Der erste Teil dieses Beitrages beschäftigte sich mit dem hinter „dem Akt der Gewalt“ des Iran-Kriegs stehenden „politischen Willen“. Im zweiten Teil ginge es darum, wie im Krieg „zwei lebendig Kräfte gegeneinander“ stoßen, gekennzeichnet durch die jeweilige „Größe der vorhandenen Mittel“ und ihre „Stärke der Willenskraft“. (Carl von Clausewitz). Erfahren Sie nun, wie die „Wahrscheinlichkeiten des wirklichen Lebens an die Stelle des Äußersten und Absoluten der Begriffe treten.“
„Ist der Krieg nicht mehr ein idealer, sondern ein sich eigentümlich gestaltender Verlauf der Handlung, so wird das wirklich Vorhandene die Daten abgeben für das Unbekannte, zu Erwartende, was gefunden werden soll. […] Hier drängt sich nun von selbst ein Gegenstand von neuem in die Betrachtung […]: der politische Zweck des Krieges.“ (Carl von Clausewitz)
In der Schwebe
Nach der Eskalation der Gewalt rückt wieder die politische Ordnung in den Mittelpunkt. Die Beteiligten stehen dabei jedoch an völlig unterschiedlichen Punkten. Während einige bereits über die Nachkriegsordnung sprechen, kämpfen andere noch um Kriegsziele, die der Krieg selbst möglicherweise unerreichbar gemacht hat.
Prekäre Waffenruhe
Der heiße Krieg dauerte 40 Tage. Er begann am 28. Februar 2026. Am 8. April 2026 vereinbarten die USA und der Iran eine vorläufige Waffenruhe. Nun kontrolliert der Iran die Straße von Hormus. Auf Basis einer umstrittenen Interpretation des internationalen Seerechts hat Teheran erklärt, dass die Meerenge iranisches und omanisches Hoheitsgebiet ist. Die beiden Länder hätten also das Recht, Zölle zu erheben und zu bestimmen, wer passieren darf. Daraufhin ließ Trump eine eigene Blockade verhängen, sodass Schiffe, die die Straße von Hormus passiert haben, nicht weiter kommen, und umgekehrt keine Schiffe in den Persischen Golf einfahren können. So ist der Zugang zu mindestens 20 Prozent der weltweiten Öl- und Flüssiggasproduktion blockiert, mit Folgen nicht nur für die Energieversorgung vieler Staaten, sondern für deren gesamte Wirtschaftslage.
Der Persische Golf und die Straße von Hormus gehören zu den wichtigsten Verkehrswegen des Welthandels. Jede Einschränkung des Schiffsverkehrs wirkt sich unmittelbar auf Ölpreise, Transportkosten und Produktionsketten aus. Die Folgen sind keineswegs auf die Industriestaaten beschränkt. Höhere Energiepreise treffen vor allem die ärmeren Länder. Treibstoff verteuert sich, Düngemittel werden knapp, landwirtschaftliche Produktion gerät unter Druck. Die Folgen reichen von steigenden Lebensmittelpreisen bis hin zu Versorgungsengpässen. Auch bei einer sofortigen Öffnung ist inzwischen eine globale Rezession wohl unvermeidlich. Je länger die Schließung dauert, desto schwerer wird die Krise ausfallen. Japan, Indien, Pakistan und viele europäische Staaten haben ein elementares Interesse daran, dass die Energieversorgung wieder stabil wird. Je länger der Konflikt andauert, desto stärker wächst der Druck auf Washington, eine politische Lösung zu suchen.
Die gescheiterte Suche nach einer Verhandlungslösung
Diese Lösung lässt auf sich warten. Seit dem Eintritt der Waffenruhe bescherte Präsident Trump der Welt weitaus mehr Posts auf Truth Social als schon zuvor. Die Äußerungen zum Iran bestanden oftmals aus Androhungen von Gewalt; (nicht zuletzt nach Protesten der Golfstaaten) von Ankündigungen einer kurz bevorstehenden Einigung abgelöst (ein Beobachter verzeichnete bis 9. Juni 37 derartiger Texte). Damit gelang es ihm, die Märkte immer wieder zu beruhigen.1
Viel Zeit ist nicht mehr, bis diese Strategie obsolet ist. Wie der Energiemarktexperte Kurt Cobb in einer aktuellen Analyse vom 8. Juni warnt, nähert sich die globale Ölversorgung in wenigen Wochen einem kritischen Punkt: dem sogenannten operational minimum – der absolut notwendigen Untergrenze für eine funktionierende Versorgung. Spätestens im September 2026 beginnt ein Wettbieten um die letzten verfügbaren Ölmengen, was die Preise schlagartig in ungeahnte Höhen treiben könnte.
Ob Trump nur heiße Luft verbreitet, oder ernsthaft nach einer tragfähigen Lösung sucht, wissen wir nicht. Alle Vermittlungsversuche pakistanischer und zuletzt auch omanischer Vermittler blieben jedoch bisher ohne Ergebnis. Und nachdem man über Wochen den erneuten Ausbruch von Kampfhandlungen befürchten musste, brachen diese dann tatsächlich am 7. Juni ernsthaft wieder auf. Ist nun erneut mit einer längeren Eskalationsphase zu rechnen? Oder wird sich der Konflikt auf Sparflamme gar über Jahre hinziehen?
„Das Gesetz des Äußersten, die Absicht, den Gegner wehrlos zu machen, ihn niederzuwerfen“, „verschlingt“ immer wieder den „politischen Zweck“
Wie konnte es dazu kommen? Warum „verschlingt“ – um es mit den Clausewitzschen Formulierungen auszudrücken – „das Gesetz des Äußersten, die Absicht, den Gegner …] niederzuwerfen“, immer wieder den „politischen Zweck“?
Die Antwort ist klar: Die Angreifer haben den politischen Zweck ihres Krieges nicht erreicht. Im Gegenteil: Der Iran steht stärker da als je zuvor. Die Angreifer können oder wollen dieses „wirklich Vorhandene“, ihr Scheitern, aus unterschiedlichen Gründen nicht akzeptieren. Sie versuchen also, diese Situation über weitere Versuche, „den Gegner niederzuwerfen“, zu revidieren. Trotz der damit zweifellos verbundenen erheblicher Verluste für den Iran ist das jedoch nicht mehr möglich, da sind sich viele geopolitische Beobachter einig. Und nicht nur Israel, sondern besonders die Golfstaaten wären existentiell gefährdet, wenn der Iran nicht nur die amerikanischen Militärbasen dort, sondern auch deren Öl- und Gasinfrastruktur und die von Entsalzungsanlagen abhängige Wasserversorgung systematisch zerstören würde, wozu er ohne Weiteres in der Lage wäre. Zudem ist der Iran nun dabei, die Anlagen von Elon Musk in Israel, Katar, Jordanien, den VAE and Oman auf die Liste seiner Angriffsziele zu setzen, einschließlich der Starlink Bodenstationen und der SpaceX Infrastruktur.
Laut einem der erfahrensten amerikanischen Nahost-Diplomaten, dem ehemaligen US-Botschafter in Saudi-Arabien und früherem Staatssekretär im Pentagon Chas Freeman, ist militärisch keine Umkehrung der Situation mehr erreichbar. Der Iran besitze die Eskalationsdominanz. Die Schaffung einer neuen regionalen Ordnung auf politischem Wege sei unvermeidlich, so Freeman. Dabei werde der Iran eine regionale Führungsrolle einnehmen.
Regionale Ausweitung des Krieges
Im Gegensatz zu den USA und Israel ist die iranische Führung auf einen langen Krieg eingestellt. Sie ist überzeugt, diesen gewinnen zu können. (Siehe dazu auch Teil 2 meiner Essay-Reihe.) Wichtiger als die schnelle Einstellung der Kampfhandlungen ist für sie die endgültige Veränderung der Verhältnisse im Nahen Osten: Die Aufhebung des Druckes auf das eigene Land und Frieden für die gesamte Region. Zum ersten Mal griff der Iran zum Beispiel nun Israel nicht als Antwort auf einen direkten Angriff an, sondern wegen Israels Bombardierung des Libanon. Und im Jemen steht Ansar Allah bereit, um den Bab el Mandeb zu sperren, wenn es der Organisation zum Schutz der Palästinenser und der Unterstützung der übrigen Verbündeten als notwendig erscheint.
Und wieder Verhandlungsversuche
Teheran macht weitere Verhandlungen von der Erfüllung von fünf Forderungen abhängig: Freigabe des eingefrorenen iranischen Vermögens in Höhe von 24 Milliarden Dollar, Aufhebung der Sanktionen für die Dauer der Verhandlungen, Aufhebung der Blockade der Straße von Hormus, Akzeptanz der iranisch-omanischen Kontrolle der Meerenge, Einstellung der israelischen Angriffe auf den Libanon und Gaza Im Gegenzug werde der Iran den Verzicht auf die Entwicklung einer Atomwaffe erklären und die Straße von Hormus (zollpflichtig) für den gesamten Schiffsverkehr öffnen.
Glaubt man den vielen herumschwirrenden Berichten und Gerüchten, so laufen die Verhandlungen seit Wochen nach den folgenden Muster ab: Amerikaner und Iraner tauschen über Vermittler Botschaften aus, eine vorläufige Einigung in Form einer Absichtserklärung kommt zustande. Präsident Trump nimmt anschließend einseitige Änderungen vor, häufig nach Rücksprache mit dem israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu, worauf die Iraner das Ergebnis für ungültig erklären.
Die USA in der Zwickmühle zwischen Israel und den eigenen Großmachtinteressen
Zur Vermeidung schwerer wirtschaftlicher und innenpolitischer Folgen und geopolitischer Schadensbegrenzung wäre eine schnelle Verhandlungslösung, insbesondere ein Atom-Deal, im amerikanischen Interesse und auch im Interesse von Präsident Trump, da sind sich wichtige amerikanische politische Analysten einig. Auch Vize-Präsident J.D. Vance scheint das so zu sehen und in dieser Richtung initiativ zu werden. Das gesamte Umfeld des Präsidenten hätte schon den Angriff im Februar mit großer Skepsis betrachtet, berichtet Robert Barnes, der dem Weißen Haus sehr nahesteht, und Trump bis 2020 als Anwalt beriet. Trump ließe sich aber stärker durch sein Ego leiten, die Angst, als Verlierer dazustehen; vor allem sei es aber die Angst vor der Israel-Lobby, die sein Verhalten bestimmt und ihn daran hindere, Israel in die Schranken zu weisen.
Israels Sicherheitsinteressen
Denn aus Sicht der israelischen Regierung ist eine Verhandlungslösung, die Gaza und den Libanon einschließt, nicht akzeptabel. Das hängt einerseits stark mit der persönlichen Situation des israelischen Ministerpräsidenten zusammen, der befürchten muss, nach einem evtl. Kriegsende inhaftiert zu werden. Aber vor allem sind es die Sicherheitsvorstellungen, die insbesondere nach dem 7. Oktober 2023 in der israelischen Gesellschaft vorherrschen. Nahostexperte Alastair Crooke erklärt, dass die Sicherheitsdoktrin darauf abziele, die Gefahren für Israel an der Wurzel zu beseitigen, indem zum Beispiel alle bewaffneten Widerstandsgruppen zerschlagen und Pufferzonen geschaffen werden: In Gaza werde gerade die gelbe Linie, bis zu der Israel nach den Waffenstillstandsverhandlungen die Besetzung von 50 Prozent des Gebietes zugestanden wurde, auf 70 Prozent ausgeweitet. Der Libanon soll bis zum Litani-Fluss unter israelische Kontrolle gebracht werden.
Aus israelischer Sicht erscheinen die vom Iran geforderten Bedingungen derzeit nicht akzeptabel, weil sie als existentielle Gefährdung der eigenen Sicherheit wahrgenommen werden. Dadurch entsteht eine Situation, in der die militärischen und politischen Realitäten, die der Iran geschaffen hat, mit den israelischen Sicherheitsvorstellungen nicht vereinbar sind. Das ist ein unlösbarer Konflikt, der in eine militärische Eskalationsspirale führt, in der am Ende der militärisch schwächere Teil unterliegt. Sollte es sich bewahrheiten, dass Israel dieser schwächere Teil ist, befindet das Land in einer gefährlichen Lage: Die eigene Politik bewirkt das, was eigentlich verhindert werden soll.
Ist es möglich, diese Spirale zu durchbrechen? Könnten die USA einerseits Druck auf das von ihnen abhängige Land auszuüben, die Grenzen von 1949 bzw. 1967 zu respektieren und gleichzeitig dessen Sicherheit im Rahmen dieser Grenzen garantieren? Warum gelang es umgekehrt den USA und der internationalen Staatengemeinschaft nicht, die parallele Gewaltspirale zu durchbrechen, und die Sicherheit der Palästinenser und der libanesischen Bevölkerung zu schützen und diese gleichzeitig dazu zu zwingen, Israel in den genannten Grenzen zu akzeptieren?
Die Libanon-Frage
Um auf den aktuellen Konflikt zurückzukommen: Es ist insbesondere die Haltung des Iran in der Libanon-Frage, die aus israelischer Sicht eine politische Lösung des Konflikts unmöglich macht. Dabei spielt Hisbollah eine entscheidende Rolle. Die libanesische Regierung hat mit Israel einen Waffenstillstand geschlossen, der aber nicht einmal den Abzug der israelischen Truppen aus dem Süden des Landes vorsieht. Israel fordert zudem die Entwaffnung von Hisbollah. Das wird jedoch nicht geschehen, zu groß ist der Einfluss der Organisation im Land. Sie ist nicht nur eine Miliz, sondern organisiert auch soziale Angebote und ist als politische Partei im Parlament vertreten. Faktisch ist es allein Hisbollah, die die Souveränität des Libanon militärisch verteidigt.
Lässt sich Israel nicht auf einen Truppenabzug im Libanon ein, ist nun auch deswegen eine direkte militärische Auseinandersetzung mit dem Iran realistisch und könnte für das Land sehr gefährlich werden. Ist das den Beteiligten bewusst? Verlässt sich Israel auf seine Atomwaffen? Hofft man auf einen massiven amerikanischen Truppeneinsatz? Der wäre eher unwahrscheinlich. Denn während Israel vor allem auf seine unmittelbaren Sicherheitsziele blickt, sieht sich Washington zunehmend mit den weltweiten Folgen des Krieges konfrontiert. So wächst der Druck auf Trump, einen politischen Ausweg zu finden. Wie wird er sich in der Zwickmühle zwischen israelischen und US-Großmachtinteressen entscheiden?
Zukunftsmusik: Die Neuordnung im Nahen Osten
Iran: Vom Überleben zur Neuordnung
Der Iran hat das unmittelbare Kriegsziel erreicht: Der Staat existiert weiter, die Führung ist nicht gestürzt worden, die militärischen Fähigkeiten wurden nicht ausgeschaltet. Deshalb verfolgt Teheran inzwischen nicht mehr primär die Frage des militärischen Überlebens, sondern die Gestaltung der Nachkriegsordnung.
Iran will keinen bloßen Waffenstillstand, sondern eine dauerhafte Sicherheitsordnung, die weitere Angriffe verhindert. Die Führung sich sich mittlerweile nicht mehr als bedrängte Regionalmacht, sondern als Akteur, der die Bedingungen einer künftigen Ordnung mitbestimmen könne. Er arbeitet deswegen auf eine regionale Sicherheitsarchitektur hin, die nicht mehr von den USA dominiert wird, sondern von den Staaten der Region selbst: Iran, Saudi-Arabien, Türkei, Pakistan und Ägypten.
Der Iran kann darüber hinaus mit der Unterstützung der Großmächte China und Russland rechnen. Wird es künftig die immer stärkere Integration eines kontinentalen eurasischen Wirtschafts- und Sicherheitsraumes geben?
Die Golfstaaten: Der Beginn einer Neuorientierung
Die Regierungen der arabischen Golfstaaten werden pragmatisch handeln und sich langfristig an den tatsächlichen Machtverhältnissen orientieren und nicht an alten Loyalitäten.
Von nun an erscheinen die USA als wenig verlässlicher Schutzpatron. Die Militärbasen sind weitgehend zerstört. Ob ein kostspieliger Aufbau stattfindet, ist ungewiss. So werden die Golfstaaten künftig wohl keine anti-iranische Allianz bilden. Im Gegenteil: Ein schrittweiser Ausgleich zwischen den bisherigen Rivalen wird wahrscheinlicher. Dabei wird es nicht unbedingt eine einheitliche Politik der Golfstaaten geben. Die VAE, zum Beispiel, haben sich stark an Israel angenähert. Wie lange die Allianz hält, bleibt abzuwarten.
Türkei, Pakistan und Ägypten: Die künftigen Ordnungsmächte?
Groß genug, um regionale Stabilität zu organisieren, und gleichzeitig unmittelbar von den Folgen des Krieges betroffen, könnten diese Staaten mit vorwiegend muslimischen Bevölkerung zusammen mit Iran und den Golfstaaten den Kern einer neuen regionalen Sicherheitsordnung bilden. Die USA und Israel stehen in diesem Modell nicht mehr im Zentrum. Auch noch nach einem eventuellen militärischen Rückzug aus Nahost werden die USA weiterhin erheblichen Einfluss auf das globale Wirtschafts- und Finanzsystem haben. Was dann aber aus Israel wird, bleibt eine spannende Frage. Wird es überhaupt eine vertraglich vereinbarte Friedensordnung im Nahen Osten geben? Oder eine mehr oder weniger stillschweigende schrittweise Verständigung über einen neuen Status Quo?
1Die Entwicklung des Konflikts wird von Yves Smith bei Naked Capitalism so gut wie täglich dokumentiert. Den im Text geschilderten typischen Ablauf schildert sie beispielsweise hier.