Krieg als zivilisatorische Errungenschaft?

Vor kurzem gab Herfried Münkler in der Zeit ein Interview

… und es steht nicht einmal hinter einer Bezahlschranke. Für die einen ist es ein tiefsinniger Beitrag zur Menschheitsgeschichte, für die anderen ein ärgerliches Musterbeispiel für an Gebildete gerichtete Kriegspropaganda.

Herfried Münkler beschäftigt sich mit Kriegen im Verlaufe der Geschichte. Der „einflussreichste, lebende deutsche Politologe“ (die Zeit) hat mehrere Bücher dazu geschrieben. Eine klare Abgrenzung zwischen Kriegs- und Friedenszeiten entstand demnach mit der Sesshaftigkeit der Menschen und der Notwendigkeit stabiler Verhältnisse in Agrargesellschaften. Das führte aber auch zur fortwährenden Gefährdung der Stabilität durch diejenigen, die auf diese Reichtümer schielten. So waren und sind Kriege also eine notwendige Begleiterscheinung der menschlichen Zivilisation.

Ein ausgesprochen interessantes Forschungsthema also. Und die Leserin muss zugeben, dass sie Münklers Thesen an vielen Stellen aufgrund fehlender Sachkenntnis nicht beurteilen kann. In den Fällen, in denen sie – zumindest etwas – Sachkenntnis besitzt, und ihr Zweifel am Tiefgang der Argumentation kommen, muss sie einräumen, dass in einem doch relativ kurzen Interview vieles zwangsläufig verkürzt werden muss. Dennoch: Etliche, im Interview locker hingeworfene Behauptungen wecken ernsthaften Diskussionsbedarf. Das beginnt mit den Ursachen des Männerüberschusses in der Antike: So einfach ist eine weibliche Übersterblichkeit weder nachweis- noch begründbar. Und endet nicht mit dem Thema Proliferation (Weitergabe) von Atomwaffen und dem Budapester Memorandum, nach dem die Ukraine die auf ihrem Gebiet gelagerten Atomwaffen an Russland abgab und ihr im Gegenzug die Unverletzlichkeit ihrer Grenzen zugesichert (oder vielleicht nur in Aussicht gestellt) wurde: Dass nur Russland das Memorandum verletzt hat, ist unwahr, und die gesamte Fragestellung „Was wäre, wenn die Ukraine weiterhin Atomwaffen besessen hätte?“ erweist sich als sehr viel komplexer als im Interview auch nur angedeutet. Weiterlesen

Zur Friedensdemo am 25.11.2023

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Diese Mail kam vorhin von Peter Wahl (Annalena Baerbock und Janine Wissler waren im CC):

Liebe Leute,
die Demonstration und Kundgebung gestern in Berlin unter dem Motto Nein zu Kriegen – Rüstungswahnsinn stoppen – Zukunft friedlich und gerecht gestalten war mit über 20.000 Teilnehmern ein großer Erfolg.

Als jemand der einige Großdemos in Leitungsfunktionen auf dem Buckel hat, weiss ich wovon ich rede, wenn ich die Zahlen der Polizei als reinen Polit-Fake bezeichne. In der Demoleitung gab es sogar Gemurre, weil wir nicht auf das übliche Ritual eingestiegen sind, deutlich höhere Angaben zu machen. Wir haben uns aber bewusst entschlossen, bei der realistischen Zahl zu bleiben.

Der Erfolg der Mobilisierung ist umso bemerkenswerter, als Friedensbewegung in diesen Zeiten nicht gerade unter günstigen Bedingungen agieren muss. Denn:
1. Mit dem Ukraine-Krieg versuchen der herrschenden Block und seine ideologischen Apparate eine Renaissance von deutschem Militarismus und deutschem Großmachtstatus – beschönigend als „Zeitenwende“ bezeichnet – durchzusetzen. Sie wollen den deutschen Imperialismus 3.0. Auch wenn das, wie alle Umfragen belegen, nicht so recht funktioniert, und in der Bevölkerung zumindest eine post-heroische Grundhaltung verbreitet ist, muss Friedenspolitik gegen unglaublichen propagandistischen Gegenwind ankämpfen. Weiterlesen

Gastbeitrag: Die tägliche Zeitungslektüre macht fassungslos

von Christian

Da hat unser Bundeskanzler ja einen tollen Deal gemacht:

Mit allerlei Vereinbarungen zur Sicherung der deutschen Energieversorgung ist Kanzler Olaf Scholz von einer zweitägigen Reise in drei arabische Golfstaaten heimgekehrt. So wird die Bundesrepublik ab dem Jahreswechsel 2022/23 gut 137.000 Kubikmeter Flüssiggas aus den Vereinigten Arabischen Emiraten importieren. Das ist weniger als die Menge, die mit Nord Stream 1 an einem Tag eingeführt wurde.

Zudem erhält Deutschland ab 2023 bis zu 250.000 Tonnen Diesel pro Monat aus den Emiraten. Diese verfügen über Lieferkapazitäten, weil sie ihre Öleinfuhr aus Russland verfünffacht haben.

Wer nicht pariert muss fühlen: Roger Waters darf in Polen nicht auftreten

… und ein deutscher Beobachter der Referenden verliert seinen Job Weiterlesen

Wahrheit in Zeiten des Krieges

Historian Anne Morelli has summarized Arthur Ponsonby’s classic book Falsehood in War-Time as this:

  1. We do not want war.
  2. The opposite party alone is guilty of war.
  3. The enemy is inherently evil and resembles the devil.
  4. We defend a noble cause, not our own interests.
  5. The enemy commits atrocities on purpose; our mishaps are involuntary.
  6. The enemy uses forbidden weapons.
  7. We suffer small losses, those of the enemy are enormous.
  8. Recognized artists and intellectuals back our cause.
  9. Our cause is sacred.
  10. All who doubt our propaganda are traitors.

Quelle: Moonofalabama

Es ist schon soweit: „Feindsender“ werden verboten. Wann werden wir wegen „Verbreitung von Feindpropaganda“ denunziert und eingesperrt?