschen Kanzlers beispielhaft zeigen. Mehr und mehr Staaten scheinen bereit, sich in Bezug auf die Straße von Hormuz mit dem Iran zu arrangieren. Und eine deutliche Mehrheit der Weltbevölkerung ist im Krieg eher auf Irans Seite. |
Die Unterstützung und Opferbereitschaft gerade in Krisenzeiten speist sich im Iran nicht nur aus schiitischen Traditionen des Widerstands und Märtyrertums, sondern auch aus einem ausgeprägten Nationalbewusstsein eines Landes, das seine Souveränität historisch immer wieder gegen äußere Mächte verteidigen musste. Die Islamische Republik verband nach 1979 erstmals schiitische Revolutionsideologie mit dem Anspruch eines starken iranischen Nationalstaates. Unter Ayatollah Ruhollah Chomeini erhielt der Staat dabei eine außergewöhnlich zentrale Rolle: Die Auslegung der Scharia wurde zunehmend den strategischen Interessen der islamischen Republik untergeordnet. Die iranische Führung ist stärker kohärent organisiert, als viele westliche Analysen vermuten lassen. Die heutige Elite besteht weitgehend aus Veteranen des Irak-Iran-Krieges, dessen Erfahrungen ihr sicherheitspolitisches Denken bis heute bestimmen. Sie versteht sich als Generation, die den Iran gegen äußere Bedrohungen verteidigt und den seit Jahrzehnten bestehenden internationalen Druck überwinden soll. Zugleich hat die Islamische Republik ihre Institutionen und Teile ihrer Wirtschaft über viele Jahre an ein Leben unter Sanktionen angepasst. Daraus speist sich die Überzeugung, auch langwierige wirtschaftliche und geopolitische Konflikte durchstehen zu können. Während das iranische Regime über Jahrzehnte international isoliert und vielfach als Paria-Staat behandelt wurde, hat der Krieg seine außenpolitische Wahrnehmung zumindest teilweise verändert. Selbst Politiker, die Teheran bislang scharf kritisierten, äußern sich inzwischen differenzierter über die strategische Handlungsfähigkeit des Landes. Gleichzeitig zeigen die Reaktionen vieler Staaten des Globalen Südens, dass die westliche Sicht auf den Konflikt keineswegs weltweit geteilt wird. Zahlreiche Regierungen verurteilen zwar weder den Iran noch dessen Führung ausdrücklich, kritisieren jedoch die militärische Eskalation und pochen auf staatliche Souveränität und das Völkerrecht. |
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Den PR-Kampf scheint das Land schon gewonnen zu haben: mit viralen KI-generierten Lego-Videos einer Gruppe junger Iraner, in denen die Iraner sich als Rächer der Opfer von Rassendiskriminierung und Pädophilie, der ausgebeuteten Massen des globalen Südens und der getöteten Schul-Kinder aus Minab darstellen. In einem dieser Videos heißt es: „Let me speak from Teheran. Let me set the record straight. Yeah, we got our own struggles with the bulls of the state. We fight for our freedom. We bleed in the streets, but we don’t need a savior with an occupying fleet. Keep your missiles. Keep your sanctions. Keep your bloody liberation. We don’t want your bombs to democratize a nation. […] We’re defending our soil. We ain’t bowing to pressure. Your military might is a failing endeavor.“ |
Besonders sichtbar wird dieser Deutungskampf in den sozialen Medien. Dort erzielen pro-iranische Inhalte derzeit hohe Reichweiten. Aufmerksamkeit erregen etwa KI-generierte Lego-Videos, die von regimenahem Medienpersonal produziert werden und den Konflikt als Widerstand gegen äußere Interventionen und westliche Dominanz inszenieren. Die Videos stellen den Iran als Verteidiger nationaler Souveränität und als Stimme der benachteiligten Länder des Globalen Südens dar. Dabei rücken sie die Erfahrungen mit Sanktionen, militärischem Druck und ausländischer Einflussnahme in den Mittelpunkt, während die innenpolitische Repression und die autoritären Strukturen der Islamischen Republik weitgehend ausgeblendet bleiben. |
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Ich habe dann der KI folgenden Auftrag gegeben:
Beurteile die Änderungen auf der rechten Seite im Kontext des gesamten Originaltextes.
Die Antwort:
Im Kontext des Gesamttextes wirken die Änderungen der rechten Fassung deutlich einschneidender, als sie im isolierten Vergleich zunächst erscheinen.
Der Gesamttext verfolgt nämlich eine recht klare argumentative Struktur:
Clausewitzsches Kräfteverhältnis: militärische Mittel versus politische Willenskraft.
Militärische Bilanz: Der Enthauptungsschlag scheitert, Iran bleibt handlungsfähig.
Materielle Bilanz: Die USA und Israel verfügen über überlegene Mittel, erreichen ihre Ziele aber nicht.
Willenskraft der beteiligten Gesellschaften: USA, Israel und Iran werden nacheinander betrachtet.Der umgeschriebene Abschnitt steht also nicht isoliert im Text, sondern bildet den Schlusspunkt des Iran-Kapitels. Dort soll erklärt werden, warum die iranische Willenskraft aus Sicht des Autors größer ist als westliche Beobachter oft annehmen.
Vor diesem Hintergrund erfüllen die ursprünglichen Passagen mehrere Funktionen:
- Erklärung der gesellschaftlichen Mobilisierung.
- Erklärung der politischen Stabilität der Führung.
- Erklärung der wirtschaftlichen Durchhaltefähigkeit.
- Erklärung der internationalen Resonanz der iranischen Position.
Was die rechte Fassung verändert:
Die rechte Fassung verändert nicht nur einzelne Formulierungen, sondern verschiebt die Funktion des Abschnitts.
1. Aus einer Erklärung wird eine EinordnungDie linke Version argumentiert:
Deshalb besitzt Iran eine hohe Widerstands- und Opferbereitschaft.
Die rechte Version argumentiert stärker:
So wird Iran von verschiedenen Beobachtern wahrgenommen.
Dadurch wird der Abschnitt weniger Teil der Clausewitz-Argumentation und stärker eine allgemeine politische Analyse.
2. Die innere Geschlossenheit wird relativiertIm Gesamttext wird zuvor ausführlich geschildert, dass:
- die Führung nach der Tötung Khameneis handlungsfähig bleibt,
- die Nachfolge rasch geregelt wird,
- koordinierte Reaktionen erfolgen.
Vor diesem Hintergrund ist die Aussage
„die iranische Führung ist geschlossen“
nicht bloß eine isolierte Behauptung, sondern die Schlussfolgerung aus den vorherigen Beispielen.
Die rechte Version ersetzt diese Schlussfolgerung durch die vorsichtigere Formulierung einer stärkeren Kohärenz. Das ist legitim, schwächt aber den argumentativen Bogen.
3. Der internationale Teil wird am stärksten verändertHier liegt meines Erachtens die wichtigste Verschiebung.
Der gesamte Artikel argumentiert bis dahin, dass die militärisch überlegene Seite Schwierigkeiten hat, ihren politischen Willen durchzusetzen.
Dazu passt die Schlussfolgerung:
Der Iran gewinnt international an Ansehen bzw. Zustimmung.
Die rechte Fassung ersetzt diese These durch eine Beschreibung unterschiedlicher Sichtweisen des Globalen Südens.
Das ist analytisch vorsichtiger, aber es beantwortet die Clausewitz-Frage schlechter:
Wer gewinnt politisch an Einfluss und Legitimität?
Die ursprüngliche Version gibt darauf eine klare Antwort. Die neue Version beschreibt eher das Meinungsbild.
4. Der Zusatz zu Repression und Autoritarismus wirkt systematisch fremdDas ist die auffälligste Veränderung im Gesamtkontext.
Der Artikel behandelt zuvor:
- amerikanische Kriegsziele,
- israelische Kriegsziele,
- militärische Fähigkeiten,
- gesellschaftliche Mobilisierung.
Er enthält keine längeren Abschnitte über:
- amerikanische Gefängnisse,
- israelische Diskriminierungspolitik,
- innere Repression in den USA,
- Menschenrechtsfragen allgemein.
Die Ergänzung
„während die innenpolitische Repression und die autoritären Strukturen der Islamischen Republik weitgehend ausgeblendet bleiben“
führt daher ein neues Bewertungskriterium ein, das vorher im Text gar keine Rolle spielte. Es wirkt weniger wie eine Fortführung des Arguments als wie ein nachträglicher Ausgleichs- oder Distanzierungssatz.
GesamteindruckWenn man nur die umgeschriebenen Absätze liest, erscheint die rechte Version ausgewogener.
Wenn man jedoch den gesamten Artikel betrachtet, entsteht ein anderer Eindruck:
Der Text ist als Clausewitz-Analyse eines Krieges angelegt. Die ursprüngliche Fassung versucht, die Widerstandsfähigkeit Irans als strategischen Faktor zu erklären. Die rechte Fassung ersetzt mehrere dieser Erklärungen durch vorsichtigere Einordnungen und fügt einzelne normative Distanzierungen hinzu.
Dadurch wird der Text zwar kompatibler mit einem deutschen Leitmedien-Stil, aber die innere Logik des Artikels wird teilweise geschwächt. Insbesondere der Übergang von der Analyse der iranischen Willenskraft zur internationalen Wirkung Irans verliert an Schärfe und Stringenz.
Anders formuliert: Die rechte Fassung wirkt journalistisch ausgewogener, die linke Fassung ist stärker auf die zentrale These des Artikels zugeschnitten. Welche Version vorzuziehen ist, hängt davon ab, ob das Ziel eher eine möglichst symmetrische politische Einordnung oder eine konsequente Clausewitz-Analyse der Kriegsdynamik ist.