Krieg als zivilisatorische Errungenschaft?

Vor kurzem gab Herfried Münkler in der Zeit ein Interview

… und es steht nicht einmal hinter einer Bezahlschranke. Für die einen ist es ein tiefsinniger Beitrag zur Menschheitsgeschichte, für die anderen ein ärgerliches Musterbeispiel für an Gebildete gerichtete Kriegspropaganda.

Herfried Münkler beschäftigt sich mit Kriegen im Verlaufe der Geschichte. Der „einflussreichste, lebende deutsche Politologe“ (die Zeit) hat mehrere Bücher dazu geschrieben. Eine klare Abgrenzung zwischen Kriegs- und Friedenszeiten entstand demnach mit der Sesshaftigkeit der Menschen und der Notwendigkeit stabiler Verhältnisse in Agrargesellschaften. Das führte aber auch zur fortwährenden Gefährdung der Stabilität durch diejenigen, die auf diese Reichtümer schielten. So waren und sind Kriege also eine notwendige Begleiterscheinung der menschlichen Zivilisation.

Ein ausgesprochen interessantes Forschungsthema also. Und die Leserin muss zugeben, dass sie Münklers Thesen an vielen Stellen aufgrund fehlender Sachkenntnis nicht beurteilen kann. In den Fällen, in denen sie – zumindest etwas – Sachkenntnis besitzt, und ihr Zweifel am Tiefgang der Argumentation kommen, muss sie einräumen, dass in einem doch relativ kurzen Interview vieles zwangsläufig verkürzt werden muss. Dennoch: Etliche, im Interview locker hingeworfene Behauptungen wecken ernsthaften Diskussionsbedarf. Das beginnt mit den Ursachen des Männerüberschusses in der Antike: So einfach ist eine weibliche Übersterblichkeit weder nachweis- noch begründbar. Und endet nicht mit dem Thema Proliferation (Weitergabe) von Atomwaffen und dem Budapester Memorandum, nach dem die Ukraine die auf ihrem Gebiet gelagerten Atomwaffen an Russland abgab und ihr im Gegenzug die Unverletzlichkeit ihrer Grenzen zugesichert (oder vielleicht nur in Aussicht gestellt) wurde: Dass nur Russland das Memorandum verletzt hat, ist unwahr, und die gesamte Fragestellung „Was wäre, wenn die Ukraine weiterhin Atomwaffen besessen hätte?“ erweist sich als sehr viel komplexer als im Interview auch nur angedeutet.

Ergänzt wird die Reise durch die menschliche Kriegsgeschichte durch Ausflüge in andere kriegsbeeinflussende Bereiche: Die Psychologie, genauer das männliche Aggressionspotential, das in Kriegen zur Geltung kommt, über Ideologien, die bekanntlich – wie z.B. der Nationalismus – Konflikte schüren, bis hin zu unseren modernen – „postheroischen“ – Gesellschaften. Auch hier entsteht erheblicher Diskussionsdruck: Erwähnt wird, dass russische Soldaten ukrainische Frauen vergewaltigen, mögliche Vergewaltigungen ukrainischer Soldaten werden nicht erwähnt; dass das in einem Bürgerkrieg auch vorkommt, wäre jedoch anzunehmen, oder gibt es gar keinen Bürgerkrieg? Über die fehlende Bereitschaft, sich notfalls auch mit seinem Leben für die Gemeinschaft einzusetzen und für genügend männlichen Nachwuchs zu sorgen, ließe sich lange streiten. Auch darüber, welche Rolle die Religion dabei spielt. Aber (wen) will Münkler provozieren, wenn er ausgerechnet die Palästinenser als Gegenbeispiel nennt, zumal das gleiche auch für die israelische Bevölkerungsgruppe der Mizrahi gilt?

Man könnte sich trotzdem freuen, wenn das Interview als Diskussionsangebot über ein interessantes Thema gemeint wäre. Doch: „So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt“ (J.W. Goethe). Denn Münkler macht keinen Hehl aus den Schlüssen für die heutige Zeit, die sich seines Erachtens aus diesen Forschungen ergeben: Viele Menschen im Westen hätten bis zur Jahrtausendwende geglaubt, dass die Zeit bewaffneter Konflikte vorbei ist. Sie waren naiv. Wir müssen alle Illusionen aufgeben und auch hierzulande akzeptieren, dass es nun auch uns treffen kann, die wir lange verschont wurden. Die Leserin soll sich mit der Realität von Kriegen abzufinden: Denn Kriege sind wie das Wetter. Es macht, was es will. Und deswegen muss man seinen Schirm immer dabei haben. Aus diesem Grund müssen wir auch in Deutschland endlich wieder wehrfähig werden, konsequent aufrüsten und psychologisch zum Kampf bereit. Das fängt beim allgemeinen Dienstjahr für die Jugend an und geht bis hin zum atomaren Schirm für Europa, an dem Deutschland in irgendeiner Form beteiligt ist.

Das klingt logisch. Aber ist es das auch? Unter der Voraussetzung, dass Frieden besser als Krieg ist, ist doch für die jeweils betroffenen Menschen in jeder Epoche das eigentlich Wichtige, was in ihrem konkreten Einzelfall zum Krieg führt, ob er zu verhindern ist, und was man tun kann, um sich notfalls zu verteidigen und vor Verlusten zu schützen. Dazu gehört eine realistische Einschätzung der Lage einschließlich der Motivationsstruktur der Beteiligten. Diese Analyse wird in jedem Einzelfall und aus verschiedenen Perspektiven – sogar innerhalb eines „Lagers“ – völlig unterschiedlich ausfallen. Man wird feststellen müssen, dass es Menschengruppen gibt, die den Krieg wollen und davon profitieren. Es geht jeweils auch und wesentlich um – konkrete – Interessen, Klassenverhältnisse und Machtstrukturen. Eine eindeutige Kriegsschuld wird in den meisten Fällen nicht festzustellen sein, sondern eher eine schwierige Gemengelage. Auch wenn immer wieder behauptet wird, das sei möglich, aktuell sowohl in der Ukraine als auch in Gaza und sogar zur Rechtfertigung eines möglichen Angriffs auf den Iran. Für viele der betroffenen Menschen ist es tatsächlich erlebte Realität, dass Kriege über uns kommen wie das Wetter. Auch bei Münkler klingt es so. Plötzlich kam es zum Jugoslawienkrieg (weil sich die Nationalitäten nicht mehr vertrugen), plötzlich überfiel Putin die Ukraine (weil er meinte, sie sich einverleiben zu können), plötzlich überfiel die Hamas ein friedliches israelisches Freiluftfestival. Jeder, der sich mit diesen Konflikten näher beschäftigt, weiß jedoch, dass diese nicht aus heiterem Himmel kommen. (Welche Rolle spielte z.B. die Nato in dem jeweiligen Konflikt? Welche die Gaza-Politik Israels?) Diejenigen mit politischer Macht beeinflussen die Geschehnisse durchaus. Münkler weiß das, denn er hat sich z.B. ausführlich mit Imperien beschäftigt. Ehe er aus historischen Verallgemeinerungen Schlüsse für unsere nationale Sicherheitsstrategie zieht, sollte er sich lieber mit den konkreten Ursachen der heutigen Weltlage ausführlich beschäftigen. Da ist doch Wolfgang Streeck sehr viel klarer, der im FR-Interview genau das tut und auf den Einwurf „Na ja, der Krieg in der Ukraine ging ja von Russland aus, nicht von den USA…“ antwortete: „Das ist eine lange Geschichte. Man kann nicht Raketen 500 Kilometer vor der Hauptstadt einer rivalisierenden Atommacht aufstellen wollen, ohne dass die sich regt.“

Und das führt mich zu den Kernpunkten meiner Kritik:

Erstens: Mit der gesamten Fragestellung wurde ein Strohmann aufgebaut. Es wird unterstellt, dass die Friedensbewegung aus naiven Träumern besteht, die eine Grundtatsache des menschlichen Lebens nicht wahrhaben wollen und endlich aufwachen müssen. Die Friedensbewegung bestreitet aber nicht, dass es immer Kriege gegeben hat. Und nur eine Minderheit konsequenter Pazifisten fordert, dass unser Staat völlig auf Waffen verzichten, und eine konsequent pazifistische Haltung einnehmen sollte. Vielleicht machen es sich Friedensfreunde bisweilen zu einfach, wenn sie bei der Behauptung stehen bleiben, wir hätten bereits genügend hohe Rüstungsausgaben. Worüber wir aber wirklich diskutieren müssen, ist, worin in unserem konkreten Einzelfall und der aktuellen Weltlage die Kriegsgefahr besteht, und was die beste Antwort auf diese Gefahr ist. Und dazu gehört natürlich auch die realistische Einschätzung der Motive der verschiedenen Beteiligten, der Kräfteverhältnisse und der Ressourcen, die uns und den anderen zur Verfügung stehen. (Ein Anfang wäre die Lektüre des Buches Weltordnung im Umbruch). Diese Diskussion wird bei uns nicht in der nötigen Tiefe und Offenheit geführt. Stattdessen werden Menschen als „russisches Sprachrohr“ sanktioniert. Es wird unterstellt, dass Verstehen automatisch Verzeihen heißt, und dass wer dem Standpunkt des Gegners Gehör verschafft, Unfrieden in unsere Gesellschaft bringt.

Zweitens: Münkler beschäftigt sich eigentlich nur mit einer Seite des Problems: „Wenn Du den Frieden willst, bereite Dich auf den Krieg vor.“ Ja, es gab Kriege, aber es gab und gibt eben auch Friedenszeiten und ohne die hätte es keinen menschlichen Fortschritt gegeben. Spätestens seit Graeber und Wengrows Buch Anfänge wissen wir um die unglaubliche Vielfalt der menschlichen Gesellschaften im Laufe der Geschichte. Und da kann man nachlesen, dass Kriege eben auch insofern keine zivilisatorische Errungenschaft sind, als man sich, seitdem „wenigstens theoretisch, an gewisse Spielregeln hält“, wie im Interview gesagt. Vielmehr haben die Menschen auch schon in vor-agrarischen Gesellschaften ausgeklügelte Wege und Rituale zur Verhinderung von Gewalt entwickelt und gelebt. Das Ergebnis fällt eben unterschiedlich aus, je nachdem, ob ich in der Geschichte nach Beispielen für Kriege suche oder das gesamte Spektrum der unterschiedlichen Formen des Zusammenlebens in den Fokus rücke. Eine mindestens gleichwertige Aufgabenstellung für historische Forschung wäre: „Wenn Du den Krieg nicht willst, bereite Dich auf den Frieden vor.“ Mit Recht stellt Jochen Wegner Münkler die Frage, ob es nicht Möglichkeiten gibt, das menschliche Zusammenleben auf andere Weise zu regeln. Obwohl dieser das bestreitet, gibt es dafür viele historische und aktuelle Beispiele, man betrachte nur das Modell ASEAN. Zudem waren ja auch die Verfasser der UNO Charta nicht so naiv zu glauben, dass es keine Konflikte mehr geben wird. Die Charta fordert jedoch alle Beteiligten dazu auf, in einem solchen Fall alles dafür zu tun, dass schnell wieder Frieden wird. Und nicht dazu, die jeweilige Partei, die vermeintlich oder wirklich im Unrecht ist, dabei zu unterstützen, einen bewaffneten Konflikt zu gewinnen. Frieden ist über Gespräche und Interessensausgleich möglich. Wenn er nicht hält, müssen weitere Verhandlungen folgen. Ob das lohnender oder frustrierender ist als die ständige Eskalation eines Krieges durch immer mehr Waffen, wonach irgendwann aus Erschöpfung Frieden geschlossen wird, oder im Fall des Atomwaffeneinsatzes die Welt in unserer jetzigen Form zerstört wird, mag jeder selbst beurteilen. Gerade eben wurde der Zeiger der Weltuntergangsuhr weiter vorgestellt: Demnach sind es nur noch 85 Sekunden vor Mitternacht.

Indem er die Diskussion der Friedensfrage ausklammert und die Kriegsfrage aus historischen Allgemeinplätzen und nicht aus der Gegenwart ableitet, drückt sich Münkler vor der notwendigen inhaltlichen Debatte über die Ursachen der heutigen Kriege und die realistischen Chancen der Länder Europas, sich in der aktuellen Weltlage als souveräne und friedliche Staaten zu behaupten. Dabei darf das Verhältnis zu unserem geografischen Nachbarn Russland kein Tabuthema sein. Als Politologe müsste er es besser wissen. Deswegen könnte man ihm bewusste Propaganda unterstellen.

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