Antisemitismus als politische Waffe?

Bildquelle: https://www.jfda.de/documenta/3.1.-people%27s-justice

Im gestrigen politischen Salon des Marburger Friedensforschers PD Dr. Johannes M. Becker erinnerten der ehemalige Leiter des Bildarchivs Foto Marburg Prof. (em.) Dr. Lutz Heusinger und der Studien-Reiseveranstalter und -schriftsteller Dr. Andreas Schneider an die Antisemitismus-Debatte anläßlich der Dokumenta 15 im Jahr 2022. Und noch immer weckt diese starke Emotionen.

Andreas Schneider stellte den Stein des Anstoßes, das Bild people’s justice des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Pardi, vor. Vor allem die Darstellung des internationalen Finanzkapitals als jüdischer Banker führte am Ende dazu, dass das Bild entfernt wurde. Er argumentierte, die Künstler hätten viele verschiedene symbolische Darstellungen verwendet, darunter eben auch dieses. Das hätte ihrem Erfahrungshorizont gemäß nahegelegen; selbst der indonesische Außenminister habe davon gesprochen, dass 70 % des Finanzkapitals in jüdischer Hand sei. Man müsse außerdem das Gesamtanliegen betrachten: In Indonesien wurden ungeheuerliche Verbrechen begangen, zwischen 500.000 und 1 Mio., vorwiegend kommunistische, Opfer seien zu beklagen. In der Mitte des Bildes werden diese Verbrechen drastisch dargestellt, darüber die verhafteten Verbrecher und darüber ein Gericht aus Vertretern verschiedener Gruppen des Volkes. Die linke Seite stellt diejenigen da, die aus Sicht der Künstler für diese Verbrechen verantwortlich sind, die rechte Seite die Vision einer glücklichen Zukunft, nachdem Recht gesprochen wurde.

Unter den vielen Schuldigen, die auf der linken Seite zu sehen sind, erscheint nun als einer von vielen das als jüdisch charakterisierte Finanzkapital. Die Absicht der Künstler war es damit, wie Schneider feststellt, sicher nicht, die Juden als Sündenböcke für die Leiden des indonesischen Volkes herauszustellen. Es ging um die Darstellung des eigenen Leidens und darum, alle daran Schuldigen zu bestrafen. Und da ist es eben historisch erwiesen, dass auch der Mossad, der Geheimdienst Israels, einem Land, das sich ausdrücklich als Heimstatt aller Juden versteht, beteiligte. (Auch der Mossad Geheimdienstler war ein Stein des Anstoßes, wobei er als einer unter mehreren Geheimdienstlern dargestellt wird.) Und, wenn die Indonesier überhaupt etwas vom Holocaust wissen, dann ist er für sie wenig relevant, auch angesichts der Tatsache, dass im ganzen Land nur 200 Juden leben. Weswegen in der Zukunftsvision für Indonesien, um die es in diesem Bild geht, das Judentum nicht auftaucht. Wohl aber in den Zukunftsvisionen von Taring Pardi für die Welt, wie Schneider am Beispiel zeigte.

Die Empörung über die Verwendung des antisemitischen Banker-Klischées ist verständlich. Und gerade in Deutschland ist man da mit Recht sehr empfindlich. Was aber dann in der Dokumenta- Debatte geschah, war, dass die Leiden des jüdischen Volkes in Deutschland zwischen 1933 und 1945 in den Mittelpunkt der Debatte gerückt wurden. Alle anderen Leiden anderer Menschen und Völker – vor oder nachher – wurden von nun an ignoriert, mindestens als zweitrangig eingestuft und sogar die Frage tabuisiert, ob nicht auch der israelische Staat, wie gesagt, der Staat der sich als Heimstatt aller Juden versteht,  für Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich ist. Nämlich für das heutige Leiden der Palästinenser.

Als Beispiel für diese Juden-zentristische Sicht mag der Artikel des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V. stehen. Demnach strotzt das Bild nur so vor antisemitischen Klischees. Das mag sein. Das mag auch sein, dass man, wenn man immer nur an das Eine denkt, es überall auch findet. Wie auch immer. Aus meiner Sicht geht der Artikel am Wesentlichen vorbei: Das Bild dreht sich nicht um die jüdische Erfahrung, sondern um die indonesische. Und die Künstler wollen auch nicht die Juden bestrafen, sondern, sie sehen das kapitalistische System mit all seinen Facetten als Wurzel allen Übels. Vielleicht ist das falsch, vielleicht zu platt dargestellt, vielleicht mit Bildern, die angesichts dessen, was noch so in der Welt geschah, unangemessen sein mögen. Aber nochmal zum Mitschreiben: Es geht hier nicht um das Judentum, weder im Guten noch im Schlechten, sondern um die Indonesier. Punkt.

Dass gerade Menschen, deren Vorfahren unendliches Leid ertragen mussten, völlig unfähig dazu sind, das Leid anderer Menschen anzuerkennen und nachzuempfinden, ist für mich unbegreiflich. Ganz anders der Saxophonist Gilad Atzmon, der sich vom Judentum losgesagt hat. Seine für mich völlig überraschende Reaktion auf die Bombardement-Erfahrungen meiner Familie im Zweiten Weltkrieg: „Das alles ist mir ziemlich gegenwärtig. Das Leiden der Deutschen ist mir sehr bewusst.“ Selbst den Mitgliedern des „Täter-Volkes“ gegenüber legte er  Mitgefühl an den Tag. Etwas, was wir uns oftmals nicht einmal selbst gestatten..

Bildquelle: https://www.jfda.de/documenta/3.1.-people%27s-justice

Während also die anwesenden Kritiker von Dr. Schneiders Vortrag ihrem Befremden über seine Verharmlosung eines antisemitischen Abbilds deutlich Ausdruck verliehen, ging auch unter denjenigen, die das Abhängen des Bildes und die damit verbundene Debatte in Deutschland empörend fanden, die Diskussion beim Italiener weiter. Wie kommt es, dass wir so emotional auf das alles reagieren?

Eine Erklärung wäre vielleicht diese: Die Dokumenta 15 war die große Chance, dass Künstler des globalen Südens ihre Sicht auf die Welt und auch ihre Art und Weise, diese künstlerisch darzustellen, einem Publikum des Nordens vorstellen konnten. Das musste zu Irritationen führen: Dass „wir“ in den Augen des Südens oftmals nicht die „Guten“ sind, und insbesondere auch der Staat Israel, ist verstörend. Aber auch die künstlerische Darstellungsweise selbst entsprach nicht immer dem, was hierzulande unter Kunst verstanden wird. Was bei gegenseitigem Zuhören zu einem hochinteressanten Dialog und Lernprozess hätte werden können (dann hätten die Künstler vielleicht verstanden, warum hierzulande so eine Abbildung ein No Go ist und der Vergleich von der Sache her nicht passt), wurde zur deutschen Nabelschau. Damit wurde eine große politische Chance vertan. Im Mittelpunkt stand der Antisemitismus, alles andere war dagegen uninteressant. Erinnert das nicht stark an die heutige Situation, wo die Sonderbeauftragte der UN für Palästina daran gehindert wird, in Deutschland zu sprechen und unsere künftige Regierung sogar einen internationalen Strafbefehl zu missachten beabsichtigt, um den israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu in Deutschland begrüßen zu dürfen?

Was die Dokumenta 16 betrifft, so ist die Welt wieder in Ordnung, wie Lutz Heusinger berichtete. Als Kuratorin beauftragt wurde Naomi Beckwith, stellvertretende Direktorin und Jennifer & David Stockman-Chefkuratorin am Solomon R. Guggenheim Museum and Foundation in New York. Unter den sechs Migliedern des künstlerischen Beirats sind drei Mitglieder, die gute Beziehungen zum Staat Israel unterhalten. Wir können also alle beruhigt schlafen, denn so ein Skandal wie 2022 wird sich nicht wiederholen. Und Geld kann nun mit der Dokumenta auch wieder verdient werden, da der Betrieb wieder voll in der Hand des Kunstestablishments liegt.

Mehr zum Thema „Antisemitismus als politische Waffe“ auf unserem Blog (Schon älter, aber immer noch aktuell) siehe z.B. hier. 

Wir haben auch immer wieder was über Gaza veröffentlicht. Sehr interessant ist ebenfalls das zweiteilige Interview der Weltwoche mit dem britischen Diplomaten Alastair Crooke, das ich übersetzt habe, und das auf Makroskop erschien:

2240704 Crooke_wir-haben-keine-brucken-mehr

240710 Crooke1_wir-haben-keine-brucken-mehr

Literatur

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