Der erste Teil dieses Beitrages beschäftigte sich mit dem hinter „dem Akt der Gewalt“ des Iran-Kriegs stehenden „politischen Willen“. Lesen sie nun wie im Krieg „zwei lebendig Kräfte gegeneinander“ stoßen, gekennzeichnet durch die jeweilige „Größe der vorhandenen Mittel“ und ihre „Stärke der Willenskraft“. (Carl von Clausewitz)
„Die Entwaffnung oder das Niederwerfen des Feindes, wie man es nennen will, [muß] immer das Ziel des kriegerischen Aktes sein.“ – Carl von Clausewitz
Am 28. Februar 2026 eröffneten die USA und Israel mit massiven Luftangriffen ihre Operationen „Epic Fury“ und „Roaring Lion“ gegen den Iran. Das Staatsoberhaupt Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei und weitere Führungspersönlichkeiten wurden getötet, Raketenstellungen, Polizeistationen und sogar eine Schule bombardiert. US-Präsident Donald Trump erklärte, man werde „verhindern, dass diese sehr böse, radikale Diktatur Amerika […] bedroht“, ihre Raketen zerstören, die „terroristischen Stellvertreter“ neutralisieren und sicherstellen, „dass der Iran nicht in den Besitz von Atomwaffen kommt“. Dazu Kriegsminister Pete Hegseth: „Tod und Zerstörung vom Himmel den ganzen Tag lang. Das sollte nie ein fairer Kampf sein, und es ist kein fairer Kampf. Wir schlagen auf sie ein, während sie am Boden liegen, und genau so sollte es auch sein.“
Auch Israels Premierminister Benjamin Netanjahu rechtfertigte den Angriff offensiv. Der Iran sei ein „grausamer Tyrann“, der seit Jahrzehnten Terror exportiere und Israels Zerstörung plane. Zugleich rief er die iranische Bevölkerung auf, das „Joch der Tyrannei“ abzuschütteln und einen „freien und friedliebenden Iran“ zu schaffen. Israels rechtsextremer Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir, schrieb auf X: „Löscht die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel aus; ihr dürft nicht vergessen!“1
Der angestrebte Enthauptungsschlag blieb jedoch erfolglos. Die iranische Führung reorganisierte sich rasch und blieb handlungsfähig. Vergeltungsschläge gegen Israel sowie gegen US-Stützpunkte in den Nachbarstaaten erfolgten umgehend; diese Territorien betrachtet Teheran als legitime Kriegsziele, wenn von dort aus die amerikanischen Angriffe ermöglicht werden. Auch Öl- und Gasanlagen wurden getroffen, laut iranischer Führung jedoch nur als Reaktion auf die Zerstörung eigener Infrastruktur.
Schon bald wurde Mojtaba Khamenei zum Nachfolger seines Vaters bestimmt. In seiner ersten Erklärung am 12. März rief er zur nationalen Geschlossenheit auf, dankte den Streitkräften und der „Achse des Widerstands“ – insbesondere der Hisbollah – und kündigte Vergeltung an: nicht nur für das „Martyrium“ seines Vaters, sondern „für jedes Mitglied der Nation“. Zugleich forderte er die anhaltende Schließung der Straße von Hormus und die Nachbarstaaten dazu auf, die US-Militärbasen dort zu schließen, denn die amerikanischen Sicherheits- und Friedensversprechen seien „nichts als Lügen“.
Im weiteren Verlauf des von Waffenstillständen unterbrochenen heißen Krieges verschärfte sich die Rhetorik deutlich. Trump drohte am 7. April: „Eine ganze Zivilisation wird heute sterben.“ Israels Verteidigungsminister Israel Katz erklärte, man werde den Iran „in das Zeitalter der Dunkelheit und Steine zurückversetzen“, durch die Zerstörung von Energieversorgung und wirtschaftlicher Infrastruktur.
Die iranische Antwort war deutlich. Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf schrieb: „Iraner sprechen nicht nur davon, ihr Land zu verteidigen, wir bluten dafür […] Ihr wollt unser Haus angreifen – dann werdet Ihr die ganze Familie kennenlernen. Nur zu!“
Die Größe der vorhandenen Mittel …
Die amerikanisch-israelische Strategie war auf einen kurzen Einsatz überlegener Stärke ausgerichtet: Sturz des iranischen Regimes und danach – nach dem Muster Venezuelas – die Installation einer kooperationsbereiten Regierung. Das Risiko der Schaffung eines failed states wie z.B. in Libyen wurde in Kauf genommen. Dazu mobilisierten die USA das größte Waffenaufgebot im Nahen Osten seit der Irak-Invasion. Beteiligt waren 40.000 Soldaten, mehrere Flugzeugträgerkampfgruppen sowie B-2-Tarnkappenbomber, die 30-stündige Einsätze von der Whiteman Air Force Base im Bundesstaat Missouri aus flogen. Die Eröffnungssalve richtete sich gleichzeitig gegen mehr als 2.500 iranische Militär- und Regierungseinrichtungen.
Die Reaktion Irans erfolgte schnell und multidimensional. Innerhalb weniger Stunden nach den ersten US-Angriffen sperrten iranische Kräfte die Straße von Hormus mithilfe von Minen, Schnellbooten und Anti-Schiff-Raketen. Gleichzeitig startete Iran den größten Angriff mit ballistischen Raketen seiner Geschichte und feuerte schon am ersten Tag über 500 Raketen auf Israel sowie US-Stützpunkte und verbündete Einrichtungen in sieben Ländern: Kuwait, Bahrain, Vereinigte Arabische Emirate, Katar, Saudi-Arabien, Irak und Zypern.
Gleichzeitig wurden iranisch unterstützte Kräfte im gesamten Nahen Osten aktiv. Die Hisbollah begann mit Raketenangriffen aus dem Südlibanon, woraufhin Israel mit Luftschlägen reagierte und eine Invasion in den Südlibanon startete. Schiitische Milizen im Irak griffen die Green Zone in Bagdad an, während die von Iran unterstützte Ansar Allah (Houthis) im Jemen Schifffahrt im Roten Meer ins Visier nahmen. Die Islamic Resistance in Syrien attackierte US-Stellungen nahe Damaskus.
Die Bilanz des Krieges nach 40 Tagen: Iran: 3375 Todesopfer, 26.500 Verwundete; Libanon: 2509 Todesopfer, 7.755 Verwundete; Israel: 26 Todesopfer, 7.791 Verwundete; USA: 13 Todesopfer, 200 Verwundete. Auch in den VAE, im Irak und in Kuweit waren Opfer zu verzeichnen.
Nach offiziellen Quellen beliefen sich die Kosten des Krieges für die USA bisher (Stand April 2026) auf 35 Mrd. US-Dollar. Israel gab für den Krieg 25 Mrd. Dollar aus, die Gesamtschäden für die US Wirtschaft könnten bis zu 1 Billion Dollar betragen.
Fast alle US-Militärbasen in der Region wurden schwer beschädigt. Insbesondere die teuren Radaranlagen fielen iranischen Angriffen zum Opfer. Israels Raketenabwehrsystem – der Iron Dome – funktioniert nur noch bedingt. Aus dem Südlibanon wurden mindestens 500.000 Menschen vertrieben, 39 Dörfer dem Erdboden gleich gemacht. Auch der Iran muss große Schäden verkraften. Das Land, das Schätzungen zufolge 100 Mal weniger für sein Militär ausgibt als die USA, fordert Entschädigungen in Höhe von 270 Mrd. Dollar.
Nach 40 Tagen besitzt der Iran Berichten zufolge noch 70 Prozent seiner Abschussbasen (manche Berichte sprechen sogar von 90 Prozent) und immer noch das größte und vielseitigste Raketenarsenal im Nahen Osten. Trotz der Angriffe auf Produktionsstätten soll das Land zudem weiterhin genügend ballistische Raketen und Drohnen zur Auffüllung des verbrauchten Arsenals produzieren.
Inzwischen sind die teuren Waffenarsenale der USA erschöpft. Ihr Wiederaufbau werde ein mehrjähriger, langsamer und kostspieliger Prozess sein, warnten Analysten des Center for Strategic and International Studies (CSIS). Der Grund: Irans anhaltende Luftverteidigungsfähigkeit schränkte die Möglichkeiten feindlicher Flugzeuge ein, tief im Landesinneren zu operieren. Dies verhinderte den primären Einsatz kostengünstiger gelenkter oder ungelenkter Freifall- und Gleitbomben (Stückpreis zwischen 3000 und maximal 100.000 Dollar), wie die israelische Armee sie in Gaza und im Libanon einsetzt. Stattdessen ist der Einsatz teurerer, aus der Luft, vom Boden und von See gestarteter Raketen mit großer Reichweite (Stückpreis ab 1 Mio. Dollar) erforderlich. Geringwertigere Fluggeräte wie die MQ-9 Reaper, die häufig für Einsätze tief im iranischen Luftraum genutzt wurden, erlitten sehr hohe Verlustraten durch die lokale iranische Luftabwehr.
… und die Stärke der Willenskraft
USA
Das „Mullah-Regime“ in den USA generell unbeliebt, nicht nur bei den Republikanern. Der Krieg hingegen wird als war of choice mehrheitlich kritisch gesehen. Der im Interesse des iranischen Volkes notwendige Regime Change sollte diesen Stimmen zufolge mit anderen Methoden erreicht werden. Am 30. April 2026 zum Beispiel waren laut Umfragen knapp 55 Prozent aller Amerikaner gegen den Krieg. Neocon Robert Kagan kritisierte ihn scharf. Auch wichtige konservative (ehemalige) Trump Unterstützer, wie z.B. Tucker Carlson, sind vehemente Kriegsgegner.
Hinter Trump steht immer noch die Mehrheit seiner Maga Basis. Und die bedeutende Gruppe der evangelikalen Christen, die mitspiritueller Begeisterung glauben, dass ein Krieg im Nahen Osten und der Aufstieg Israels eine Reihe von Ereignissen auslösen wird, die zu Jesu Wiederkunft führen wird.
Die Trump Regierung selbst scheint nicht vollkommen geschlossen zu sein, auch in der Armee gibt es wohl Unruhe in allen Rängen. Kriegsminister Pete Hegseth entließ mehrere Generäle, Spekulationen zufolge, weil sie seine Kriegführung kritisierten. Auch bei den Soldaten ist zunehmende Unzufriedenheit zu verzeichnen.
Die globalen Kriegsfolgen – hohe Energiepreise, Rezession und sehr wahrscheinlich sogar Hunger – werden von der Weltgemeinschaft mehrheitlich dem amerikanischen Präsidenten und nicht dem Iran angelastet. Auch bei seinen Verbündeten machte er sich unbeliebt: Sie wurden vor dem Krieg nicht konsultiert und bei Kritik und fehlender Unterstützung seiner Politik öffentlich gedemütigt und vor den Kopf gestoßen. Wie zuletzt Bundeskanzler Merz, der die fehlende Kriegs-Strategie Trumps offen kritisierte und sich anerkennend über Irans Verhandlungskunst äußerte.
Israel
Die Mehrheit der Israelis hielt, zumindest zu Kriegsbeginn, den Krieg bis hin zur Zerstörung des „Mullah-Regimes“ für notwendig. In späteren Umfragen waren mehr Menschen zu Konzessionen an den Iran bereit, nicht aber beim Kampf gegen Hisbollah und Hamas. Dabei spielt für einen nicht unbedeutenden Teil der Israelis die religiöse Dimension eine große Rolle, der Glaube daran, das auserwählte Volk zu sein, dem das Land von Gott versprochen wurde, und das nun bald den dritten Tempel an die Stelle der Al-Aqsa Moschee erbauen wird.
Im Laufe des Krieges ist jedoch das Vertrauen in einen möglichen Erfolg und die Netanjahu-Regierung gesunken. Die Zerstörungen sind stärker als erwartet, die Menschen nach Bombenangriffen zermürbt. Viele Israelis haben das Land verlassen. Es gibt Hilferufe aus der Armee und Berichte über demoralisierte und traumatisierte Soldaten. Ein hochrangiger Armeekommandeur warnt davor, dass es nicht genügend Soldaten gibt, um den Mehrfrontenkrieg fortzuführen. Am Thema der Wehrpflicht für die bisher davon befreiten orthodoxen Juden ist in Israel nun eine heftige Auseinandersetzung ausgebrochen, die den Fortbestand der Regierungskoalition gefährdet.
Auch die Verfünffachung von Israels PR-Budget ändert nichts daran, dass das Land – angesichts der Bilder aus Gaza und dem Libanon – international immer stärker isoliert ist. Nur knapp verhinderten Deutschland und Italien zum Beispiel die Kündigung des EU-Handelsabkommens mit Israel.
Iran
Die überwiegende Mehrheit der westlichen Kriegsgegner hält gleichwohl das System der Islamischen Republik Islam für ein gefährliches Unrechtsregime. Manche Exiliraner feierten die Bombenangriffe; sogar im Iran selbst soll es Regimegegner gegeben haben, die diese begrüßten. Amerikanische Langzeitumfragen im Iran ergeben ein differenzierteres Bild. Demnach befürworten Kritiker der iranischen Gesellschaft nicht automatisch einen politischen Systemwechsel. Viele Bürger stehen grundsätzlich hinter der durch die Revolution von 1979 geschaffenen islamischen Republik.2 Zudem war mit Kriegsbeginn eine stärkere Solidarisierung mit dem Staat und seiner Regierung zu verzeichnen, auch unter denjenigen, die sich ein säkulares System wünschen.
Jede Nacht versammeln sich die Menschen in vielen Städten des Iran zur Unterstützung ihrer Regierung. Das ist nicht nur durch den Zwang eines repressiven Regimes erklärbar. Natürlich verhindert die massive pro-Regierungspräsenz auf öffentlichen Plätzen gleichzeitig, dass sich dort oppositionelle Gruppen versammeln können.
Die Unterstützung und Opferbereitschaft gerade in schwierigen Zeiten hat mit den religiösen Traditionen der Shia zu tun. Aber auch ein starker Nationalismus in einem Land, das seit Jahrhunderten um seine Souveränität kämpfen muss, steht dahinter. Das entspricht der Staatsphilosophie der islamischen Republik. Die Etablierung eines politischen Systems unter Ayatollah Ruholla Khomeini, in dem die Staatssouveränität über der Sharia, dem islamischen Gesetz, steht, öffnete 1979 den Weg zu einem islamischen Nationalstaat.
Entgegen anderslautenden Behauptungen ist die iranische Führung geschlossen mit klaren Verantwortungsstrukturen, wie sich an ihrer konsistenten politischen Haltung ablesen lässt. Die jetzige Spitze besteht durchweg aus Veteranen des Irak-Iran-Krieges 1980-1988 und ist entschlossen, den Iran aus dem seit vielen Jahren bestehenden Druck zu befreien.3 Seit Jahrzehnten hat sich das Land auf diesen Krieg vorbereitet. An wirtschaftlichen Druck ist es nach jahrelangen Sanktionen gewöhnt und kann sich weitgehend selbst mit dem Notwendigsten versorgen.
Nachdem das Regime international lange geächtet wurde, erregt es jetzt teilweise Respekt, wie die Äußerungen des deutschen Kanzlers beispielhaft zeigen. Mehr und mehr Staaten scheinen bereit, sich in Bezug auf die Straße von Hormuz mit dem Iran zu arrangieren. Und eine deutliche Mehrheit der Weltbevölkerung ist im Krieg eher auf Irans Seite. Den PR-Kampf scheint das Land schon gewonnen zu haben: mit viralen KI-generierten Lego-Videos einer Gruppe junger Iraner, in denen die Iraner sich als Rächer der Opfer von Rassendiskriminierung und Pädophilie, der ausgebeuteten Massen des globalen Südens und der getöteten Schul-Kinder aus Minab darstellen. In einem dieser Videos heißt es:
„Let me speak from Teheran. Let me set the record straight. Yeah, we got our own struggles with the bulls of the state. We fight for our freedom. We bleed in the streets, but we don’t need a savior with an occupying fleet. Keep your missiles. Keep your sanctions. Keep your bloody liberation. We don’t want your bombs to democratize a nation. […]
We’re defending our soil. We ain’t bowing to pressure. Your military might is a failing endeavor.“
Lesen Sie im dritten Teil wie die Karten im Nahen Osten (und vielleicht weltweit) neu gemischt werden. Um es mit Carl von Clausewitz zu sagen: „Die Wahrscheinlichkeiten des wirklichen Lebens treten an die Stelle des Äußersten und Absoluten der Begriffe“ und der „politische Zweck tritt wieder hervor.“
1Die biblische Erzählung von Amalek wird oft als völkermörderisch beschrieben, da sie die Auslöschung eines ganzen Volkes fordert; In 1. Samuel befahl Gott Saul und den Israeliten: „So spricht der Herr Zebaoth: Ich habe bedacht, was Amalek Israel angetan und wie es ihm den Weg verlegt hat, als Israel aus Ägypten zog. So zieh nun hin und schlag Amalek. Und vollstreckt den Bann an allem, was es hat; verschone sie nicht, sondern töte Mann und Frau, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel.“ „Gott befahl Ähnliches, als die Israeliten das versprochene Land“ einnahmen (5. Mose 2,34; 3,6; 20,16-18).
2 Wer mehr über das iranische System erfahren möchte, dem sei dieses Video mit dem iranisch-stämmigen amerikanischen Historiker und Soziologen Professor Behrooz Ghamari-Tabrizi und dessen im Januar erschienenes Buch The Long War on Iran: New Events, Old Questions (OR Books, January 2026) empfohlen.
3Eine ausführliche Analyse der jetzigen Machthaber im Iran findet sich in dem am 3. Juni in der Zeitschrift Foreign Affairs erschienen Artikel Grand Strategy. How a Remade Islamic Republic Will Reshape the Middle East von Narges Bajoghli and Vali Nasr